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USA

Fast jede vierte Antibiotika-Verordnung ist unangemessen

Wissenschaftler haben Verschreibungsdaten von mehr als 19 Millionen privatversicherten US-Amerikanern ausgewertet. Jeder Siebte erhielt demnach im Jahr 2016 mindestens eine unangemessene Antibiotika-Verordnung.
Daniela Hüttemann
17.01.2019
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Um die Wirkung von Antibiotika weiterhin zu gewährleisten, ist ein rationaler Umgang gefordert. Das heißt, sie sollten nur eingesetzt werden, wenn unbedingt nötig und eine bakterielle Infektion wahrscheinlich ist. In den USA halten sich offensichtlich viele Ärzte nicht an diese internationalen Empfehlungen. Drei Forscher unterschiedlicher US-Universitäten werteten die ambulanten Verordnungsdaten von 19,2 Millionen privatversicherten Kindern und Erwachsenen anhand der nach dem neuen Klassifizierungssystem ICD-10-CM gestellten Diagnosen aus. Die ambulanten Patienten lösten im Jahr 2016 insgesamt rund 15,5 Millionen Verordnungen für Antibiotika ein, vor allem für Azithromycin (19,0 Prozent), Amoxicillin (18,2 Prozent) und Amoxicillin-Clavulansäure (11,6 Prozent).

Der Kinderarzt und Assistenzprofessor Dr. Kao-Ping Chua von der Universität Michigan, der Pharmakoepidemiologe und Assistenzprofessor Dr. Michael Fischer vom Brigham and Women's Hospital in Boston sowie der Internist Professor Dr. Jeffrey A. Lindner von der Feinberg School of Medicine in Chicago schätzen, dass 23,2 Prozent aller eingelösten Rezepte so nicht hätten verordnet werden dürfen. Häufig seien banale Erkältungen oder Husten der Grund gewesen. Die Verschreibungen seien unangemessen, kritisieren die Forscher im »British Medical Journal«. Weitere 35,5 Prozent der Rezepte waren potenziell unangemessen. 28,5 Prozent der Verordnungen waren zudem nicht mit einer kürzlich gestellten Diagnose verbunden.

Die Wissenschaftler schätzen, dass einer von sieben Studienteilnehmern im Jahr 2016 mindestens einmal ein unnötiges Antibiotikum eingenommen hat. Unangemessene Verordnungen waren häufiger bei Erwachsenen (drei Viertel der Teilnehmer) als bei Kindern, so ein weiteres Ergebnis. Die Autoren schränken ein, dass ihre Auswertung auf der korrekten Kodierung der Krankheitsbilder der verordnenden Ärzte beruht. Sie denken dennoch, dass ihr Auswertungssystem auch für andere Forscher und Entscheidungsträger weltweit ein brauchbares Werkzeug im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen darstellen kann.

Verordnungsdaten der Krankenkasse KKH zeigten zuletzt, dass 18 Prozent der Versicherten im Jahr 2017 ein Antibiotikum erhalten hatten. Im Schnitt waren es 2,6 Verordnungen pro Versichertem. Die Krankenkasse hatte jedoch nicht untersucht, ob die Verschreibungen angemessen waren. Die europäische Seuchenkontrollbehörde ECDC geht davon aus, dass Breitspektrum-Antibiotika in Europa deutlich zu häufig verordnet werden.

DOI: 10.1136/bmj.k5092

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