| Jennifer Evans |
| 10.06.2026 11:30 Uhr |
Social‑Media‑Plattformen aktivieren gezielt das Belohnungssystem im Gehirn. Wie viel Schaden Jugendlichen entsteht, ist aber noch unklar. / © Adobe Stock / Alessandro Biascioli
Am morgigen Donnerstag stellt der Deutsche Ethikrat seine Stellungnahme zum Thema »Schutz, Teilhabe und Befähigung von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt« vor. Gegenüber dem »Science Media Center« (SMC) haben einige Expertinnen und Experten bereits ihre Einschätzung abgegeben, welche Auswirkungen soziale Medien auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben. Fest steht: Obwohl immer mehr geforscht wird, existieren noch viele Wissenslücken. Unter anderem ist unklar, an welchen Stellen man nur von Zusammenhängen und nicht von Auswirkungen sprechen kann.
Professor Dr. Julia Brailovskaia, Leiterin des Lehrstuhls Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum, beschreibt soziale Medien als Maschinen, die auf maximale Verweildauer getrimmt sind. Likes, endloses Scrollen, Push-Signale und soziale Vergleiche mit Freundinnen und Freunden greifen ins Belohnungssystem des Gehirns ein und konditionieren Nutzerinnen und Nutzer ähnlich wie Versuchstiere im Labor. »Der Mensch ist da nicht anders als die Ratte im Käfig, die immer öfter auf einen Schalter drückt, um Zucker zu bekommen. Unser Gehirn funktioniert genau nach dem gleichen Prinzip.«
Für sie steht fest: Die Suchtsymptomatik treibt viele der späteren Probleme an – von Einsamkeit über Ängste bis zu depressiven Symptomen. Sie fordert deshalb klare Altersgrenzen, eine Übergangsphase für die Kinder ins digitale Leben sowie Eltern, die wissen, wie sie Regeln durchsetzen – unter anderem durch Leitlinien und Unterstützung der Schulen. Gleichzeitig nimmt sie die Plattformen in die Pflicht: statt Profitmodell mehr Nutzerschutzmodell, keine personalisierte Werbung für Kinder und ein Design, das nicht auf Abhängigkeit setzt.
Professor Dr. Kathrin Karsay vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien schaut vor allem auf die Architektur der Plattformen. Auch sie erklärt, wie Autoplay, algorithmische Feeds oder Push-Benachrichtigungen mit intermittierender Verstärkung arbeiten – also mit Belohnungen, die unregelmäßig auftreten und dadurch besonders fesseln.
Gleichzeitig betont sie, wie dünn die Evidenzlage zu vielen Effekten bei Kindern und Jugendlichen noch ist. Für sie braucht es deshalb zwei Dinge: erstens eine solide Evaluation aller regulatorischen Maßnahmen, inklusive der Frage, ob Altersbeschränkungen überhaupt wirken oder nur dazu führen, dass Jugendliche Verbote umgehen. Zweitens sieht sie eine klare Verantwortung bei den Plattformen durch »Safety by Design« und fordert eine systematische Stärkung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen.