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Auswirkungen der Pandemie

Jugend im emotionalen Stau

Kinder und Jugendliche haben unter der Corona-Pandemie und ihren Einschränkungen besonders gelitten. Von einer ausgebremsten Generation ist die Rede. Erziehungswissenschaftler und Jugendforscher Professor Dr. Benno Hafeneger von der Universität Marburg über verlorene Mikrowelten und wiedereroberte kleine Freiheiten. 
Elke Wolf
07.03.2022  07:00 Uhr

PZ: Vor etwa einem Jahr hieß es, dass die junge Generation weniger unter den Kontaktbeschränkungen leide als die ältere. Durch die intensivere Nutzung von Smartphone und Co. sei sie besser in der Lage, Kontakt mit der Außenwelt zu halten. Kann man das jetzt noch so sagen?

Hafeneger: Mit dem Fortlauf der Pandemie und den dadurch nötigen unterschiedlichen Einschränkungen hat sich das ganze Leben in allen gesellschaftlichen Bereichen und Beziehungen sowie in allen Bevölkerungsgruppen verändert. Zu Anfang der Pandemie ist vor allem über die Senioren-Generation als vulnerable Gruppe geredet worden. Kinder und Jugendliche wurden zu diesem Zeitpunkt eher als Risikofaktor gesehen, die die Infektion nach Hause zu den Großeltern bringen. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert und differenziert entwickelt.

Nun stehen auch Familie, Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt bezüglich der Problemwahrnehmung und dem Umgang damit. Wobei man sagen muss, dass Kinder anfangs nur bezüglich ihrer Schülerrolle thematisiert wurden, also Lernrückstände, Grenzen des Homeschoolings und neue Sichtbarkeit von Bildungsungleichheit. Heute wissen wir, dass die pandemiebedingten Maßnahmen auch Auswirkungen auf die Entwicklungssituation in der jeweiligen Entwicklungsphase des Kindes haben. Studien belegen mehr psychosoziale Probleme, Bewegungsarmut und Gewichtszunahme bei gleichzeitigem Anstieg der digitalen Kommunikation und des familienzentrierten Lebens.

PZ: Es geht den jungen Leuten also nicht anders als allen anderen?

Hafeneger: Jedes Alter hat zwar seine eigene Entwicklungszeit und Bedürfnisstruktur, aber es gibt durchaus Gemeinsames. Alle wollen sich treffen können. Alle wollen kommunizieren, sich mitteilen und etwas loswerden. Das ist quasi die Grunddimension des Sozialen. Und diese Face-to-face-Treffgelegenheiten sind nun für die gesamte Gesellschaft aufgrund der Pandemie zurückgefahren worden.

Was bedeutet diese Bremse für die Jugendlichen? Das Normalleben ist blockiert in einer Entwicklungsphase, die eigentlich sehr dynamisch für die Jungen und Mädchen ist und in der sie beginnen, sich von zu Hause abzunabeln. Das bislang als normal bezeichnete Jugendleben konnte und kann phasenweise immer noch nicht in seinem Alltag, seinen repetitiven Gewohnheiten und Rhythmen gelebt werden. Denken Sie an Kindergeburtstage, Sportwettkämpfe, Abiturfeiern, Tanzschule, Auslandssemester oder Kommunionsfeiern. Solche Rituale sind eigentlich nicht aufschiebbar. Man kann als 13-Jähriger nicht das nachholen, was man als 11-Jähriger gebraucht hätte. Das hat große Konsequenzen für die Entwicklung im jeweiligen Lebensalter, ohne genau zu wissen, wie diese Konsequenzen langfristig aussehen.

Die zentrale Herausforderung ist, die Entwicklungsphasen bezogenen kognitiven Herausforderungen und zugehörigen Gefühlswelten zu integrieren und zu bewältigen. Damit dies gelingt, brauchen Jugendliche neben Erwachsenen immer auch Gleichaltrige, mit denen sie ihre Themen innerhalb ihrer Generation austauschen können.

PZ: Als Jugendforscher sehen Sie für die Kinder und Jugendlichen »erzwungene Herausforderungen«. Können Sie das genauer erklären?

Hafeneger: Man könnte sagen, die junge Generation ist in einem sozialen, kommunikativen und körperlichen Stau, weil auf verschiedenen Ebenen Mikrowelten und -prozesse – wie ich es nenne – wegfallen. Schauen wir auf die Schule. Da geht man gerne hin oder nicht, aber man geht hin. Schule heißt ja nicht nur Lernen, sondern man ist gemeinsam in einer Klasse, ist mit seinen Mitschülern konfrontiert, redet, tauscht sich aus, hat Lehrerinnen und Lehrer, die man mag oder nicht. Auf dem gemeinsamen Schulweg und in den Pausen wird geschubst, gestritten, geknufft, vielleicht über einen Film gesprochen, den man gesehen hat, oder vom langweiligen Wochenende zu Hause geredet oder einfach mitgeteilt, »wie man gerade drauf ist«. Das fällt alles weg, wenn die Schulen auf Distanzunterricht umgestellt sind und die Kontakte fehlen. Dabei ist diese Mikrodynamik aber immens wichtig, sie entlastet, es ist ein sprudelnder Redefluss nach dem Muster »Das muss ich unbedingt erzählen und loswerden«.

Das Gleiche passiert beim Sport, bei der Feuerwehr, beim Besuch eines Konzerts oder beim gemeinsamen Musizieren etwa in einer Band. Es geht ja nicht nur um das bloße Fußballspielen, das man gewinnen will, sondern man trifft sich in der Kabine, man zieht sich um, man albert herum, freut und ärgert sich gemeinsam, misst sich, zankt sich. Das sind viele Gefühle, die dabei ausgelebt werden. Fallen die Wettkämpfe weg, fallen auch die Gefühle weg, die Vorfreude, die Spannung, der Ärger, wenn man verloren hat. Doch das sind eigentlich notwendige Gefühlswelten, die einen prägen.

Und es spielt sich dabei eben auch sehr viel körperlich ab. Mitschülerinnen und Mitschüler nehmen sich mal in den Arm, drücken, trösten und freuen sich zusammen. Denken Sie auch ans Flirten und Verliebtsein. Im Sportverein jubelt man zusammen, klatscht sich ab, schlägt einander auf den Rücken. Vor allem Jungs kabbeln auch gerne mal untereinander. Das sind eben diese feinen Mikroprozesse, die im Zwischenmenschlichen ablaufen, und das Bedürfnis nach Körperkontakt, den jeder braucht. Grundschullehrerinnen haben mir zum Beispiel erzählt, dass die Kinder sie am ersten Schultag nach den langen Lockdowns von hinten umarmt haben, denn das sei ja wohl erlaubt.

Das gilt im Übrigen nicht nur für das Miteinander der Kinder oder Jugendlichen untereinander. Sie brauchen auch Erwachsene, freuen sich eben auf die Grundschullehrerin, auf den Trainer, die erwachsene Vertrauensperson im Jugendclub. Das sind Menschen, die begeistern können, die fördern und unterstützen, die Vorbilder sind. Das sind gewissermaßen bedeutsame Begegnungs- und Resonanzräume.

»Man kann als 13-Jähriger nicht das nachholen, was man als 11-Jähriger gebraucht hätte.«
Professor Dr. Benno Hafeneger

PZ: Inwieweit kann man mit den neuen Medien ausgleichen, was man selbst live erleben könnte?

Hafeneger: Dabei wird natürlich viel kompensiert. Aber das hat auch Grenzen, es sind keine Realerfahrungen, die gesamte sinnliche Welt fehlt. Das Medium liegt zwischen dem Ich und dem Realen, dem Sozialen. Das ist nicht wirklich ein Ersatz für das echte Leben. Selbst wer viel chattet und Videogespräche führt, sollte bedenken: Man hat keinen Augenkontakt, auch die Gestik fällt größtenteils weg.

Wenn aufgrund der Pandemiemaßnahmen die oben genannten Austauschprozesse und gewohnten Rituale im Sinne von Wahrgenommenwerden und des sich Vergewisserns der eigenen Identität nicht möglich sind, entsteht dieser emotionale und kommunikative Stau, der einem auf sich selbst und auf mehr innere Monologe zurückverweist. Man könnte auch sagen: Die Balance zwischen Außenwelt und Innenwelt ist gestört. Wenn die äußere Welt nicht gelebt werden kann, ist man mehr auf sein eigenes Inneres verwiesen, es gibt mehr Nachdenklichkeit, mehr Grübeln, mehr Ausflüchte in die Fantasie.

PZ: Haben psychosoziale Probleme in der jungen Generation zugenommen?

Hafeneger: Ohne das pathologisieren zu wollen, aber es gibt schon eine Menge psychosozialer und gesundheitlicher Folgen dieser Pandemie. Stress, Ängste, Einsamkeit und depressive Stimmungen haben eindeutig zugenommen. Wir haben derzeit eine neue Qualität von erzwungener Einsamkeit. Normalerweise spielen Einsamkeit und Depressivität in der jungen Generation kaum eine Rolle. Junge Leute gehen normalerweise raus und machen etwas spontan, sie haben Ideen.

Denken Sie zum Beispiel an die Abiturienten, die zum Studieren in eine andere Stadt ziehen wollen. Warum sollten sie jetzt von zu Hause ausziehen und in einer Unistadt, in der sie niemanden kennen, ein Zimmer anmieten für viel Geld, wenn sie den Hörsaal gar nicht oder nur selten besuchen können? Die Folge ist, dass sie weiterhin zu Hause in ihrem Kinderzimmer sitzen.

PZ: Wächst dadurch eine Generation Corona heran?

Hafeneger: Ich wehre mich dagegen, von der Generation Corona zu reden. Das ist stigmatisierend, es sind Erwachsene, die der jungen Generation ein Label aufdrücken. Es ist vielmehr so: Jugendliche werden erwachsen unter Bedingungen von Corona. Und die verarbeiten sie sehr unterschiedlich. Es gibt viele Jugendliche, die sich mit einer guten Eltern-Beziehung gut durch die Pandemie navigieren. Aber es gibt regelrecht Verlierer, die aufgrund ihrer Lebensbedingungen doppelt bestraft sind. Und es gibt auch – allerdings sehr wenige – Jugendliche, die von sich behaupten, die Pandemiebeschränkungen machten ihnen gar nichts aus.

Es hat sich gezeigt, dass eine Gruppe der Kinder und Jugendlichen aufgrund ihrer Biografie und ihrer Sozialisation gut organisiert ist und auch das Homeschooling und die Kontaktbeschränkungen sehr gut hinbekommen hat. Andere wiederum brauchen gewisse Vorgaben, eine gewisse Taktung durch den normalen Schulalltag als eine Art Zeitgeländer und eine helfende Hand durch ihre Kinder- und Jugendphase. Wer beim Homeschooling um fünf vor acht aufsteht, wenn um acht Uhr der Online-Unterricht beginnt, dem rennt ein bisschen die Zeit weg. Und ein gewisses Lotterleben hält Einzug.

Generell sollte man kein zu negatives Kinder- und Jugendbild zeichnen. Die meisten gehen auf ihre Weise clever mit der Situation um und finden meist ihren Weg, haben ihre kleinen Fluchten, schaffen es, sich doch zu treffen. Das sollte man auch nicht um jeden Preis verhindern. Ein Stück weit kann dort das Jugendleben gelebt werden. Aber natürlich ist die junge Generation genervt und gestresst. Gleichzeitig ist sie sehr verantwortungsbewusst und akzeptiert rational die Regeln. Ganz oben auf der Wunschliste stand und steht übrigens, dass die Schulen keinesfalls geschlossen werden. Ich denke, das hat schon einige Berechtigung.

PZ: Als Mutter von zwei Teenagern muss ich auf die von Ihnen angesprochenen kleinen Fluchten zurückkommen. Ich habe da eher den Eindruck, da wird mitunter etwas über die Stränge geschlagen.

Hafeneger: Die Jugendlichen haben ihre kleinen Nischen gefunden, sich doch zu treffen, etwa im Schrebergarten, im Partykeller oder in Weinbergen – um die so nötigen Mikroprozesse doch zu erfahren. Zugegebenermaßen teils auch über subversive Strategien und eruptive Entwicklungen. Dies muss ich allerdings auch ein Stück weit positiv kommentieren. Die Jugendlichen können so zu einem Teil ihr Jugendleben leben.

Zur Jugend gehört immer auch eine Art von experimentellem Leben, die jungen Leute wollen immer etwas spontan und situativ machen. Wir Erziehungswissenschaftler nennen das präreflexives Verhalten. Und es ist ja auch eine Zeit von Aufbegehren, Ausloten von Regeln und Kräftemessen. In Pandemiezeiten kann das nur eingeschränkt ausgelebt werden. Wobei wir wieder beim emotionalen und kommunikativen Stau wären.

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