Sofern Antibiotika überhaupt indiziert sind, nennen die Leitlinienautoren Amoxicillin an erster Stelle. Große Datensätze für die kindliche akute Otitis media hätten gezeigt, dass »nach der schmalen Erstlinientherapie mit Amoxicillin seltener Therapieversagen und/oder Rezidive auftreten als nach Initialtherapie mit einer Amoxicillin-Clavulansäure-Kombination, Cephalosporinen und Azithromycin«. Auch die insgesamt gute Verträglichkeit und der geringe Resistenzselektionsdruck sprächen für Amoxicillin als Antibiotikum der ersten Wahl bei akuten Otitiden.
Bei Erregern mit erhöhter Betalactamase-Aktivität wie Hämophilus, Streptococcus pneumoniae oder Moraxella ist mit Clavulansäure zu kombinieren. Bei Penicillinallergie sollte der Arzt auf Makrolide wie Erythromycin oder Azithromycin ausweichen. Neben den Breitbandpenicillinen bieten sich orale Cephalosporine wie Cefuroxim, Cefaclor oder Cefixim an.
Im Beratungsgespräch sind die Eltern darüber zu informieren, dass auch die sofortige Gabe eines Antibiotikums keinen Einfluss auf die Schmerzreduktion hat. Die begleitenden Schmerzmittel sind deshalb angezeigt, da sich die Schmerzdauer durch Antibiotika nicht wesentlich verkürzen lässt, lediglich von 3,3 auf 2,8 Tage, wie eine Studie zeigt. Auf keinen Fall hat eine Antibiotikabehandlung Einfluss auf die Schmerzstärke in den ersten 24 Stunden.
Drei bis vier Wochen nach Therapiebeginn sollten die Eltern einen Nachsorge-Termin wahrnehmen, bei dem auch die Überprüfung des Hörvermögens auf dem Programm steht. Der Erguss, der sich hinter dem Trommelfell gebildet hat, braucht etwa drei bis vier Wochen, um abzufließen. Solange bleibt auch die Hörminderung bestehen.
Ohrenschmerzen, besonders wenn sie von anderen Beschwerden begleitet werden, bedürfen immer der Abklärung durch den Arzt. Mittelohrentzündungen dürfen nicht in Eigenregie behandelt werden, auch wenn sie in vielen Fällen selbstlimitierend sind. Rein rechnerisch geht man von einer Selbstheilungsquote von 80 Prozent innerhalb von zwei bis sieben Tagen aus.
Das pharmazeutische Personal sollte dennoch in jedem Fall zum Arztbesuch raten. Dieser erkennt bei der Otoskopie eine Otitis media an Veränderungen des Trommelfells. Es ist rosa verfärbt, und ein bestehender wässriger Erguss schimmert hindurch. Hat sich eitriges Sekret, ein Paukenerguss, gebildet, wölbt sich das Trommelfell vor.
Die »Wait-and-watch«-Strategie setzt eine gute Aufklärung und Absprache mit den Eltern voraus. Um eine Wiedervorstellung in der Praxis zu vermeiden, schlagen die Leitlinienautoren ein Reserve-Rezept (»antimicrobial prescribing«) vor: Der Pädiater verordnet vorsorglich ein Antibiotikum, das die Eltern erst dann einlösen, wenn die Ohrenschmerzen nach den genannten Zeitspannen noch anhalten.