CAR-T-Zellen tragen auf ihrer Zelloberfläche einen künstlich hergestellten chimären Antigenrezeptor (CAR), mit dessen Hilfe sie Krebszellen aufspüren, an sich binden und zielgerichtet vernichten. / © Getty Images/ Nemes Laszlo
Arzneimittel für neuartige Therapien (Advanced Therapy Medicinal Products, ATMP) sind Arzneimittel für die Anwendung beim Menschen, die auf Genen, Geweben oder Zellen basieren. Sie unterscheiden sich von allen bisherigen Wirkstoffklassen dadurch, dass ihr eigentlicher Wirkstoff kein Molekül, sondern ein biologisches System und/oder ein biologischer Prozess ist. Darüber hinaus greifen ATMP häufig direkt an der Ursache einer Erkrankung wie einem Gendefekt an und ermöglichen damit eine Heilung. Ihre Herstellung ist in der Regel individualisiert und sehr komplex. In vielen Fällen sind ATMP keine Standardtherapien, sondern maßgeschneiderte Interventionen bei seltenen und schwerwiegenden Erkrankungen, die zuweilen sehr schwer therapierbar sind.
Regulatorisch sind ATMP in der EU durch die Verordnung EG Nr. 1394/2007 und in Deutschland durch § 4 Abs. 9 des Arzneimittelgesetzes definiert. Demnach unterschiedet man drei Gruppen: biotechnologisch bearbeitete Gewebeprodukte, somatische Zelltherapeutika und Gentherapeutika.
Biotechnologisch bearbeitete Gewebeprodukte (Tissue Engineered Products, TEP) bestehen aus Zellen oder Geweben, die ex vivo so bearbeitet wurden, dass sie zur Regeneration, Wiederherstellung oder zum Ersatz menschlichen Gewebes eingesetzt werden können. Der Unterschied zu klassischen Transplantaten liegt in der substanziellen Bearbeitung: Zellen werden dem Patienten entnommen, kultiviert, expandiert und gegebenenfalls in ein Trägergerüst eingebettet, bevor sie reimplantiert werden. Alle fünf bisher zugelassenen TEP sind autologe Präparate – Spender und Empfänger sind also identisch (Tabelle 1).
Drei der fünf Produkte werden bei Gelenkknorpeldefekten eingesetzt und nutzen Knorpelzellen (Chondrozyten), die als Zellsphäroide oder auf Trägermatrizen in das Gelenk eingebracht werden. Das erst 2024 zugelassene Produkt MukoCell® verwendet Epithelzellen aus der Mundschleimhaut, um das geschädigte Epithel der Harnröhre bei einer Harnröhrenstriktur zu ersetzen.
Unter den TEP befindet sich auch ein Meilenstein der ATMP und der regenerativen Medizin – das erste in der EU zugelassene stammzellbasierte Arzneimittel Holoclar®. Es enthält ex vivo expandierte autologe Hornhautepithelzellen und wird bei der sogenannten Limbus-Stammzellen-Insuffizienz eingesetzt. Als Limbus bezeichnet man die schmale Übergangszone zwischen Hornhaut (Cornea) und Bindehaut (Sclera). Da Limbus-Stammzellen für die kontinuierliche Erneuerung des Hornhautepithels zuständig sind, führt ein Verlust infolge von Verbrennungen oder Verätzungen zur fortschreitenden Blutgefäßbildung und damit zur Trübung der Hornhaut, was eine vollständige Erblindung nach sich ziehen kann. Sind keine oder nur wenige Limbus-Stammzellen vorhanden, ist auch eine konventionelle allogene Hornhauttransplantation (Keratoplastik) zum Scheitern verurteilt, da das Transplantat ohne intaktes Limbus-Stammzell-Reservoir nicht dauerhaft epithelialisiert wird.
| Bezeichnung | Wirkstoff (Kurzform) | Indikation | Zulassung |
|---|---|---|---|
| co.don chondrosphere® | Sphäroide aus autologen humanen Chondrozyten | Gelenkknorpelschäden (Tibia, Knie, Hüfte, Schulter, Sprunggelenk, Ellenbogen) | 2013 |
| Novocart® 3D/Inject | In vitro expandierte autologe humane Chondrozyten | Gelenkknorpelschäden des Knies | 2014/2016 |
| Holoclar® | Ex vivo expandierte autologe Hornhautepithelzellen inkl. Stammzellen (p63bright) | Limbus-Stammzellen-Insuffizienz nach Verbrennung/Verätzung des Auges | 2015 |
| Spherox® | Sphäroide aus autologen matrixassoziierten Chondrozyten | Gelenkknorpeldefekte der Femurkondyle und Patella | 2017 |
| MukoCell® | Autologe Mundschleimhautzellen | Harnröhrenstrikturen | 2024 |