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Neue Arzneistoffe

Die innovativsten Arzneistoffe kurz erklärt

2018 war ein recht innovativer Jahrgang bei den neu auf den Markt gekommenen Arzneistoffen. Für die Apotheker wird es zunehmend schwierig, hier den Überblick zu behalten. Ein Best-of präsentierte Sven Siebenand, stellvertretender Chefredakteur der PZ, beim PZ-Managementkongress in Palma de Mallorca.
Daniela Hüttemann
08.04.2019
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33 neue Arzneistoffe kamen 2018 in Deutschland auf den Markt. »Davon stufen wir 14 als Sprunginnovation, zehn als Schrittinnovation und neun als Analogpräparate ein«, erläuterte Siebenand vergangene Woche in Palma. »Da mabte es wieder heftig«, so der Apotheker im Hinblick auf zahlreiche neue Antikörper. Als Beispiele stellte er Erenumab und Ocrelizumab vor.

Erenumab (Aimovig®) ist der erste Antikörper zur Migräneprophylaxe. »In den placebokontrollierten Studien wurde die Zahl der Migränetage eindeutig gesenkt«, erläuterte Siebenand. Aus indirekten Vergleichen sei Erenumab in etwa gleich wirksam einzustufen wie die anderen zugelassenen Prophylaktika wie Betablocker und Topiramat – allerdings bei deutlich höheren Tagestherapiekosten. »Einen Vorteil hat der Antikörper aber ganz klar bei Verträglichkeit und Adhärenz«, so Siebenand. Die Abbrecher-Quote habe in den Zulassungsstudien im einstelligen Prozentbereich gelegen, während sie allgemein auf 30 Prozent nach drei Monaten geschätzt wird. Der Hauptgrund für die Non-Adhärenz bei den »alten« Substanzen sind Nebenwirkungen. Zu klären sei noch die Langzeitsicherheit des neuen Antikörpers. »Man darf darüber hinaus nicht die nicht-medikamentösen Ansätze aus den Augen verlieren«, so Siebenand.

Das neue MS-Therapeutikum Ocrelizumab (Ocrevus®) zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht nur bei der häufigsten Form der Multiplen Sklerose, die in Schüben verläuft, eingesetzt werden darf. Es ist das erste zugelassene Medikament für die Therapie der primär progredienten MS (PPMS). Der vollständig humanisierte Antikörper sei eine Weiterentwicklung von Rituximab, einem chimären Antikörper. Beide richten sich gegen das Zelloberflächenmolekül  CD20, das auf B-Zellen vorkommt, welche eine Rolle bei der Zerstörung von Myelinscheiden spielen. »Wichtig ist, dass der Impfstatus des Patienten vor Behandlungsbeginn überprüft wird«, riet Siebenand. »Lebendimpfungen sind unter der Therapie zwar nicht absolut kontraindiziert, aber zu vermeiden.« Nach der Initialbehandlung erfolgt alle sechs Monate eine Infusion, die über drei bis vier Stunden läuft. Um Infusionsreaktionen abzuschwächen, erhält der Patient als Prämedikation Corticoide und ein Antihistaminikum. »Hat der Patient eine aktive Infektion, sollte die Infusion verschoben werden«, so Siebenand. Andere Immunsuppressiva dürfen nicht gleichzeitig gegeben werden. Einzige Ausnahme: Bei einem aktiven MS-Schub müssen Corticoide zum Einsatz kommen.

Siebenand stellte auch zwei Arzneistoffe mit völlig neuen Wirkprinzipien vor, von denen weitere Vertreter in den kommenden Jahren folgen werden: Tisagenlecleucel (Kymriah®) und Patisiran (Onpattro®). Tisagenlecleucel ist die erste CAR-T-Zelltherapie und gehört zu einer neuen Produktklasse: die Arzneimittel für neuartige Therapien. Dem Patienten werden eigene T-Lymphozyten entnommen, diese genetisch verändert und rückinfundiert. Danach erkennen sie Krebszellen und schicken diese in den Zelltod. »Das funktioniert sehr gut und schnell, durch das massenhafte Absterben der Krebszellen kommt es  bei vielen  Patienten aber auch zu einem gefährlichen Zytokin-Sturm«, so Siebenand. Die Patienten werden im Krankenhaus überwacht und erhalten gegebenenfalls den IL6-Antikörper Tocilizumab (Roactemra®), der eigens dafür eine Zulassungserweiterung bekommen hat. »Man versucht, noch bessere CAR-T-Zellen zu entwickeln, auch gegen solide Tumoren und Autoimmunerkrankungen«, gab der Referent einen Ausblick. Bislang ist das Medikament für zwei bestimmten Formen von Blutkrebs zugelassen.

»Patisiran ist das erste Medikament, was über RNA-Interferenz wirkt«, erläuterte Siebenand. Es besteht aus kleinen RNA-Molekülen, die als Lipidnanopartikel formuliert in die Zelle gelangen und dort die Proteinbiosynthese eines bestimmten Gens unterdrücken. »Es nutzt dabei einen natürlichen Mechanismus des Körpers, ohne ins Erbgut einzugreifen, ist also kein Gentherapeutikum«, so der Experte für neue Arzneistoffe. Patisiran ist zugelassen für Patienten mit der seltenen Erbkrankheit hereditäre Transthyretin-vermittelte Amyloidose (hATTR) mit Polyneuropathie der Stadien 1 oder 2. Das Prinzip eigne sich jedoch für viele monogenetische Erkrankungen. »Die Vorteile sind, dass die Dauer der Therapie regulierbar ist und – da wir das menschliche Genom kennen – Arzneistoffkandidaten relativ schnell entwickelt werden können.«

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