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Covid-19

IL-6 als Biomarker sagt Lungenversagen voraus

Bei Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen ist die Konzentration von Interleukin-6 im Blut erhöht. Der erhöhte Zytokinspiegel lässt mit großer Wahrscheinlichkeit frühzeitig die Notwendigkeit eines Intensivaufenthaltes erkennen. 
Christiane Berg
27.05.2020
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Das hat eine Pilotstudie am LMU Klinikum München gezeigt, deren Ergebnisse nunmehr im »Journal of Allergy and Clinical Immunology« publiziert worden sind. Als Mitautoren haben Privatdozent Dr. Tobias Herold und Dr. Tobias Weinberger die Laborparameter und klinischen Verläufe von 89 schwer erkrankten Covid-19-Patienten untersucht, von denen 32 (größtenteils Männer) künstlich beatmet werden mussten.

Alle Patienten hatten erhöhte IL-6-Werte im Blut. Mehr noch: »Ein IL-6-Wert von über 80 Pikogramm/Milliliter sowie ein CRP-Wert über 9,7 Milligramm/Deziliter sagten mit hoher Genauigkeit ein späteres Lungenversagen voraus«, erläuterte Herold in einer Pressemitteilung der LMU. Und: »Das Risiko für ein Lungenversagen war bei erhöhten Werten um ein Vielfaches gesteigert«, konstatierte der Oberarzt der Zentralen Notaufnahme (ZNA) am Campus Großhadern des LMU Klinikums.

In mehrfacher Hinsicht sei es wichtig, früh zu wissen, welchen Covid-19-Patienten ein Lungenversagen droht. Diese könnten dann gezielt intensiv überwacht werden. Im Gegenzug könnten Patienten ohne Risikomerkmale auf der Normalstation oder sogar zu Haus behandelt werden. Somit könnten Plätze auf Intensivstationen geschont und wirklich schweren Krankheitsfällen zugewiesen werden.

Zu klären sei noch, ob IL-6 lediglich ein Marker der Krankheitsaktivität oder aber ein zentraler Faktor des Entzündungsgeschehens in der Lunge ist. Sollte letzteres zutreffen, so könnten möglicherweise Interleukin 6-Rezeptor-Blocker wie Tocilizumab den Krankheitsverlauf aufhalten. Dieses wird unter anderem aktuell im Rahmen der am 23. März von der FDA genehmigten »Study to Evaluate the Safety and Efficacy of Tocilizumab in Patients With Severe Covid-19 Pneumonia«, sprich: Covacta-Studie der Firma Roche untersucht, in die das LMU Klinikum München als eines von fünf beteiligten Therapiezentren deutschlandweit eingebunden ist. Im Rahmen der placebokontrollierten, doppelblinden Studie wird die intravenöse Verabreichung von Tocilizumab in Kombination mit der aktuellen Standardtherapie gegenüber dem Standard plus Placebo untersucht.

Ziel sei es, weltweit rund 330 Patienten in die Studie einzuschließen. Es handle sich um die erste globale Studie in diesem Setting – bislang liegt keine Evidenz aus kontrollierten klinischen Studien zu Tocilizumab in diesem Einsatzgebiet vor. Eine potenziell höhere Nachfrage nach Tocilizumab, so Roche in einer Mitteilung vom 5. Mai 2020, wird auf globaler Ebene überwacht.

Covid-19-Therapiestudien mit Tocilizumab und Sarilumab

Von »überschießenden Immunreaktionen auf SARS-CoV-2, die in einem sogenannten Zytokinsturm münden«, hatte der Covacta-Studienleiter, Professor Dr. Michael von Bergwelt, Direktor der Medizinischen Klinik III am LMU Klinikum München, in einem entsprechenden LMU-Statement bereits im April anlässlich des Starts der Tocilizumab-Therapiestudie gesprochen. Es deute sich an, dass dieser therapeutische Ansatz bei Covid-19-Infektionen großes Potential besitzt.

Chinesische Mediziner haben bereits Anfang Februar 20 schwer erkrankte Covid-19-Patienten mit dem IL-6-Rezeptorantagonisten Tocilizumab behandelt. Ob Minderung des Fiebers bei allen Patienten innerhalb weniger Tage, signifikante Senkung der abnorm erhöhten CRP-Werte oder Rückführung der Sauerstoffgabe bei 15 der 20 Patienten nach fünf Behandlungstagen: Aus retrospektiv analysierten Daten der chinesischen Studie folgerten die Autoren, dass Tocilizumab die klinischen Symptome bei schweren Covid-19-Infektionen schnell abmildern und auch die Mortalitätsrate reduzieren kann. Es müssten jedoch noch weitere Untersuchungen mit mehr Patienten folgen.

Ende März wiederum haben Sanofi und Regeneron Pharmaceuticals eine große internationale Phase-II/III-Studie mit dem monoklonalen Antikörper Sarilumab gestartet, in die auch deutsche Patienten eingeschlossen wurden. Die endgültigen Ergebnisse dieser Studie, deren Design aufgrund vorläufiger Ergebnisse zwischenzeitlich noch einmal angepasst wurde, werden im Juni erwartet.

Der monoklonale Antikörper Tocilizumab kommt als RoActemra® in der Therapie der schweren rheumatoiden Arthritis (RA) zum Einsatz. Auch Sarilumab ist als Kevzara® seit 2017 in der EU zur Behandlung von Patienten mit schwerer rheumatoider Arthritis zugelassen. Seit 2017 ist Tocilizumab in den USA zudem zur Behandlung des Zytokin-Freisetzungssyndroms (Cytokine Release Syndrome, CRS) zugelassen, das im Rahmen der CAR-T-Zell-Therapie unter anderem akuter lymphatischer B-Zell-Leukämien zum Beispiel mit Tisagenlecleucel auftreten kann.

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