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Nährwert-Kennzeichnung

Deutsche wollen Nutri-Score-Ampel

Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage bevorzugen knapp 70 Prozent der Deutschen die sogenannte Nutri-Score-Ampel. Weit abgeschlagen ist hingegen das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vorgeschlagene Modell »Wegweiser Ernährung«.
Jennifer Evans
14.08.2019
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Für zu »kompliziert« und »verwirrend« hält ein Großteil der Verbraucher das von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) vorgeschlagene Kennzeichnungsmodell namens »Wegweiser Ernährung«. Die Nutri-Score-Ampel kommt bei der Mehrheit der Deutschen hingegen gut an, wenn sie sich für ein Lebensmittel entscheiden oder verschiedene vergleichen wollen. Das geht aus einer Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag mehrerer medizinisch-wissenschaftlicher Organisationen und der Verbraucherorganisation Foodwatch hervor, das mehr als 1000 Verbrauchern online Fragen zu den beiden Modellen stellte.

Nun fordern die Organisationen Klöckner auf, von ihrer Idee abzurücken und stattdessen die wesentlich verbraucherfreundlichere Nährwert-Ampel einzuführen, um im Kampf gegen Fehlernährung keine Zeit mehr zu verlieren. »Diese Nährwert-Ampel hat zuvor in über 35 wissenschaftlichen Studien ihre Wirksamkeit bewiesen«, sagte Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses Deutsche Allianz nicht übertragbarer Krankheiten (DANK) und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Eine verwirrende Kennzeichnung sei hingegen nicht akzeptabel, betonte sie.

Klöckners Variante besteht aus einem Waben-Modell, dem die Einordnung in Ampelfarben fehlt. Das Nutri-Score-Modell hingegen ist simpler gestaltet: Es verrechnet ernährungsphysiologisch günstige und ungünstige Nährwertbestandteile miteinander und bewertet das Produkt dann insgesamt anhand einer von grün nach rot abgestuften Farbskala.

Die Umfrage hat zudem gezeigt, dass vor allem jene Bevölkerungsgruppen das Modell Nutri-Score bevorzugen, die sehr stark von Fehlernährung betroffen sind. Die Befragten mit geringem formalem Bildungsgrad und jene mit starkem Übergewicht hätten sich jeweils zu drei Vierteln für die Nutri-Score-Version ausgesprochen, heißt es. Bei der Auswahl gesunder Produkte bewerteten beide Gruppen diese Lösung auch häufiger als hilfreich. Den »Wegweiser Ernährung« empfanden demnach insbesondere Personen mit starkem Übergewicht als das kompliziertere Label.

Leicht verständlich muss das Label sein

Entscheidend für die Kennzeichnung ist den Befragten zufolge nämlich, ob das Label »eindeutig« gestaltet ist. Für 72 Prozent ist dies sogar sehr wichtig. 70 Prozent der Verbraucher gaben außerdem an, dass die Kennzeichnung »leicht verständlich« sein sollte. Und für 61 Prozent ist ausschlaggebend, ob das Label »unkompliziert« zu erfassen ist. Diese Eigenschaften sahen die Umfrageteilnehmer insbesondere bei der Nutri-Score-Ampel erfüllt. Die detaillierten Informationen auf der Verpackung, wie sie Klöckner befürwortet, waren 35 Prozent hingegen deutlich weniger wichtig.

Das neue Kennzeichnungssystem müsse für die besonders von Fehlernährung und Übergewicht betroffenen Bevölkerungsgruppen verständlich sein, so Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. »Wenn Eltern einen geringen Bildungsstand haben oder übergewichtig sind, dann haben ihre Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko, auch dick zu werden«, betonte er.

Ärzteverbände, medizinische Fachgesellschaften und Verbraucherorganisationen fordern schon seit Langem Maßnahmen gegen Fehlernährung und Übergewicht. Die Nährwert-Kennzeichnung in Ampelfarben hielten sie in diesem Zusammenhang für einen wichtigen Baustein, heben die Organisationen hervor.

Der Lebensmittelverband Deutschland zeigt sich kritisch gegenüber der Umfrage. Er bemängelt »die teilweise suggestiven Fragestellungen, die außen vorlassen, wie die Verbraucher den Nutri-Score und den Wegweiser Ernährung überhaupt verstehen sowie die Widersprüchlichkeit der Aussagen.« Die Frage, ob etwas verständlich sei, sei nicht gleichbedeutend mit dem richtigen Verständnis, so der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft.

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