Nur eine Otoskopie bringt Klarheit über den Grund von Ohrenschmerzen. / © Getty Images/KatarzynaBialasiewicz
Die derzeit aktuellsten Therapieempfehlungen zur unkomplizierten akuten Otitis media enthält die S2k-Leitlinie »Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen« der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie; sie ist im vergangenen Jahr neu aufgelegt worden. Die meisten Fälle seien selbstlimitierend und bedürften keiner Antibiotikatherapie, heißt es.
Die HNO-Ärzte raten darin zunächst zu einer rein symptomatischen Behandlung der Schmerzen, sofern kein eitriger Paukenerguss vorliegt. Die Strategie, den Krankheitsverlauf somit vorsichtig zu beobachten, sei für Kinder ohne Grunderkrankungen vertretbar. Es sei nur schwer vorhersehbar, ob und wie schnell die noch viral bedingte Entzündung einen bakteriellen Verlauf nimmt und damit Antibiotika indiziert sind.
Diese abwartende Strategie gilt nicht für Säuglinge unter sechs Monaten oder Kinder mit Begleit- oder Grunderkrankungen wie Diabetes oder Immunschwäche oder früheren Komplikationen einer Otitis media. Auch bei Patienten unter zwei Jahren mit beidseitigen Beschwerden oder mit immer wiederkehrenden Infekten sollte der Arzt leitliniengemäß sofort eine antibiotische Therapie einleiten.
Paracetamol und Ibuprofen nehmen schnell den oft unerträglichen Schmerz. Aufgrund seiner zusätzlich antiphlogistischen Wirkkomponente wird Ibuprofen bei diesem Krankheitsbild häufiger eingesetzt. Für Kinder unter sechs Monaten ist nur Paracetamol zugelassen. Eine alternierende Gabe der beiden Arzneistoffe ist abzulehnen, zu hoch wäre das Risiko für mögliche Überdosierungen. Die Leitlinienautoren nennen ausdrücklich sowohl eine systemische als auch topische analgetische Schmerztherapie.
HNO-Ärzte empfehlen aus Erfahrung zusätzlich α-Sympathomimetika in Form von Nasentropfen oder -sprays – auch wenn Studien bislang keinen Behandlungsvorteil dokumentieren konnten. Dadurch schwillt die Schleimhaut in der Nase und der Ohrtrompete ab. Sekret, das sich in der Paukenhöhle gebildet hat, kann dann besser abfließen. Die Belüftung des Mittelohrs wird verbessert, so die Theorie. Sinnvoll können Hausmittel wie Wärmebehandlungen mit Rotlicht, Kirschkernkissen oder Zwiebelsäckchen sein. Kinder empfinden sie häufig als angenehm.
| Arzneimittel | Dosierung |
|---|---|
| Paracetamol | maximal 60 mg/kg KG (= Körpergewicht)/Tag, entspricht drei- bis viermal 10 bis 15 mg/kg KG/Tag |
| Ibuprofen | maximal 20 bis 30 mg/kg KG/Tag, verteilt auf drei bis vier Gaben pro Tag |
| 1. Wahl: Amoxicillin (eventuell kombiniert mit Clavulansäure) | 50 mg/kg KG/Tag in zwei bis drei Einzeldosen, entweder 5, 7 oder 10 Tage lang |
| 2. Wahl: orales Cephalosporin der Gruppe 2, zum Beispiel Cefuroximaxetil, Cefaclor | 20 bis 30 mg/kg KG/Tag für entweder 5, 7 oder 10 Tage |
| Bei Allergie gegen Penicilline oder Cephalosporine: Makrolide wie Erythromycin, Azithromycin | 40 mg/kg KG/Tag über sieben Tage |
Sofern Antibiotika überhaupt indiziert sind, nennen die Leitlinienautoren Amoxicillin an erster Stelle. Große Datensätze für die kindliche akute Otitis media hätten gezeigt, dass »nach der schmalen Erstlinientherapie mit Amoxicillin seltener Therapieversagen und/oder Rezidive auftreten als nach Initialtherapie mit einer Amoxicillin-Clavulansäure-Kombination, Cephalosporinen und Azithromycin«. Auch die insgesamt gute Verträglichkeit und der geringe Resistenzselektionsdruck sprächen für Amoxicillin als Antibiotikum der ersten Wahl bei akuten Otitiden.
Bei Erregern mit erhöhter Betalactamase-Aktivität wie Hämophilus, Streptococcus pneumoniae oder Moraxella ist mit Clavulansäure zu kombinieren. Bei Penicillinallergie sollte der Arzt auf Makrolide wie Erythromycin oder Azithromycin ausweichen. Neben den Breitbandpenicillinen bieten sich orale Cephalosporine wie Cefuroxim, Cefaclor oder Cefixim an.
Im Beratungsgespräch sind die Eltern darüber zu informieren, dass auch die sofortige Gabe eines Antibiotikums keinen Einfluss auf die Schmerzreduktion hat. Die begleitenden Schmerzmittel sind deshalb angezeigt, da sich die Schmerzdauer durch Antibiotika nicht wesentlich verkürzen lässt, lediglich von 3,3 auf 2,8 Tage, wie eine Studie zeigt. Auf keinen Fall hat eine Antibiotikabehandlung Einfluss auf die Schmerzstärke in den ersten 24 Stunden.
Drei bis vier Wochen nach Therapiebeginn sollten die Eltern einen Nachsorge-Termin wahrnehmen, bei dem auch die Überprüfung des Hörvermögens auf dem Programm steht. Der Erguss, der sich hinter dem Trommelfell gebildet hat, braucht etwa drei bis vier Wochen, um abzufließen. Solange bleibt auch die Hörminderung bestehen.
Ohrenschmerzen, besonders wenn sie von anderen Beschwerden begleitet werden, bedürfen immer der Abklärung durch den Arzt. Mittelohrentzündungen dürfen nicht in Eigenregie behandelt werden, auch wenn sie in vielen Fällen selbstlimitierend sind. Rein rechnerisch geht man von einer Selbstheilungsquote von 80 Prozent innerhalb von zwei bis sieben Tagen aus.
Das pharmazeutische Personal sollte dennoch in jedem Fall zum Arztbesuch raten. Dieser erkennt bei der Otoskopie eine Otitis media an Veränderungen des Trommelfells. Es ist rosa verfärbt, und ein bestehender wässriger Erguss schimmert hindurch. Hat sich eitriges Sekret, ein Paukenerguss, gebildet, wölbt sich das Trommelfell vor.
Die »Wait-and-watch«-Strategie setzt eine gute Aufklärung und Absprache mit den Eltern voraus. Um eine Wiedervorstellung in der Praxis zu vermeiden, schlagen die Leitlinienautoren ein Reserve-Rezept (»antimicrobial prescribing«) vor: Der Pädiater verordnet vorsorglich ein Antibiotikum, das die Eltern erst dann einlösen, wenn die Ohrenschmerzen nach den genannten Zeitspannen noch anhalten.