| Alexander Müller |
| 20.07.2026 09:30 Uhr |
Steuerberater und Rechtsanwalt Bernhard Bellinger glaubt an einen Stimmungsumschwung im Apothekenmarkt. / © ETL Dr. Bellinger & Kollegen
Zum 1. Juli wurde das Fixum von 8,35 auf 9 Euro erhöht, zum Jahreswechsel steigt es auf 9,50 Euro. Auf der anderen Seite belastet ab Januar 2027 der höhere Kassenabschlag die Apotheken. Bellinger rechnet für das kommende Jahr einen Nettoumsatz-Zuwachs von rund 29.000 Euro pro Apotheke aus – verglichen mit 2026 und der bereits erfolgten anteiligen Erhöhung des Fixums.
Positiv auf die Betriebsergebnisse wird sich die Erhöhung der Vergütung aus dem Nacht- und Notdienstfonds auswirken. Inwiefern die Wiederfreigabe von Skonti schon zu Buche schlagen wird und vor allem in welchem Umfang, lässt sich kaum allgemein vorhersehen – zu individuell sind die Bedingungen und Konditionen der Apotheken. »Wir gehen davon aus, dass nach für die Apothekenbranche üblichen Marktmechanismen spürbare Verbesserungen erst 2027 zu spüren sein werden, und rechnen mit einer Verbesserung um einen Prozentpunkt bei frühzeitigerer Bezahlung der Großhandelsrechnung«, so Bellinger.
Klagen des Kaufmanns Gruß, aber Bellinger warf bei der Veranstaltung seiner Kanzlei »Aktuelle Apothekenfragen 2026« am 12. Juli in Düsseldorf die provokante Frage auf, ob dieser Satz auch für die Apotheken Bestand haben kann. Zwar sei der Rückgang der Apotheken nicht von der Hand zu weisen, doch die »Überlebenden« profitierten aktuell von der Umverteilung mit »Doppler-Effekt«.
Bellinger erklärt das so: »Wenn ich aus dem Apothekensystem von 21.000 Apotheken rund 4500 Apotheken rausnehme, sind das rund 21 Prozent. Bleibt aber das Umsatz-Marktvolumen gleich, verteilen sich diese 21 Prozent automatisch auf die verbleibenden 79 Prozent um. Ein Doppler entsteht jetzt dadurch, dass die Branche der Apotheken beim Umsatz fast linear um 5 Prozent pro Jahr wächst.«
Auffällig findet der Steuerberater, dass fast alle Apotheken davon ausgingen, dass es der Branche schlecht gehe, auch wenn der eigene Betrieb ganz gut dastehe. »Das ist aber so definitiv nicht richtig«, wie Bellinger anhand von Kennzahlen der Kanzlei Schmidt & Partner sowie der Treuhand Hannover belegte. Selbst im Hochpreiser-Segment, dem regelmäßig nur die Umsatzsteigerungen zugeschrieben werden, haben sich Bellinger zufolge die Roherträge zwischen 2023 und 2025 verdoppelt, wenn auch auf niedrigem Niveau.
Die Betriebsergebnisse seien »allen Unkenrufen zum Trotz« von 2023 zu 2024 deutlich und von 2024 zu 2025 moderat um rund 4 Prozent gestiegen. Die jetzt von der Regierung beschlossene Erhöhung des Fixums müsste 2026 zu einem Gewinnwachstum oberhalb des Wertes von 2025 führen, ist Bellinger überzeugt.
Beim Fachkräftemangel könnten die Apotheken nach Einschätzung des Steuerberaters davon profitieren, dass in der Industrie aktuell weniger Stellen angeboten werden; Bellinger spricht gar von einem »faktischen Einstellungsstopp«. Zumindest bei Approbierten könnte sich die Lage daher entspannen, während Bellinger bei PTA noch keine synchrone Entwicklung sieht.
Dass sich die aus seiner Sicht positiven Entwicklungen schnell in steigenden Kaufpreisen für Apotheken zeigen werden, erwartet Bellinger nicht. Diese seien »extrem stimmungsabhängig« und speziell im Apothekenmarkt schlügen schlechte Nachrichten sofort durch, gute meist zeitversetzt nach einem Jahr. »Keiner traut einer guten Nachricht«, so Bellinger. Daneben bestehe immer die Befürchtung, dass die Verbesserungen nicht nachhaltig sind.
»Gleichwohl ist festzustellen, dass die Stimmung im Apothekenmarkt ihr historisches Tief wohl gerade verlässt«, so Bellinger. Richtig positiv werde die Stimmung – gemessen an den Kaufpreisen – im Herbst 2027, erwartet der Steuerberater. Offen ist aus seiner Sicht, ob der Apothekenmarkt von »ausscheidungswilligen Apothekeninhabern aus der Generation der Babyboomer« messbar getroffen wird. Bellinger rechnet eher nicht damit, denn von den Jahrgängen 1946 bis 1964 seien 72 Prozent zumindest rechnerisch bereits durch. Allerdings dürfte bei Apothekeninhabern der Anteil derjenigen, die über das Renteneintrittsalter von 67 Jahren hinaus arbeiten, tendenziell höher sein.
Bellinger zieht ein positives Fazit: Der Anbietermarkt werde sich mittelfristig – wohl ab 2028 – verknappen. »Da gleichzeitig die Umsätze der typischen Apotheken steigen, wird ihr Betrieb weiter lukrativer, was Anreize zur Selbstständigkeit steigert«, so seine Prognose. Und von KI sei der Berufsstand der Apotheker kaum gefährdet, profitiere auf der anderen Seite von einer alternden Gesellschaft. Bellinger erwartet steigende Kaufpreise für Apotheken.