Dass Wüst auf international schwierigem Parkett bestehen kann, zeigte er vergangene Woche bei seiner Reise nach Schlesien und seinem ersten Besuch im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Begleitet wurde Wüst von einem Tross Hauptstadtjournalisten. Dabei traf er ja nicht etwa die polnische Regierung in Warschau, sondern nur den Verwaltungschef der NRW-Partnerregion Schlesien in Kattowitz.
Der Besuch in Auschwitz gehört zudem zu den Pflichten eines jeden Landesregierungschefs. Wüst inszeniert sich auf Instagram als nahbarer Landesvater. Der Ministerpräsident regiert präsidial, mischt sich auch im Landtag nicht in Streitigkeiten ein. Nichts überlässt er dem Zufall, lässt sich nicht in Debatten provozieren, hält sich so gut wie immer an seine Manuskripte.
Bei politischen Problemen in NRW verweist Wüst gern auf die Verantwortung in Berlin. Gerühmt wird er für sein «geräuschloses» Regieren in der seit 2022 bestehenden Koalition mit den Grünen. Koalitionsausschüsse in Düsseldorf verlaufen - anders als in Berlin - grundsätzlich hinter den Kulissen, ohne dass Konflikte an die Öffentlichkeit dringen.
Ende April 2027 aber steht im bevölkerungsreichsten Bundesland die auch für den Bund wichtige Landtagswahl an. Wüsts CDU sitzt zwar laut Umfragen weiter fest im Sattel, doch das Image der harmonischen Koalition hat in den vergangenen Monaten Kratzer bekommen. Familien- und Flüchtlingsministerin Josefine Paul (Grüne) trat zurück, nachdem sie wegen ihrer schleppenden Kommunikation zum Solinger Terroranschlag von 2024 unter Druck geraten war.
Belastet wird die Landesregierung aktuell von einer Affäre um angebliches Führungsversagen und Machtmissbrauch durch Wüsts Bau- und Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU). Und monatelang gab es in NRW Proteste gegen eine von Schwarz-Grün geplante Kita-Reform.
Die AfD wird auch in NRW immer stärker. Schon bei den Kommunalwahlen 2025 hatte sie ihr landesweites Ergebnis mit 14,5 Prozent fast verdreifacht. Jüngste Umfragen zur Landtagswahl sehen sie in NRW zwischen 17 und 20 Prozent. In Düsseldorf wird der Aufstieg der AfD auch mit dem Zustand der streitenden Berliner schwarz-roten Koalition verbunden. Doch auch Wüsts nach außen harmonischer Regierungsstil kann die AfD im Westen offenbar nicht bremsen. Die CDU unter Wüst erreicht in Umfragen - trotz Verlusten - mit 32 bis 34 Prozent aber immer noch Ergebnisse, von denen die Union im Bund nur träumen kann. Der Landesparteichef hielt sich schon 2024, als Merz zum Kanzlerkandidat gekürt wurde, ein Türchen nach Berlin offen: Ein NRW-Ministerpräsident sei »immer ein möglicher Kanzlerkandidat«, betonte Wüst damals. Und: man solle niemals nie sagen.