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Neue Therapeutika

Gerinnungsstörungen sehr individuell behandeln

Patienten mit schweren Hämophilien brauchen eine regelmäßige Substitution des fehlenden Gerinnungsfaktors. Dafür sind zahlreiche Faktorenkonzentrate auf dem Markt. Vielversprechend, aber noch nicht zugelassen ist die Gentherapie.
Brigitte M. Gensthaler
06.04.2020  15:12 Uhr

In Deutschland leben etwa 2500 Patienten mit einer angeborenen schweren Blutungsneigung, die eine regelmäßige Therapie brauchen, informierte Professor Dr. Johannes Oldenburg vom Uniklinikum Bonn beim Webkongress der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Circa 80 Prozent leiden an Hämophilie A (Faktor-VIII-Mangel) und 15 Prozent an einer Hämophilie B (Faktor-IX-Mangel). Etwa 5 Prozent sind von seltenen Faktorenmängeln, vor allem der von-Willebrand-Erkrankung betroffen. Weitere etwa 15.000 Patienten haben leichtere Verlaufsformen und werden nur bei Bedarf, zum Beispiel bei Verletzungen oder Operationen, behandelt.

»Ziel ist die Behandlung und Vorbeugung von Blutungen sowie Gelenkschäden infolge von Einblutungen, die im Lauf der Erkrankung entstehen«, berichtete der Arzt. Bei schweren Verlaufsformen werde der fehlende Gerinnungsfaktor regelmäßig prophylaktisch über Faktorenkonzentrate intravenös zugeführt. »Die Prophylaxe ist der Goldstandard bei schweren Formen.« Dennoch erleiden viele Patienten eine Arthropathie in den Sprung-, Knie- und Ellenbogengelenken, wenn sie das junge Erwachsenenalter erreicht haben.

Derzeit gibt es mehr als 50 verschiedene Faktorenkonzentrate, die aus Blutplasma oder gentechnisch hergestellt werden, darunter auch Präparate mit verlängerter Wirkdauer durch Pegylierung und Fusionsprotein-Bildung.

Vorsicht vor Hemmkörperbildung

Eine schwere Komplikation ist die Hemmkörperbildung. So bilden 25 bis 50 Prozent der Hämophilie-A-Patienten und 3 bis 10 Prozent der Hämophilie-B-Patienten innerhalb der ersten 50 Behandlungstage Allo-Antikörper gegen den zugeführten Gerinnungsfaktor, die diesen neutralisieren. Bei rekombinanten Faktoren sei das Risiko höher als bei plasmatischen Faktoren, berichtete Oldenburg. Dann könne man sogenannte Bypass-Produkte wie APCC (aktiviertes Prothrombinkomplex-Konzentrat) oder rekombinanten Faktor VIIa einsetzen.

Für Hämophilie-A-Patienten mit Hemmkörperbildung ist seit 2018 der monoklonale Antikörper Emicizumab (Hemlibra®) zur Blutungsprophylaxe zugelassen. Er wird wöchentlich subkutan injiziert. Zudem wurden mehrere Strategien zur Eliminierung der Hemmkörper (Immuntoleranzinduktion) empirisch entwickelt.

Ein ganz neuer Ansatz ist die Gentherapie mittels AAV-Vektor, die 2020/2021 zugelassen werden soll. In Studien konnte ein Faktor-VIII-Mangel über drei Jahre ausgeglichen werden, beichtete der Arzt. Die jährliche Blutungsrate wurde deutlich gesenkt und der Verbrauch von Faktorenkonzentraten ging »dramatisch« zurück.

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