Salben, Cremes und Gele sind unverzichtbar in der topischen Therapie, aber sie können nicht alle Anwendungsprobleme lösen. Daher wird viel geforscht an innovativen Darreichungsformen. / © Adobe Stock/zinkevych
Topika gehören zu den ältesten Arzneiformen überhaupt, aber es gibt immer noch technologische Herausforderungen. Unabhängig davon, ob eine lokale oder eine systemische Wirkung gewünscht ist, gilt es, die Hautbarriere kontrolliert zu überwinden und eine ausreichende Verweildauer des Wirkstoffs am Applikationsort zu erreichen.
Eine große Hürde ist das Stratum corneum (SC), das die Penetration und Bioverfügbarkeit topisch applizierter Wirkstoffe durch seine ausgeprägte Barrierefunktion maßgeblich einschränkt. Zudem ist die Wirkdauer konventioneller halbfester Darreichungsformen wie Salben, Cremes und Gele aufgrund ihrer geringen Substantivität begrenzt (Kasten). Neuartige Trägersysteme sollen über längere Zeit an der Haut verbleiben.
Substantivität bezeichnet die Eigenschaft eines Stoffs, sich an eine Oberfläche oder ein Material zu binden und dort über längere Zeit zu verbleiben, sodass seine Wirkung trotz äußerer Einflüsse, zum Beispiel Abwaschen oder Verdunstung, erhalten bleibt. Bei Dermatika beschreibt Substantivität die Fähigkeit eines Wirkstoffs, sich an Bestandteile der Haut – insbesondere an die Hornschicht (Stratum corneum) – zu binden und dort gespeichert zu werden.
Bleiben die Arzneiform und damit der Wirkstoff nicht ausreichend lange auf oder in der Haut, sind sowohl Wirkstärke als auch Wirkdauer eingeschränkt. Neben der Verbesserung der Wirkstoffpenetration wird die Fähigkeit eines Trägersystems, über längere Zeit auf der Haut zu verbleiben und dort eine therapeutisch wirksame Konzentration aufrechtzuerhalten, zunehmend wichtiger.
Sonnenschutzmittel sollen die enthaltenen UV-Filter möglichst lange auf der Haut fixieren – selbst beim Schwimmen oder Schwitzen. Früher wurden vorwiegend lipophile Formulierungen eingesetzt, die bei den Verbrauchern jedoch wenig beliebt waren. Moderne Formulierungen mit wässriger Außenphase nutzen Polymere, die nach dem Auftragen ein Netzwerk auf der Haut bilden und die Filtersubstanzen am Applikationsort fixieren. Um einen übermäßigen Anstieg der Viskosität durch die Polymere zu vermeiden, können diese als wässrige Dispersionen zugesetzt werden.
Solche Systeme sind in der pharmazeutischen Technologie aus dem Bereich der Tablettenüberzüge bekannt. Die speziell für kosmetische Anwendungen entwickelten Polymerprodukte sind allerdings nicht in Pharmaqualität verfügbar und damit für den Einsatz in Arzneimitteln nicht geeignet.
Dennoch lässt sich dieses Konzept auf halbfeste Darreichungsformen übertragen, wie die Arbeitsgruppe von Professorin Dr. Dominique Lunter (Tübingen) am Beispiel einer retardiert freisetzenden Nonivamid-Formulierung zeigen konnte. Nonivamid muss zur Behandlung eines chronischen Pruritus bis zu sechsmal täglich in niedriger Konzentration appliziert werden. Dies ist eine Herausforderung für den Patienten und gefährdet den Therapieerfolg erheblich.
Eine galenische Lösung beruht auf der Einlagerung einer öligen Nonivamid-Lösung in einen porösen Träger und dessen Einarbeitung in eine Polymerdispersion, wie sie auch zur Herstellung von Retard-Filmüberzügen verwendet wird und in pharmazeutischer Qualität verfügbar ist.
Eine Sonnencreme soll möglichst gut haften – auch beim Baden oder Schwitzen. Doch wer will schon wie »geweißelt« aussehen? / © Adobe Stock/DanielaEvaSchneider
Eine solche filmbildende Formulierung verlängert – bei nachgewiesen sehr guter Hautverträglichkeit – die Wirkstofffreisetzung, da der entstehende Film die Abgabegeschwindigkeit kontrolliert und gleichzeitig eine hohe Substantivität hat. Damit bietet diese Applikationsform die Vorteile eines (trans)dermalen Pflasters, ohne in Größe oder Form der Applikationsfläche limitiert zu sein. Wie bei Pflastersystemen resultiert eine verlängerte Wirkstoffverfügbarkeit am Wirkort, die typischerweise eine einmal tägliche Applikation erlaubt: eine deutliche Erleichterung für die Patienten und ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Adhärenz.
Als erwünschter Nebeneffekt reduziert der adhäsive Film das Abwaschen sowie die Übertragung des Wirkstoffs auf Textilien oder nicht betroffene Hautareale signifikant. Dieses Prinzip könnte auch für topische Diclofenac-Zubereitungen vorteilhaft sein, um den unerwünschten Ab- und Eintrag des Wirkstoffs in die Umwelt zu reduzieren.
In zugelassenen Arzneimitteln findet man dieses Konzept bislang nicht, da es sich nur bedingt patentieren lässt und daher für eine kommerzielle Verwertung wenig attraktiv ist. In der Apothekenrezeptur könnte es jedoch durchaus genutzt werden.
Während filmbildende Formulierungen den Wirkstoff auf der Hautoberfläche in einem Depot bereitstellen, aus dem er kontrolliert in die Haut penetriert, zielen nano- und mikropartikuläre Systeme darauf ab, den Wirkstoff zunächst über oder in die Hautbarriere – das Stratum corneum – zu transportieren, um dort eine gezielte Wirkstofffreisetzung beziehungsweise Depotbildung zu ermöglichen.