Zur Präparate-Herstellung braucht man eine Biopsie von lediglich ein bis zwei Quadratmillimetern aus einem unverletzten Bereich des Limbus. Die entnommenen Zellen werden enzymatisch dissoziiert, expandiert und schließlich auf eine Fibrinmatrix umgesiedelt, die später chirurgisch auf die Hornhaut aufgebracht wird, sodass die Limbus-Stammzellen einwachsen können. Entscheidender Qualitätsmarker des Präparats, der mit dem klinischen Behandlungserfolg korreliert, ist der Anteil der sogenannten p63bright-Zellen. Dabei handelt es sich um Limbus-Stammzellen, die stark den Transkriptionsfaktor ΔNp63α exprimieren und Kolonien bilden, die ausschließlich aus undifferenzierten Tochterzellen bestehen und damit das höchste Regenerationspotenzial besitzen.
Gruppe 2 der ATMP – somatische Zelltherapeutika (Somatic Cell Therapy Medicinal Products, sCTMP) – sind definiert als substanziell bearbeitete Zellen oder Gewebe mit veränderten biologischen, strukturellen oder physiologischen Merkmalen, die im Empfänger nicht dieselbe Funktion ausüben wie im Spender. Anders als TEP, die auf Regeneration und Gewebeersatz zielen, entfalten sCTMP vor allem pharmakologische, immunologische oder metabolische Wirkungen und sind allogene Präparate.
Die fünf zugelassenen sCTMP lassen sich dem Wirkmechanismus nach in zwei Klassen einteilen (Tabelle 2). Obnitix® und Amesanar® sind immunmodulatorische Zelltherapien auf Basis mesenchymaler Stromazellen (MSC). Sie hemmen über lösliche Mediatoren (unter anderem TGF-β, IDO, PGE2) und direkten Zellkontakt die Proliferation von T- und B-Zellen, reduzieren die Aktivierung dendritischer Zellen und stimulieren regulatorische T-Zellen. Die allogene Verwendung von MSC ist möglich, da sie aufgrund ihrer MHC-Ausstattung hypoimmunogen sind.
| Bezeichnung | Zelltyp | Mechanismus | Indikation | Zulassung |
|---|---|---|---|---|
| CIK-Zellen (allogen) | NK-like T-Zellen,NK-Zellen, B-Zellen, Monozyten u. a. | Direkte Zytotoxizität gegen Leukämiezellen | Rezidiv einer Leukämie nach allogener Stammzelltransplantation | 2014 |
| Obnitix® | Allogene MSC (Knochenmark) | Immunmodulation, Hemmung proinflammatorischer Prozesse | Steroidrefraktäre akute GvHD nach allogener Stammzelltransplantation | 2016 |
| Amesanar® | Allogene MSC (Haut) | Immunmodulation, Förderung der Wundheilung | Ulzera bei CVI | 2021 |
| Ebvallo® | Allogene EBV-spezifische T-Zellen | Adoptive T-Zell-Therapie gegen EBV+-B-Zellen | Rezidivierte/refraktäre EBV+-PTLD nach Transplantation | 2022 |
| Zemcelpro® | Allogene HSPC aus Nabelschnurblut | Hämatopoetische Stammzelltransplantation | Maligne hämatologische Erkrankungen | 2025 |
Abkürzungen: MSC = mesenchymale Stromazellen; GvHD = Graft-versus-Host-Disease; CVI = chronisch-venöse Insuffizienz; EBV = Epstein-Barr-Virus; HSPC = hämatopoetische Stamm- und Progenitorzellen; PTLD = posttransplantations-lymphoproliferative Erkrankung.
CIK-Zellen, Ebvallo® und Zemcelpro® sind hingegen sogenannte adoptive T-Zell-Therapien. Adoptiv bedeutet, dass Zellen von außen in den Körper eingebracht und nicht vom Körper selbst gebildet werden. Alle drei Präparate enthalten jeweils allogene Immunzellen, die gezielt Leukämiezellen eliminieren sollen. Ein besonderer Vertreter dieser Gruppe ist Ebvallo: Es war 2022 das erste in der EU zugelassene allogene, nicht genetisch modifizierte
Das T-Zell-Therapeutikum Ebvallo® kommt bei Patienten zum Einsatz, die nach einer Transplantation an einer seltenen, potenziell lebensbedrohlichen Bluterkrankung leiden. / © Getty Images/sturti
T-Zell-Produkt und das erste ATMP, das als gebrauchsfertiges (Off-the-shelf) Präparat konzipiert ist. Es kommt zum Einsatz bei mit Epstein-Barr-Virus-(EBV-)assoziierter lymphoproliferativer Erkrankung nach Transplantation (EBV+ PTLD). Dabei handelt es sich um eine seltene, akute und potenziell tödliche Bluterkrankung, die nach einer Transplantation auftritt, wenn die Immunantwort der T-Zellen des Patienten durch Immunsuppression beeinträchtigt ist. Sie kann Patienten nach einer soliden Organtransplantation oder einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation betreffen.
Für die Herstellung werden gegen EBV gerichtete zytotoxische T-Lymphozyten aus dem Blut gesunder, nicht verwandter EBV-positiver Spender gewonnen. Diese CD8-positiven T-Zellen werden ex vivo selektioniert und durch wiederholte Stimulation mit EBV-Antigenen expandiert. Nach einer HLA-Charakterisierung werden sie in einer Zellbank kryokonserviert gelagert. Für jeden Patienten wird ein HLA-kompatibler Zellansatz ausgewählt (HLA-adjustierte Auswahl), der mindestens ein HLA-Allel mit dem Patienten teilt, um trotz medikamentöser Immunsuppression eine Abstoßungsreaktion und damit einen Wirkverlust zu minimieren.