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Schwangerschaft

Fehlgeburten verhindern mit einem Antidiabetikum

Der DPP-4-Hemmer Sitagliptin ist auf dem Wege, sich ein neues Indikationsgebiet zu erschließen. Nicht nur bei Typ-2-Diabetes scheint der Wirkstoff von Nutzen zu sein, sondern auch zum Schutz vor einer Fehlgeburt. Erste Studienergebnisse geben Anlass zur Hoffnung.
Sven Siebenand
09.01.2020  17:14 Uhr

Ein Forscherteam um Dr. Shreeya Tewary von der Universität Warwick in Großbritannien berichtet im Fachjournal »EBio Medicine« von seine Entdeckungen. Die Wissenschaftler hatten zuvor bereits zeigen können, dass ein Mangel an Stammzellen in der Gebärmutterschleimhaut eine Ursache sein kann, warum Frauen wiederholte Fehlgeburten erleiden. Denn diese Stammzellen schützen die sogenannten Decidualzellen, die den Embryo umgeben, vor Stress und Entzündung. Ist diese Schutzfunktion nicht mehr vorhanden, kann es zu Blutungen und Fehlgeburten kommen.

Den Forschern zufolge spielt das Enzym Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4), das bekanntermaßen das Hormon Glucagon-like Peptid 1 abbaut und so an der Blutzuckerregulation beteiligt ist, auch hier eine wichtige Rolle. Wird DPP-4 durch Sitagliptin gehemmt, bessern sich die Bedingungen in der Gebärmutter für den Embryo. Die Zahl an Stammzellen nimmt zu.

Das zeigte eine kleine Studie mit 38 Frauen im Alter zwischen 18 und 42 Jahren, die zuvor durchschnittlich fünf Fehlgeburten erlitten hatten. Über einen Zeitraum von drei Menstruationszyklen erhielten die Probandinnen entweder eine orale Sitagliptin-Therapie oder ein Placebo. Vor und nach der Studie wurden Biopsien aus der Gebärmutter auf die Anzahl der vorhandenen Stammzellen untersucht. Bei den Frauen, die das Gliptin erhalten hatten, nahm die Anzahl dieser Zellen um durchschnittlich 68 Prozent gegenüber dem Anfangswert zu. In der Placebogruppe war ein positiver Effekt erwartungsgemäß nicht zu verzeichnen. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Sitagliptin-Behandlung auch dazu führte, dass sich die Anzahl »gestresster« Decidualzellen in der Gebärmutterschleimhaut halbierte. Zudem war die Nebenwirkungsrate minimal.

Die vorliegende Studie war darauf ausgelegt, zu zeigen, dass die Zahl an Stammzellen durch Gabe von Sitagliptin steigt. Dennoch lassen die Ergebnisse aus der Nachverfolgung aufhorchen. Bei jenen Frauen, die Sitagliptin eingenommen hatten, traten später keine Fehlgeburten mehr auf. Die Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass diese ersten Ergebnisse noch zu bestätigen sind. Sie hoffen, bald mit einer größeren klinischen Studie starten zu können.

Professor Dr. Jan Brosens von der Universität Warwick räumt ein, dass auch Sitagliptin nicht alle Fehlgeburten wird verhindern können, da es unterschiedliche Ursachen gibt, unter anderem genetische Fehler beim Embryo. Liegt allerdings eine Störung der Gebärmutterschleimhaut vor, kann sich die Gabe des DPP-4-Inhibitors offenbar positiv auswirken. Dass es sich dabei um einen Klasseneffekt handelt und andere DPP-4-Hemmer ebenso wirken, ist gut möglich. Die Forscher gehen in ihrer Publikation auf diese Fragestellung allerdings nicht ein.

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