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Studienpfusch

Homöopathie wird wohl »erheblich« überschätzt

Österreichische Forscher haben untersucht, wie gut die Evidenz von Studien zur Homöopathie ist. Sie stellen fest, dass wissenschaftliche Standards oft nicht eingehalten werden und das Verzerrungsrisiko groß ist. Insgesamt werde die Wirkung von homöopathischen Mitteln daher wohl »erheblich« überbewertet.
Annette Rößler
21.03.2022  13:00 Uhr

Das Konzept der Homöopathie ist 200 Jahre alt und aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich längst überholt. Dennoch hat die Heilmethode bei vielen Menschen gerade im deutschsprachigen Raum das Image einer »sanften Alternative« zur Schulmedizin, die zumindest ab und zu probiert wird. Anhänger der Homöopathie widersprechen der Behauptung, die Wirkung von Globuli und anderen homöopathischen Arzneimitteln beruhe lediglich auf einem Placeboeffekt, und beziehen sich dabei oft auf zwei Metaanalysen aus den Jahren 2014 und 2017, in denen Homöopathika bei insgesamt schlechter Evidenz aus randomisierten, placebokontrollierten Studien eine zwar geringe, aber eben doch vorhandene eigene Wirksamkeit bescheinigt wurde (DOI: 10.1186/2046-4053-3-142 und 10.1186/s13643-017-0445-3).

In Metaanalysen werten Forscher jedoch meist keine eigenen Daten aus, sondern fassen mehrere separat publizierte Studien zusammen, um so für ihre Schlussfolgerungen eine breitere Datenbasis zu schaffen. Wenn aber schon die einzelnen Studien Qualitätsmängel hatten, kann das das Ergebnis von Metaanalysen, die diese beinhalten, erst recht verfälschen. Schlechte wissenschaftliche Qualität ist es beispielsweise, wenn Endpunkte von Studien nachträglich geändert werden, etwa weil absehbar ist, dass die ursprünglich festgelegten Studienziele verfehlt werden.

Eine Schieflage in der Evidenz kann außerdem entstehen, wenn Studien mit unerwünschtem Ergebnis gar nicht erst veröffentlicht werden. Um diesen sogenannten Reporting Bias einzudämmen, sind Forscher gehalten, jede Studie bereits bei ihrem Start in Registern wie www.clinicaltrials.gov oder www.clinicaltrialsregister.eu zu registrieren. So soll zumindest transparent werden, wenn Studien zwar abgeschlossen, aber dann nie publiziert werden.

Grobe Mängel im wissenschaftlichen Handwerk

Im Fachjournal »BMJ Evidence-Based Medicine« berichtet jetzt eine Gruppe um Professor Dr. Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems, dass all dies in der Homöopathie offenbar an der Tagesordnung ist. Die Forscher hatten öffentlich zugängliche Datenbanken, Studienregister und den Suchdienst Google Scholar bis einschließlich April 2021 nach Homöopathie-Studien durchsucht. Dabei stellten sie fest, dass seit 2002 fast 38 Prozent der registrierten Studien nicht publiziert wurden und andersherum 53 Prozent der veröffentlichten randomisierten, kontrollierten Studien gar nicht registriert waren. In Studien, die nicht registriert waren, erzielten Homöopathika dabei erheblich bessere Ergebnisse als in Studien mit Registereintrag. Bei jeder vierten Studie (25 Prozent) wurden zudem die primären Endpunkte im Verlauf angepasst oder geändert.

Gartlehner fasst in einer Pressemitteilung der Universität zusammen: »Diese Ergebnisse zeigen erschreckend schlechte wissenschaftliche Standards in der Homöopathie-Forschung. Man kann davon ausgehen, dass viele Studien nicht publiziert wurden, weil sie nicht das gewünschte Ergebnis gezeigt hatten. Publizierte Homöopathie-Studien berichten wahrscheinlich nur die attraktiven Ergebnisse und bieten daher ein verzerrtes Bild der Wirksamkeit von Homöopathie

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