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Nebennieren

Kleine Drüsen mit großer Bedeutung

Über- und Unterfunktionen möglich

Bei Fehlfunktionen der NNR kann ein Mangel oder auch ein Überschuss an Corticosteroiden entstehen. Fehlt dem Körper Cortisol, kann er in Stresssitua­tionen nicht mehr angemessen reagieren. Muskelabbau, Kraftlosigkeit, Muskelschmerzen, Unterzuckerung, rasche Ermüdung, niedriger Blutdruck, Knochenschwund und Antriebslosigkeit gehören zu den Symptomen, die die Lebensqualität verschlechtern (4).

Durch den Mangel an Mineralocorticoiden leiden die Patienten an Hypotonie, Dehydratation, Hyponatriämie sowie Hyperkaliämie. Wenn bei einem totalen Ausfall der Nebenniere auch Androgene fehlen, klagen vor allem Frauen über einen Verlust an Libido und depressive Verstimmungen.

Professor Dr. Martin Fassnacht, Leiter Endokrinologie und Diabetologie sowie des Bereichs Forschung des Zentrallabors am Universitätsklinikum Würzburg, warnt gegenüber der PZ: »Eine echte NNR-Insuffizienz ist nicht zu verwechseln mit einer Modeerscheinung, der sogenannten Nebennierenschwäche oder adrenal fatigue. Dieses Krankheitsbild gibt es aus endokrinologischer Sicht nicht. Für einzelne Patienten kann es eine Gefahr darstellen, wenn die zugrundeliegende Erkrankung, etwa eine echte NNR-Insuffizienz oder Depression, nicht erkannt wird. Von den unnötigen Kosten ganz zu schweigen.«

Primäre, sekundäre und tertiäre Insuffizienz

Die primäre Nebennierenrinden-Insuffizienz beschrieb der Arzt Thomas Addison bereits 1855. Hierbei liegt die Störung in der Nebenniere selbst. Bei der sekundären NNR-Insuffizienz löst ein Mangel des in der Hypophyse gebildeten ACTH die Fehlfunktion aus, während bei der tertiären Form hypotha­- lamisch produziertes Corticotropin releasing Hormon (CRH) fehlt.

Die primäre NNR-Insuffizienz tritt in den westlichen Ländern zu über 90 Prozent autoimmun-vermittelt auf. In seltenen Fällen zerstören Infektionskrankheiten, etwa Aids oder Tuberkulose, Infarkte oder Tumoren das Gewebe der Nebenniere und führen zum Funktionsverlust (17). Bei Patienten mit ­einer sekundären Insuffizienz stellen Ärzte meistens einen gutartigen Tumor der Hypophyse, ein Hypophysen­adenom, als Ursache fest (4, 5, 6, 7).

Auch die Anwendung von synthetischen Glucocorticoiden kann sich auf die körpereigene Produktion auswirken. Dies hänge von der Dosis und Dauer sowie der individuellen Empfindlichkeit ab, erklärt der Endokrinologe Fassnacht: »Eine perorale Gabe von 7,5 mg Prednisolon-Äquivalent über vier Wochen führt bei vielen Patienten bereits dazu, dass der Körper mit einer rele­vanten Einschränkung der Funktion ­reagiert. Je länger und je höher dosiert behandelt wird, desto gravierender und auch langanhaltender ist die Suppression der Nebenniere beziehungsweise der gesamten corticotropen Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse.«

Bei einer Unterfunktion infolge ­einer systemischen Cortisol-Therapie sprechen Ärzte von einer tertiären (den Hypothalamus betreffenden) oder einer iatrogen bedingten Insuffizienz (4, 5, 6, 7).

Auch zahlreiche andere Medikamente greifen in die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) ein und lösen eine adrenale Insuffizienz aus. Dazu zählen einer Studie aus dem Jahr 2019 zufolge außer Steroiden unter anderem auch CYP3A4-Inhibitoren (Ritonavir, Fluticason), Opioide (Morphin, Fentanyl, Tramadol, ­Methadon oder Misch-Opioide) sowie Immun-Checkpoint-Inhibitoren (Ipilimumab, Pembrolizumab, Nivolumab, Avelumab) (8).

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