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Reserve-Antibiotika

Gezielt gegen Multiresistenz

Der Einsatz von Reserve-Antibiotika ist in vielen Kliniken zur Routine geworden. Doch welche Substanzen zählen überhaupt zu den Reserve-Antibiotika, wann sind sie indiziert und was ist bei ihrem Einsatz zu beachten?
Michael Ebenhoch
Anka Röhr
19.01.2020  08:00 Uhr

Antibiotika haben die Medizin des 20. Jahrhunderts revolutioniert. Heute, etwa 100 Jahre nach Entdeckung des Penicillins, stehen zahlreiche Wirkstoffe zur Behandlung von Infektionskrankheiten zur Verfügung. Damit tauchen neue Probleme auf: Je mehr antiinfektive Substanzen eingesetzt werden, desto mehr Resistenzen treten auf – regional und weltweit. Dies ist umso problematischer, da kaum noch neue Substanzen mit neuartigen Wirkmechanismen zugelassen werden.

Einerseits sind Antibiotika bei zielgerichtetem Einsatz überlebenswichtig in vielen klinischen Situationen, andererseits fördert ihre Verwendung die Resistenzbildung bei Bakterien. Die unkritische Anwendung, beispielsweise in Ländern ohne Verschreibungspflicht, der tonnenweise Einsatz in der Massentierhaltung sowie die Produktion in Ländern ohne Umweltauflagen verschärfen die Resistenzsituation. Dies ist nicht nur lokal, sondern global zu spüren.

WHO-Einteilung der Antibiotika

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat daher 2015 zu einem »Global Action Plan On Antimicrobial Resistance« ­aufgerufen. Die fünf Kernstrategien fordern unter anderem ein besseres Bewusstsein und Verständnis für die Resistenzbildung sowie eine Reduktion der Infektionsinzidenz. Nach WHO lassen sich die antiinfektiven Substanzen drei Gruppen zuordnen:

  • ACCESS: Diese Kategorie beinhaltet Substanzen, die immer verfügbar sein sollten.
  • WATCH: Die Kategorie umfasst Wirkstoffe mit einem erhöhten Resistenzpotenzial sowie solche, die nur bei spezifischen Indikationen verwendet werden sollen.
  • RESERVE: Hierzu gehören Substanzen, die erst beim Versagen anderer ­Antiinfektiva zum Einsatz kommen sollten. Dazu gehören nach WHO-Definition Cephalosporine der 3., 4. und 5. Generation, die Oxazolidinone Linezolid und Tedizolid, das Poly­myxin Colistin sowie Aztreonam, Dap­tomycin, Fosfomycin und Tigecyclin.

Die Reservesubstanzen sind in der ­Regel wirksam gegen multiresistente grampositive oder multiresistente gramnegative Erreger (Tabelle 1).

Gramfärbung Erreger Beispiele für problematische Keime
grampositiv Staphylokokken Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA)
grampositiv Enterokokken Vancomycin-, seltener Linezolid-resistenter ­Enterococcus faecium (VRE/LRE)
gramnegativ Enterobacteriales: Escherichia coli, Klebsiellen, Proteus, Citrobacter, Enterobacter, Serratia, Morganella und andere Multiresistente gramnegative (MRGN) Keime: 3-MRGN: Resistenzen gegen drei Wirkstoffe aus den Indexantibiotikagruppen*, 4-MRGN: Resistenzen gegen vier Wirkstoffe aus den Indexantibiotikagruppen*
gramnegativ Nonfermenter: Pseudomonaden, Acinetobacter Multiresistente gramnegative (MRGN) Keime: 3-MRGN: Resistenzen gegen drei Wirkstoffe aus den Indexantibiotikagruppen*, 4-MRGN: Resistenzen gegen vier Wirkstoffe aus den Indexantibiotikagruppen*
Tabelle 1: Häufige Erreger mit Multiresistenzen *) Indexantibiotikagruppen: Drittgenerations-Cephalosporine (Cefotaxim/Ceftriaxon), Fluorochinolone (Ciprofloxacin), Acylureidopenicilline ­(Piperacillin +/- Tazobactam) und Carbapeneme (Meropenem/I

Wie häufig sie tatsächlich eingesetzt werden, hängt stark von der lokalen Resistenzsituation ab, die auch innerhalb Deutschlands deutlich variieren kann. Oft bieten die neuen Cephalosporine in Kombination mit Betalactamase-Inhibitoren eine gut verträgliche Option gegen Problemkeime. Doch vielfach müssen die Ärzte bereits auf andere, weniger wirksame oder verträgliche Substanzen ausweichen.

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