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Peptidische Arzneistoffe
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Hoch wirksam, aber empfindlich

Peptide sind eine besondere und anspruchsvolle Arzneistoffklasse. Ursprünglich basierten Peptidarzneistoffe auf endogenen Hormonen oder auf Peptiden aus natürlichen Quellen. Neuere Entwicklungen umfassen zyklische Moleküle und Peptidvakzine mit neuen Indikationsgebieten.
AutorKontaktNico Kibria
AutorKontaktChristina Lamers
Datum 12.02.2023  08:00 Uhr

Anspruchsvolle Qualitäts- und Identitätskontrolle

Bisher gibt es weder von der FDA, der EMA oder dem International Council for Harmonisation (ICH) festgesetzte Richtlinien, die spezifisch für Peptide im Zulassungsverfahren gelten. So wird bisher bei jedem Peptidwirkstoff individuell festgesetzt, welche Analytik und Grenzwerte bezüglich des Nachweises von Verunreinigungen erforderlich und akzeptabel sind. Um diese regulatorische Lücke zu schließen, veröffentlichte die EMA ein Konzeptpapier, das die Erstellung von Richtlinien für die Entwicklung und Herstellung synthetischer Peptide einfordert (23).

Besonders die Festphasensynthese der Peptide unterscheidet sich deutlich von der Synthese niedermolekularer Verbindungen. So ist zum Beispiel eine chromatografische Aufreinigung notwendig, die besondere Anforderungen stellt. In der Synthese können Peptidsequenzen entstehen, denen eine oder einige Aminosäuren im Vergleich zum Hauptprodukt (Deletion) fehlen; diese Nebenprodukte können sehr ähnliche physikochemische Eigenschaften wie das Hauptprodukt haben. Daher empfiehlt das Konzeptpapier die Verwendung einer zweiten orthogonalen Reinigungsmethode, um die Verunreinigungen ausreichend vom aktiven Inhaltsstoff zu trennen.

Natürlich muss auch die Identität nachgewiesen werden. Dafür sind folgende Methoden vorgesehen: HPLC-Analytik mit der Co-Injektion eines Standards, der nur in einem Peak resultieren darf, sowie Massenspektrometrie (MS), wobei hier Stereoisomere nicht identifiziert werden können. Auch die Aminosäuren-Analyse ist gefordert, die nach Derivatisierung der einzelnen Aminosäuren mittels chiraler Gaschromatografie erfolgt. Bei Peptiden unter zehn Aminosäuren kann die NMR-Analytik sinnvoll sein; bei längeren Peptiden empfiehlt sich das Peptid-Mapping (enzymatischer Verdau und Analyse der Peptidfragmente mittels MS).

Basierend auf dem Herstellungsprozess (Synthese oder rekombinante Expression) werden unterschiedliche Analysen auf Verunreinigungen gefordert. Da größere Peptide Sekundärstrukturen ausbilden können, die relevant für die Wirksamkeit sind, muss die Sekundärstruktur nachgewiesen werden. Dazu eignen sich Circulardichroismus, Fourier-Transform-Infrarotspektrometrie und Kernspinresonanz-Spektroskopie (NMR) (24, 25).

Ein wichtiger Sicherheitsfaktor bei Peptiden ist die Bildung von Aggregaten, die ab einer bestimmten Größe eine Immunantwort und Antikörperproduktion auslösen können. Aggregate können durch Temperatur, Licht, Schütteln, Oberflächenkontakt und pH-Anpassungen während Herstellung, Verarbeitung, Transport oder Lagerung entstehen. Die Zusammenlagerung kann durch Peptidmodifikationen initiiert werden, die durch Oxidation, Deamidierung und Änderungen in der Primärsequenz auftreten können, sowie durch Hilfsstoffe und Primärpackmittel. Zur Identifizierung der Aggregate eignen sich orthogonale analytische Methoden wie Größenausschluss-Chromatografie, Ultrazentrifugation und dynamische Lichtstreuung.

Aktuell werden die meisten Peptidarzneimittel parenteral in speziellen Applikationssystemen (Pens) oder Infusionslösungen (aus einem Konzentrat verdünnt) verabreicht. Dies stellt besondere Anforderungen an den Herstellungsprozess (Sterilität) sowie die Lagerung und Anwendung durch den Patienten. Dabei sind Peptide im Allgemeinen stabiler als Proteinarzneistoffe, müssen aber dennoch über längere Zeit kühl gelagert werden. Wichtig ist, dass die Patienten die Lagerungs- und Anwendungshinweise kennen (Beispiele in Tabelle 3).

Peptidwirkstoffe (Beispiele) Darreichungsform Hinweise zur Lagerung und Anwendung
Insulin-Analoga: Glargin, Detemir, Lispro, Glulisin, Aspartat Fertigpen (Lösung zur subkutanen Anwendung) lichtgeschützt lagern
vor Anbruch im Kühlschrank lagern (2 bis 8 °C), nach Anbruch bei Raumtemperatur (<25 °C)
nicht einfrieren
nicht mit aufgesetzter Nadel lagern
nicht stark schütteln oder aufschlagen
Pen mit feuchtem Tuch reinigen, nicht durchnässen oder waschen
GLP-1-Analoga: Exenatid, Liraglutid,
Semaglutid, Dulaglutid
Fertigpen (Suspension zur subkutanen Anwendung) lichtgeschützt und im Kühlschrank lagern, außerhalb maximal 14 Tage (<30 °C)
nicht einfrieren
manche Pens müssen flach gelagert werden
individuelle Haltbarkeit nach Anbruch (2 bis maximal 6 Wochen)
Ciclosporin Weichgelatinekapseln kühl und trocken lagern (maximal 25 °C)
beim Öffnen des Blisters ist ein charakteristischer Geruch wahrzunehmen, der jedoch unbedenklich ist
Ciclosporin Augentropfen (Emulsion) nicht einfrieren
kühl und trocken lagern (maximal 25 °C)
vor Licht schützen
Ciclosporin Emulsion zur oralen Einnahme bei 15 bis 30 °C lagern, nicht im Kühlschrank
kein Problem, falls Flocken und kleine Ablagerungen entstehen: es handelt sich um Hilfsstoffe, nicht um den Wirkstoff
Ciclosporin Infusionslösung (Konzentrat) nicht unverdünnt anwenden
zur Herstellung der Infusionslösung Glasampullen verwenden
sobald Ampulle geöffnet ist, unverzüglich im Kühlschrank lagern
nach Zubereitung innerhalb von maximal 24 h verwenden
Tabelle 3: Ausgewählte Peptidarzneimittel und Hinweise zu deren Lagerung und Anwendung (29)

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