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ATMP
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Heilen statt behandeln

Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMP) sind faszinierende, hochinnovative Produkte, die im Gegensatz zu klassischen Wirkstoffen häufig eine Heilung ermöglichen. Noch kommen sie allerdings wenigen Patienten zugute. Was sind ATMP, wie wirken sie und bei welchen Erkrankungen werden sie eingesetzt?
AutorKontaktRobert Fürst
AutorKontaktIlse Zündorf
Datum 23.08.2026  08:00 Uhr

Mit Stammzellen erblinden verhindern

Zur Präparate-Herstellung braucht man eine Biopsie von lediglich ein bis zwei Quadratmillimetern aus einem unverletzten Bereich des Limbus. Die entnommenen Zellen werden enzymatisch dissoziiert, expandiert und schließlich auf eine Fibrinmatrix umgesiedelt, die später chirurgisch auf die Hornhaut aufgebracht wird, sodass die Limbus-Stammzellen einwachsen können. Entscheidender Qualitätsmarker des Präparats, der mit dem klinischen Behandlungserfolg korreliert, ist der Anteil der sogenannten p63bright-Zellen. Dabei handelt es sich um Limbus-Stammzellen, die stark den Transkriptionsfaktor ΔNp63α exprimieren und Kolonien bilden, die ausschließlich aus undifferenzierten Tochterzellen bestehen und damit das höchste Regenerationspotenzial besitzen.

Bearbeitete Zelltherapeutika aus Zellen oder Geweben

Gruppe 2 der ATMP – somatische Zelltherapeutika (Somatic Cell Therapy Medicinal Products, sCTMP) – sind definiert als substanziell bearbeitete Zellen oder Gewebe mit veränderten biolo­gischen, strukturellen oder physiologischen Merkmalen, die im Empfänger nicht dieselbe Funktion ausüben wie im Spender. Anders als TEP, die auf Regeneration und Gewebeersatz zielen, entfalten sCTMP vor allem pharmakologische, immunologische oder metabolische Wirkungen und sind allogene Präparate.

Die fünf zugelassenen sCTMP lassen sich dem Wirkmechanismus nach in zwei Klassen einteilen (Tabelle 2). Obnitix® und Amesanar® sind immunmodulatorische Zelltherapien auf Basis mesenchymaler Stromazellen (MSC). Sie hemmen über lösliche Mediatoren (unter anderem TGF-β, IDO, PGE2) und direkten Zellkontakt die Proliferation von T- und B-Zellen, reduzieren die Aktivierung dendritischer Zellen und stimulieren regulatorische T-Zellen. Die allogene Verwendung von MSC ist möglich, da sie aufgrund ihrer MHC-Ausstattung hypoimmunogen sind.

Bezeichnung Zelltyp Mechanismus Indikation Zulassung
CIK-Zellen (allogen) NK-like T-Zellen,
NK-Zellen, B-Zellen, Monozyten u. a.
Direkte Zytotoxizität gegen Leukämiezellen Rezidiv einer Leukämie nach allogener Stammzelltransplantation 2014
Obnitix® Allogene MSC (Knochenmark) Immunmodulation, Hemmung proinflammatorischer Prozesse Steroidrefraktäre akute GvHD nach allogener Stammzelltransplantation 2016
Amesanar® Allogene MSC (Haut) Immunmodulation, Förderung der Wundheilung Ulzera bei CVI 2021
Ebvallo® Allogene EBV-spezifische T-Zellen Adoptive T-Zell-Therapie gegen EBV+-B-Zellen Rezidivierte/refraktäre EBV+-PTLD nach Transplantation 2022
Zemcelpro® Allogene HSPC aus Nabelschnurblut Hämatopoetische Stammzelltransplantation Maligne hämatologische Erkrankungen 2025
Tabelle 2: In der EU zugelassene somatische Zelltherapeutika (sCTMP).

CIK-Zellen, Ebvallo® und Zemcelpro® sind hingegen sogenannte adoptive ­T-Zell-Therapien. Adoptiv bedeutet, dass Zellen von außen in den Körper eingebracht und nicht vom Körper selbst gebildet werden. Alle drei Präparate enthalten jeweils allogene Immunzellen, die gezielt Leukämiezellen eliminieren sollen. Ein besonderer Vertreter dieser Gruppe ist Ebvallo: Es war 2022 das erste in der EU zugelassene allogene, nicht genetisch modifizierte

T-Zell-Produkt und das erste ATMP, das als gebrauchsfertiges (Off-the-shelf) Präparat konzipiert ist. Es kommt zum Einsatz bei mit Epstein-Barr-Virus-(EBV-)assoziierter lymphoproliferativer Erkrankung nach Transplantation (EBV+ PTLD). Dabei handelt es sich um eine seltene, akute und potenziell tödliche Bluterkrankung, die nach einer Transplantation auftritt, wenn die Immunantwort der T-Zellen des Patienten durch Immunsuppression beeinträchtigt ist. Sie kann Patienten nach einer soliden Organtransplantation oder einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation betreffen.

Für die Herstellung werden gegen EBV gerichtete zytotoxische T-Lymphozyten aus dem Blut gesunder, nicht verwandter EBV-positiver Spender gewonnen. Diese CD8-positiven T-Zellen werden ex vivo selektioniert und durch wiederholte Stimulation mit EBV-Antigenen expandiert. Nach einer HLA-Charakterisierung werden sie in einer Zellbank kryokonserviert gelagert. Für jeden Patienten wird ein HLA-kompatibler Zellansatz ausgewählt (HLA-adjustierte Auswahl), der mindestens ein HLA-Allel mit dem Patienten teilt, um trotz medikamentöser Immunsuppression eine Abstoßungsreaktion und damit einen Wirkverlust zu minimieren.

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