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Mental Health bei Teens
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Einsam in der Smartphone-Bubble

Kriege, Klimawandel, Zukunftsängste: Um die psychische Gesundheit von Kindern und Teenagern ist es schlecht bestellt. Dazu haben auch die Kontakteinschränkungen während der Pandemie beigetragen. Erziehungswissenschaftler und Jugendforscher Professor Dr. Benno Hafeneger von der Universität Marburg über Einsamkeit, Bubble-Denken und Netzkommunikation.
AutorKontaktElke Wolf
Datum 17.08.2026  07:00 Uhr

PZ: Die Zahl stationärer Aufenthalte aufgrund psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen liegt so hoch wie nie. Vor allem Angsterkrankungen und Depressionen nehmen zu. Woran liegt das?

Hafeneger: Jede Jugend hat ihre politisch-gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle »Großwetterlage«, in der sie erwachsen wird. Und derzeit prasselt schon einiges auf die junge Generation ein. Kriege, Klimawandel, gesellschaftlicher Druck, Migrationsbewegungen, soziale Ungleichheit, Zukunftsängste: Nicht umsonst wird von einer Polykrise oder kumulierten Krisenentwicklung gesprochen. Man kann schon diagnostizieren, dass die junge Generation in einem Ausmaß von Krisenentwicklungen getroffen wird wie keine andere in der bundesdeutschen Geschichte zuvor. Durch die Zunahme von psychosozialen Belastungen gibt es eine Zunahme an psychiatrischen Auffälligkeiten.

Hinzu kommt ein weiteres, neues Phänomen: Die Weltentwicklungen können heutzutage jeden Tag über die Medien rund um die Uhr wahrgenommen werden. Die Älteren waren noch mehr oder weniger abgeschottet, indem sie abends vor dem Fernsehen bewusst die Nachrichten einschalteten oder die Tageszeitung lasen. Heutzutage sind 24/7 alle Probleme der Welt ständig präsent. Wir haben eine medialisierte Gesellschaft – was Folgen hat.

PZ: Welche Faktoren benennen die Jugendlichen als kritisch für ihr psychisches Wohlergehen?

Hafeneger: Wir arbeiten in der Jugendforschung mit sogenannten Problem-Rankings. Dabei benennen die Jugendlichen heutzutage zum Teil andere Probleme als noch vor einigen Jahren. So hat etwa die materielle Lebenslage eine neue Bedeutung in der Negativwahrnehmung von Jugendlichen bekommen. Im Übrigen genauso wie die Benennung der schlechten Performance von Politikern und von gesellschaftlichen Institutionen. Materielle Sorgen, sich also etwa keine Wohnung leisten zu können, die Lebenshaltungskosten oder die Inflation, rangieren neben »Angst vor Kriegen« in den Auflistungen ganz weit oben.

20 Prozent der Jugendlichen geben in Erhebungen an, dass sie Einsamkeitserfahrungen gemacht haben. Also das Alleinsein als Problembelastung, nicht eingebunden zu sein, niemanden zu haben, sich anvertrauen zu können, oder sich nicht zugehörig zu fühlen, etwa zur Jugendfeuerwehr, im Sportverein oder in einem Jugendzentrum. Einsamkeitserfahrungen in diesem Ausmaß sind ein neues Phänomen und unter anderem eine Langzeitfolge der Pandemie.

Auffällig ist auch Folgendes: Die junge Generation ist differenziert und vielfältig; ein Teil nimmt ihr Leben zunehmend als Stresserfahrung wahr. Es scheint vom Elternhaus und der Schule einen gewissen sozialen Druck zu geben, eine gewisse Karriereleistung erbringen zu müssen – beziehungsweise nehmen es die jungen Menschen vermehrt so wahr. Andere wiederum sind recht angepasst, navigieren aufgrund einer guten Eltern-Beziehung durch ihr Jungsein, managen ihr Leben auf ihre Art und Weise.

Insgesamt zeigt die junge Generation zwar immer noch einen biografischen Optimismus – biografisch will heißen: zuversichtlich sein, das Leben bewältigen und gestalten zu können –, aber der optimistische Zukunftsblick wird zunehmend durch die Krisenentwicklungen getrübt. Die eigene Entwicklungssituation wird immer skeptischer beurteilt.

PZ: Und die jungen Menschen machen dann die Politik dafür verantwortlich?

Hafeneger: Durch das hohe Maß an Verunsicherung und Ungewissheit traut die junge Generation der Politik immer weniger zu, ihre biografischen Wünsche und Zukunftshoffnungen erfüllen beziehungsweise gesellschaftliche Probleme lösen zu können.

Jüngere Wahluntersuchungen zeigen deutlich, dass sich die junge Generation in der Problembewältigung zu autoritären Mustern hin orientiert; bis hin zu Kommentaren wie »die bekommen das eh nicht hin«. Zwar wird die Demokratie in hohem Maß befürwortet. Aber die Performance, wie also Demokratie derzeit gemanagt wird, wird stark von der jungen Generation kritisiert, wie es bislang in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nie der Fall war.

Es gibt eine deutliche geschlechterbezogene Spaltung im Wahlverhalten. Junge Männer fühlen sich vermehrt von rechtsextremen Parteien angesprochen, während junge Frauen sich eher links orientieren. Politik hat zwar immer etwas mit Problemlösung und Gestaltung zu tun, aber eben auch mit Vorbildfunktion der handelnden Figuren. Wer begeistert, weil er emotional die gleiche Sprache spricht? Wer kommt authentisch rüber? Wer holt mich mit seinem Wording ab?

PZ: Sind die Schwurbler und Impfgegner während der Pandemie die AfD-Wähler von heute? Wenn ja, wie passt das zusammen?

Hafeneger: In allen Studien kommt die tiefe Enttäuschung der jungen Generation darüber zum Ausdruck, dass sie während der Krise, also während der Covid-19-Pandemie, nicht ernst genommen und gefragt wurden. Die Politik und die Gesellschaft der Erwachsenen habe über ihre Köpfe hinweg über Kontaktbeschränkungen und Homeschooling entschieden. Diese Skepsis ist gewissermaßen das Hintergrundrauschen oder die Negativfolie, mit der die jungen Leute heute das Verhalten der Politik wahrnehmen.

Der Stachel sitzt bis heute. Im Grunde wirkten die Pandemie-Bekämpfungsmaßnahmen wie ein Beschleuniger auf ohnehin vorhandene Entwicklungen im Twist zwischen der älteren und jungen Generation. Bei den Kindern und Jugendlichen, die zuvor bereits Einsamkeitserfahrungen hatten, psychosozial belastet waren oder die unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind, haben sich pandemiebedingt Einstellungen eher verschärft.

PZ: Unsere zunehmend digitalisierte Welt mit Smartphone-Nutzung rund um die Uhr befeuert die Entwicklung vermutlich zusätzlich?

Hafeneger: Ja, das Problem potenziert sich durch die Netzkommunikation mit all ihren Möglichkeiten. Durch die Kontaktbeschränkungen während der Pandemie ist man aus den wirklichen Lebensverhältnissen herausgebunden worden, also aus Freundschaften, Beziehungen oder Mitgliedschaften. Darunter haben die Kinder und Jugendlichen stärker gelitten als die Erwachsenen. Wenn man so will, hat sich das reelle Leben auf eine individualisierte Netzkommunikation verlagert.

Die sozialen Medien sind für die Mädchen und Jungen mittlerweile zur zentralen Informationsquelle geworden. Wenn es dann keine Reflexion gibt oder keine Medienbildung vorhanden ist, dann besteht die Gefahr, dass sie der Blase, in der sie sich bewegen, glauben. Die Denkwelten, die in den Bubbles herrschen (Stichworte: Gamingszene, Influencerszene), beeinflussen die mentale Entwicklung erheblich. Es ist historisch eine neue Dimension, dass man 24/7 in die Medien involviert sein kann und damit in seiner eigenen Welt lebt.

PZ: Wie lässt sich die Resilienz stärken? Welche Lösungsansätze sehen Sie?

Hafeneger: Die Politik hat die Aufgabe, den Rechtsrahmen zu setzen, also etwa eine Altersbegrenzung in Sachen soziale Medien einzuführen. Verbote helfen aber nicht weiter, wenn die anderen Beteiligten nicht an einem Strang ziehen und parallel arbeiten.

Denn die Verantwortung liegt natürlich auch bei den Eltern. Sie müssen wissen, wie und wobei ihre Kinder im Netz unterwegs sind. Es ist nicht gut, sein Kind mit seiner Medienwelt sich selbst zu überlassen. Es sind erzieherisch aufklärerische Maßnahmen innerhalb der Familie nötig, gewissermaßen als Familienbildung.

Daneben müssen die pädagogisch zuständigen Institutionen, also vorrangig die Schulen, von Anfang an Medienkompetenz vermitteln. Die Kinder müssen lernen, kritisch reflektiert und abgewogen, damit umzugehen – was voraussetzt, dass das pädagogische Personal in Schulen und Erziehungseinrichtungen selbst medienkompetent ist oder in seiner Ausbildung gemacht wird. Auch die Zivilgesellschaft, also die Kirchen, die Gewerkschaften oder Sportvereine, stehen in der Pflicht, altersgerechte Netzkommunikation zu betreiben und die jungen Menschen abzuholen. Die Gesellschaft insgesamt ist gefordert.

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