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Krebsimmuntherapie

Doppelter Antikörper-Booster

Antikörper für die Krebsimmuntherapie sind in den vergangenen Jahren einige auf den Markt gekommen. Meist setzen sie am Checkpoint-Rezeptor PD-1 oder dessen Liganden PD-L1 an. Tiragolumab hat ein anderes Target. Beide Mechanismen könnten sich im Kampf des Immunsystems gegen Krebs ergänzen.
Sven Siebenand
05.01.2021  16:30 Uhr

Wie das Pharmaunternehmen Roche mitteilt, hat es für den Antikörper Tiragolumab von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA den Status »Breakthrough Therapy« erhalten. Dieser gilt in Kombination mit dem PD-L1-Antikörper Atezolizumab (Tecentriq®) für die Erstlinienbehandlung von Patienten mit metastasiertem nicht kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC), deren Tumore hohen Mengen des Oberflächenproteins PD-L1 exprimieren. Ferner dürfen die Tumoren keine EGFR- oder ALK-Aberrationen aufweisen.

Zur Erinnerung: Physiologischerweise unterbindet der PD-1-Signalweg eine dauerhafte T-Zell-Aktivierung, um den Körper vor überschießenden Immunreaktionen zu schützen. Nutzen Krebszellen diese Bremse des Immunsystems aus, ist das sehr ungünstig. Checkpoint-Inhibitoren wie Nivolumab (Opdivo®) und Pembrolizumab (Keytruda®) binden an den PD-1-Rezeptor auf aktivierten T-Zellen und sorgen auf diesem Wege dafür, dass die Krebszellen den Kampf des Immunsystems gegen den Tumor nicht ausbremsen. Atezolizumab bindet an PD-L1 und hemmt so die Interaktion zwischen Rezeptor und Ligand. Darüber hinaus blockiert es noch einen weiteren Signalweg. PD-L1 bindet normalerweise auch an den Rezeptor B7.1. Atezolizumab unterbindet auch dies.

Der monoklonale Antikörper Tiragolumab bindet an den Immunrezeptor TIGIT, der auf T-Zellen und Natürlichen Killerzellen vorhanden ist. Dabei wirkt Tiragolumab als Verstärker. Durch die Bindung an TIGIT blockiert der Antikörper die Interaktion mit einem Protein namens Poliovirus-Rezeptor (PVR oder CD155), der die Immunantwort des Körpers unterdrücken kann. Die Blockade von TIGIT und PD-L1 wirken damit synergistisch und können die Antitumoraktivität von Immunzellen weiter steigern.

Ausschlaggebend für die Vergabe des Status »Breakthrough Therapy« durch die FDA waren Resultate der Phase-II-Studie Cityscape, in der Lungenkrebspatienten entweder mit der Kombination aus beiden Antikörpern oder nur mit Atezolizumab behandelt wurden. Eine Auswertung nach rund elf Monaten zeigte für die Kombination eine Verbesserung der Gesamtansprechrate (ORR) im Vergleich zur Atezolizumab-Monotherapie (37 versus 21 Prozent) und eine Verringerung des Risikos für Tumorprogression oder Tod um 42 Prozent im Vergleich zur Monotherapie. Hinsichtlich der aufgetretenen Nebenwirkungen gab es keine großen Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen.

Tiragolumab wird in einem großen Studienprogramm nicht nur bei Lungenkrebs, sondern auch bei Speiseröhrenkrebs und Gebärmutterhalskrebs untersucht.

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