Es gibt nicht das eine Zeichen, bei dem die Alarmglocken schrillen sollten. Dennoch gibt es einige Anhaltspunkte, so Wagenblass: wenn Kinder alle Probleme in ihrem Umfeld lösen wollen zum Beispiel. Oder wenn Kinder ständig den Clown spielen und immer für gute Stimmung sorgen wollen. Wenn Kinder aggressiv sind. Aber auch das Gegenteil kann ein Anzeichen sein: wenn Kinder sich quasi unsichtbar machen, sehr still sind und nie Probleme machen.
Wagenblass nennt ein weiteres Warnsignal: »Parentifizierung.« Das bedeutet, dass Kinder Verantwortung in der Familie übernehmen, die eigentlich die Eltern tragen müssen. »Für betroffene Kinder bedeutet das eine hochgradige Überforderung, unter der die kindliche Entwicklung leiden kann.«
Manche Eltern wollen ihre Kinder schützen, indem sie ihnen nichts von der Erkrankung erzählen. Das sei zwar nett gemeint, aber unrealistisch. »Kinder haben so feine Antennen, sie merken sowieso, dass etwas nicht stimmt«, so der Klinikdirektor.
Er rät deshalb zur altersgemäßen Aufklärung. Wichtig ist dabei vor allem, Kindern immer wieder zu vermitteln, dass sie keine Schuld an der Erkrankung tragen. »Je jünger die Kinder sind, desto eher beziehen sie Probleme oder schlechte Stimmung auf sich«, so Wagenblass.
Ein guter Ausgangspunkt für ein Gespräch sei, das Kind nach seinen Beobachtungen der Situation zu fragen. Im Laufe der Unterhaltung könne man dann die Erkrankung erklären. Auch Bücher mit Geschichten über psychische Erkrankungen für die jeweilige Altersgruppe seien hilfreich. Es müsse nicht immer das ganz große Eltern-Kind-Gespräch sein. »Wichtig ist, dass man die Kinder immer wieder einlädt, darüber zu sprechen, und auch ihre Fragen zu beantworten«, so Wagenblass.
Am wichtigsten sei, dass der betroffene Elternteil in einer guten Behandlung ist, sagt Kölch. Ebenso entscheidend sind verlässliche Beziehungen und Strukturen. Könne ein Elternteil Verlässlichkeit (vorübergehend) nicht bieten, seien andere Bezugspersonen umso wichtiger.
Backes zufolge ist auch eine gute Betreuung in Kitas und Schulen zentral. Hier würden betroffene Kinder Entlastung erfahren. »Gleiches gilt für Freizeitangebote und den Kontakt zu anderen Kindern«, so der Experte.
Teils gibt es spezielle Gruppenangebote oder lokale Programme für Patenschaften für betroffene Kinder, die Verwaltungsbehörden oder gemeinnützige Organisationen vermitteln. Oft haben auch behandelnde Ärzte, Therapeuten und Kliniken Kontakte und Kooperationen. Daneben können Zeit in der Natur, Spielen im Wald und der Kontakt zu Tieren entlasten. Gleiches gilt für das Lesen oder ein Hobby in der Gruppe.