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Antisense-Oligonukleotid

Forscher entwickeln neues Medikament – für nur eine Patientin

Mila Makovec heißt das Mädchen, für das ein eigenes Medikament entwickelt wurde. Sie ist sechs Jahre alt und leidet an der seltenen Erkrankung neuronale Ceroid-Lipofuszinose. Mit einem speziell für sie angepassten Oligonukleotid mit dem Namen Milasen konnten die Forscher die Erkrankung zwar nicht heilen, aber deutlich lindern.
Daniela Hüttemann
11.10.2019
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Bei der neuronalen Ceroid-Lipofuszinose (NCL oder auch CNL), auch Batten-Krankheit genannt, handelt es sich um einen seltenen genetischen Defekt. Bekannt sind mittlerweile zehn verschiedene NCL-Typen, je nachdem, wo die auslösende Genmutation lokalisiert ist. Mila leidet unter dem Typ CLN7, ausgelöst durch Mutationen im MFSD8-Gen an der Lokation 4q28.2. Die Krankheit wirkt sich auf Zellen in der Netzhaut und im zentralen Nervensystem aus.

Mila litt unter Erblindung, Ataxie, Entwicklungsverzögerungen, häufigen epileptischen Anfällen und weiteren Symptomen, als sie dem Ärzteteam vorgestellt wurde, das nun speziell für sie innerhalb eines Jahres ein Medikament hergestellt hat. Als die Diagnose vorlag, wurde eine genaue genetische Analyse durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass bei Mila eine einzige schädliche Mutation vorlag.

Die Ärzte nahmen sich nun das erste zugelassene Antisense-Oligonukleotid Nusinersen (Spinraza®) als Vorbild. Analog zu diesem kreierten sie ein Molekül aus 22 Nukleotiden, das sich an die betroffene Gensequenz anlagern kann. Sie benannten es nach ihrer Patienten in Milasen. Die Wissenschaftler testeten den Arzneistoff zunächst in vitro an Fibroblasten der Patientin. Die Daten zeigten, dass das Antisense-Oligonukleotid nicht nur den fehlerhaften Splicing-Prozess, sondern auch die Funktion des Gens retten konnte, schreiben sie im Fachjournal »New England Journal of Medicine«.

Anschließend verabreichten sie Mila das für sie designte Molekül intrathekal über das Rückenmark und hielten sich dabei an das Therapieregime von Nusinersen. Mila erhielt mehrere, ansteigende Dosen in den ersten Wochen und zwei weitere Erhaltungsdosen jeweils nach etwa drei Monaten.

Ein Jahr nach Behandlungsbeginn sei keine schwere Nebenwirkung aufgetreten, berichten die Ärzte. In sieben von elf neurologischen und neuropsychologischen Tests verschlechterten sich Milas Werte, die Krankheit schritt also weiter fort. Sie verlor auch Hirnvolumen. In anderen Bereichen stabilisierten sich ihre Werte jedoch. Die Rate ihrer epileptischen Anfälle verringerte sich deutlich. Zuvor litt sie jeden Tag unter 15 bis 30 Anfällen, die jeweils ein bis zwei Minuten anhielten. Im Verlauf der Studie reduzierte sich die Anfallsfrequenz auf 0 bis 20 Anfälle pro Tag mit einer Dauer von weniger als einer Minute pro Anfall. Insgesamt reduzierte sich die Zeit, die Mila in einem Anfall verbrachte, um 80 Prozent. Dabei wurde ihre antikonvulsive Medikation, bestehend aus zweimal täglich 72 mg Topiramat, nicht geändert.

»Diese Studie illustriert die Möglichkeit eines rationellen Designs, Tests und und Einsatzes eines neuen Wirkstoffs für eine Patientin mit einer seltenen Erkrankung auf Basis des Verständnisses ihrer speziellen pathogenetischen Mutation«, so das Fazit der Autoren um Dr. Jinkuk Kim von der Kinderklinik in Boston, USA. Es sei ein Beispiel für ein individualisiertes genbasiertes Medikament. Finanziert wurde die Entwicklung durch diverse Stiftungen, das Boston Children’s Hospital, das Harvard Catalyst Clinical and Translational Research Center und weitere Beteiligten. Die genauen Kosten wurden nicht beziffert.

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