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Depot-Antipsychotika
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Die Galenik entscheidet

Depot-Antipsychotika bieten zahlreiche Vorteile in der Langzeitbehandlung von schizophren erkrankten Menschen. Rückfälle können verhindert und die Lebensqualität gesteigert werden. Die Medikation muss dabei sorgfältig überwacht werden. Welche Vor- und Nachteile sind zu beachten?
AutorKontaktMartina Hahn
AutorKontaktSibylle C. Roll
Datum 06.10.2024  08:00 Uhr

Galenische Retardprinzipien

Depot-Antipsychotika sind speziell formulierte Arzneimittel, die den Wirkstoff langsam über einen längeren Zeitraum relativ kontinuierlich freisetzen. Diese Formulierungen nutzen Trägersubstanzen wie Ölsuspensionen, Polymere oder Mikrosphärulen.

Geeignet sind nur Wirkstoffe, die in niedrigen Dosierungen (um 1 bis 20 mg/Tag) eingesetzt werden, da das intramuskuläre Injektionsvolumen zwischen etwa 0,1 bis 4 ml liegt. Nur Wirkstoffmengen, die in diesem Volumen gelöst oder suspendiert werden können, eignen sich für die Depotgabe.

Die Galenik spielt eine entscheidende Rolle bei der Wirkstofffreisetzung und der Wirkdauer. Durch stete Weiterentwicklungen wurden in den letzten Jahren Injektionsintervalle von bis zu 26 Wochen ermöglicht (Invega Hafyera®, nur in den USA zugelassen). Man unterscheidet grundsätzlich vier Retardierungsprinzipien (Grafik).

  • Schwerlösliche Wirkstoffe in öliger Lösung, die aus dem öligen Depot im Muskel langsam ins Gewebe abgegeben werden, wo sie durch Hydrolyse wasserlöslicher gemacht werden. Dieser wasserlösliche Wirkstoff kann dann in den Blutkreislauf gelangen (Beispiel Haloperidoldecanoat).
  • Schwerlösliche (Prodrug-)Wirkstoffe in wässriger Lösung, bei denen die Hydrolyse der geschwindigkeitsbestimmende Schritt ist (Beispiel Olanzapinpamoat bei Zypadhera®, Paliperidonpalmitat bei Xeplion® oder Trevicta®). Die Freisetzungsdauer und damit das Injektionsintervall können über die Größe der Nanopartikel gesteuert werden. Es handelt sich meist um Fettsäureester-Prodrugs. Diese sind in Wasser praktisch unlöslich, aber durch die Formulierung als Nano-Kristall-Suspension muss der Wirkstoff nicht in Lösung gebracht werden. Das ermöglicht, dass eine relativ hohe Dosis in einem relativ kleinen Applikationsvolumen intramuskulär appliziert werden kann. Mit diesem Retardierungsprinzip sind Injektionsintervalle bis zu 26 Wochen möglich.
  • Polymer-basierte Depotformulierungen, die die Wirkstoffe bei Zersetzung des Polymers freisetzen (Risperidon Mikrosphärulen, zum Beispiel Risperdal consta®). Hier werden die Mikropartikel injiziert; das Polymer wird nach einigen Wochen im Muskelgewebe zersetzt und gibt den Wirkstoff zeitversetzt allmählich frei.
  • In-situ-Mikropartikel (ISM), bei denen ein Teil des Wirkstoffs in gelöster Form vorliegt und schnell anflutet, während ein zweiter Teil im Gewebe (in situ) vom wasserunlöslichen bioabbaubaren Polymer umschlossen wird. Dieser Anteil wird erst bei Zerfall des Polymers zeitverzögert und allmählich freigesetzt (Risperidon ISM, zum Beispiel Okedi®). Das Polymer ist dazu zunächst in einem organischen Lösungsmittel gelöst oder suspendiert. Das Solvent verflüchtigt sich im Gewebe und das Polymer verfestigt sich. Die Mikropartikel bilden sich direkt im Gewebe. Die Freisetzung insgesamt ist biphasisch. Nach diesem Prinzip kann eine große Breite an Wirkstoffen als Depot verfügbar gemacht werden, zum Beispiel für Periodontitis, HIV-Infektion, Opioidabhängigkeit und in der Onkologie (20).

Die unterschiedlichen Retardierungsprinzipien haben zur Folge, dass das Vorgehen bei Beginn und bei Vergessen oder Auslassen eines Depots sehr unterschiedlich ist. Auch gibt es Unterschiede hinsichtlich Lagerung und Transport, Applikationsort, Zeit bis zum Erreichen des Steady States und Injektionsvolumen (Tabellen 1 und 2).

Wirkstoff, Handelsname (Beispiele) Flupentixol, Fluanxol® Haloperidol, Haldol® Zuclopenthixol, Ciatyl-Z®
Darreichungsform Ampulle Ampulle Ampulle
Kühlung keine Kühlung bei Lagerung/Transport keine Kühlung bei Lagerung/Transport keine Kühlung bei Lagerung/Transport
Injektionsintervall (Tage) 14 bis 28 14 bis 28 14 bis 28
Retardierungsprinzip Ester in öliger Lösung Ester in öliger Lösung Ester in öliger Lösung
Nachbeobachtung nach Injektion nein nein nein
Injektionsort gluteal gluteal gluteal
Kinetische Besonderheiten keine Anpassung bei Nierenfunktionsstörungen, TDM bei Leberfunktionsstörungen empfohlen vorsichtige Dosistitration oder Alternativmedikament bei CYP2D6-poor-metabolizern erforderlich Dosisreduktion bei CYP2D6-intermediär- und -poor-metabolizern erforderlich
Vorsicht bei Leber- und Nierenfunktionsstörungen
Tabelle 1: Unterschiede der Depots mit Erstgenerations-Antipsychotika, nach (21–28). TDM: therapeutisches Drug Monitoring
Wirkstoff (alphabetisch), Handelsnamen Aripiprazol, Abilify Maintena® Olanzapin, Zypadhera® Paliperidon, Xeplion®, Trevicta® Risperidon 14 Tage, Risperdal consta® Risperidon ISM, Okedi®
Darreichungsform Fertigspritze, Durchstechflasche Durchstechflasche Fertigspritze Durchstechflasche Fertigspritze
Kühlung bei Lagerung und Transport keine keine keine Kühlkette bei Lagerung/Transport, bei RT/ Unterbrechung Kühlkette nur 7 Tage haltbar keine
Injektionsintervall (Tage), verfügbare Dosierungen 28 (200 bis 400 mg)
56 (720 und 960 mg)
14 bis 28
(205, 300 und 410 mg)
28 (25,50, 75,100 und 150 mg)
84 (175,263, 375 und 525 mg)
14 (25, 37,5 und 50 mg) 28 (75 und 100mg)
Retardierungsprinzip schwerlösliches Lyophilisat in Suspension auf Wasserbasis schwerlösliches Salz in Suspension auf Wasserbasis schwerlöslicher Ester in Suspension auf Wasserbasis Mikrosphärulen in Suspension auf Wasserbasis In-situ-Mikropartikel, biphasische Freisetzung
Nachbeobachtung nach Injektion nein ja, 3 Stunden nein nein nein
Injektionsort 1-Monatsdepot: gluteal oder deltoidal
2-Monatsdepot gluteal
gluteal deltoidal oder gluteal deltoidal oder gluteal deltoidal oder gluteal
Kinetische Besonderheiten Dosisreduktion bei CYP2D6-poor-metabolizern erforderlich, keine Anpassung bei Nieren- und leichten bis mittelschweren Leberfunktionsstörungen niedrigere Spiegel bei Rauchern, Dosisanpassung bei Patienten mit mittelschweren Leberfunktionsstörungen, Frauen haben höhere Spiegel soll nicht bei Nierenfunktionsstörungen mit GFR <50 ml/min eingesetzt werden, keine Dosisanpassung bei Leberfunktionsstörungen vorsichtige Dosistitration oder anderes Medikament bei CYP2D6-poor-metabolizern erforderlich vorsichtige Dosistitration oder anderes Medikament bei CYP2D6-poor-metabolizern erforderlich
Tabelle 2: Unterschiede der Depots mit Zweitgenerations-Antipsychotika, nach (21–28). GFR: glomeruläre Filtrationsrate, RT: Raumtemperatur

Grundsätzlich ist es möglich, ein Depotarzneimittel flexibel mit einem oralen Medikament zu kombinieren. Viele Patienten erhalten ohnehin zwei Antipsychotika (29). Eine in der klinischen Praxis häufige Kombination ist zum Beispiel Depot plus Quetiapin retard (das aufgrund der hohen Dosis nicht als Depot verfügbar ist). Das heißt: Der Patient erhält ein »Basis-Depot« sowie ein zweites, schnell und leicht zu steuerndes Antipsychotikum, das häufig bei Schlafstörungen oder als Bedarfsmedikation eingesetzt wird. Bei klinischer Verschlechterung kann das orale Medikament schnell höher dosiert werden. Auch Doppel-Depotgaben sind grundsätzlich möglich (30).

▶ Bei der Antipsychotika-Kombination ist immer darauf zu achten, dass sich die Rezeptorprofile möglichst voneinander unterscheiden, zum Beispiel Aripiprazol plus Quetiapin oder Risperidon plus Quetiapin oder Risperidon plus Olanzapin.

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