Die größte Fehlannahme ist, dass durch die Abnehmspritze alle anderen Maßnahmen überflüssig werden. / © Adobe Stock/Ulrich Abels
Für die einen sind sie eine medizinische Revolution, für die anderen der schnellste Weg zur Wunschfigur: GLP-1-Rezeptoragonisten, besser bekannt als »Abnehmspritzen«, sorgen derzeit für einen beispiellosen Hype. Ursprünglich für die Therapie des Typ-2-Diabetes entwickelt, werden sie heute erfolgreich zur Behandlung der Adipositas eingesetzt – und inzwischen auch von Menschen nachgefragt, die lediglich einige Kilo abnehmen möchten. Mit den bereits in Aussicht stehenden oralen GLP-1-Therapien dürfte ihre Bedeutung künftig noch weiter wachsen – und damit auch der Beratungsbedarf in den Apotheken.
Der medizinische Bedarf ist groß. In Deutschland ist mehr als die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig, rund jede fünfte Person gilt als adipös. Die Erkrankung zählt damit zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit und erhöht das Risiko für zahlreiche Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Martin Smollich vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein / © PZ/Alois Müller
Für Smollich steht daher außer Frage: »Inkretinmimetika sind fantastische Produkte, und sie sind revolutionär.« Aber sie seien keine Wundermittel, schränkt er ein. Denn: Die Therapie erfordert weit mehr als einfach nur das Medikament. »Die größte Fehlannahme ist, dass durch die Spritze alles andere überflüssig wird«, so der Ernährungswissenschaftler und Pharmazeut. Viele Menschen hoffen auf eine einfache Lösung: weniger Appetit, weniger Essen, weniger Gewicht. Tatsächlich setzen GLP-1-Rezeptoragonisten unter anderem am Appetitgefühl und an der Magenentleerung an. Doch genau darin liegt auch eine Herausforderung: Wer deutlich weniger isst, nimmt nicht automatisch das Richtige zu sich.
Wer GLP-1-Rezeptoragonisten nutzt, braucht Smollich zufolge auch immer parallel eine professionelle Ernährungstherapie. Diese kann zum einen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Völlegefühl oder Erbrechen reduzieren und die Verträglichkeit verbessern. Gleichzeitig hilft sie, mit der richtigen Wahl an Lebensmitteln und bei Bedarf Nahrungsergänzungsmitteln einen Nährstoffmangel zu verhindern, kann so auch einer Osteopenie und Osteoporose vorbeugen und sie kann den Erhalt von Muskelmasse unterstützen.
Oft wird bei der Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten ein wichtiger Punkt vergessen: »Das Ziel ist nicht, Gewicht zu reduzieren, sondern Fettmasse abzubauen und gleichzeitig Muskelmasse bestmöglich zu erhalten«, betont Smollich. Genau deshalb gehe es bei einer erfolgreichen Therapie eben nicht allein um die Zahl auf der Waage. Vielmehr müsse der starke Appetitverlust genutzt werden, um neue Ernährungsgewohnheiten zu etablieren und den Körper gleichzeitig optimal mit Nährstoffen zu versorgen, insbesondere mit Proteinen.
»Proteine haben in dieser Therapie die höchste Priorität«, sagt Smollich. In Kombination mit regelmäßigem Krafttraining – mindestens dreimal pro Woche – können ausreichend Proteine helfen, den Verlust von Muskelmasse zu begrenzen. Muskeln stehen nicht nur für Kraft oder Ästhetik, sondern für Mobilität, Alltagsfunktionalität, Stoffwechselgesundheit und Lebensqualität – gerade auch mit Blick auf das Älterwerden. Deshalb sei Krafttraining die zweite wichtige Säule in der Therapie, betont Smollich.
Schon jetzt krempeln GLP-1-Rezeptoragonisten die Adipositas-Therapie um. So könnten bariatrische Operationen schon bald nur noch bei sehr speziellen Indikationen zum Einsatz kommen. Die Tragweite geht aber über Adipositas hinaus. So sind Adipositas und Übergewicht eng mit zahlreichen Folgeerkrankungen verbunden – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Fettleber bis hin zu Stoffwechselstörungen. Smollich: »Das ist eine Revolution für die kardiometabolische Gesundheit.«
Kaum Appetit, langsame Magenentleerung – wie gelingt es trotzdem, ausreichend Proteine, Nähr- und Ballaststoffe zu sich zu nehmen? Warum ist Krafttraining so viel wichtiger als Ausdauertraining? Und welche Nahrungsergänzungsmittel sind wirklich sinnvoll? Diese Fragen beantwortet Prof. Dr. Martin Smollich in seinem praxisnahen Vortrag »Therapiebegleitung bei Inkretinmimetika: Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel & Lifestyle« am 17. September 2026 auf der expopharm.