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Cannabis-Augentropfen

Der Joint fürs Auge

Cannabis wird derzeit – mit unterschiedlich guter Evidenz – in vielen verschiedenen Indikationen angewandt. Jetzt erforschen Augenärzte eine weitere: Augenschmerzen bei trockenem Auge. Entsprechende Cannabis-haltige Augentropfen sind bereits zum Patent angemeldet.
Annette Mende
19.09.2019
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»Trockenes Auge: Das ist ein extrem banaler Krankheitsbegriff, hinter dem sich aber ein sehr komplexes Krankheitsbild versteckt«, sagte Professor Dr. Philipp Steven von der Universitätsklinik Köln bei einer Pressekonferenz der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) in Berlin. Mit bis zu 10 Prozent Betroffenen in der Bevölkerung sei das trockene Auge die häufigste chronische Augenerkrankung in Deutschland. Neben einer eingeschränkten Sehfähigkeit aufgrund der Trockenheit des Auges reichten die Beschwerden von Fremdkörpergefühl über Druckgefühl bis hin zu schmerzhaftem Brennen oder Stechen. »Außer Sehbeschwerden sind Augenschmerzen das Hauptsymptom des trockenen Auges, das Patienten zum Augenarzt führt«, so Steven.

In den meisten Fällen lasse sich das trockene Auge mit Tränenersatzmitteln oder, in schwereren Fällen, zusätzlich mit entzündungshemmenden Augentropfen gut behandeln. Bei etwa 20 bis 30 Prozent der Betroffenen gingen die Schmerzen jedoch durch diese Maßnahmen nicht auf ein erträgliches Maß zurück, so Steven. Orale Analgetika oder auch Medikamente gegen neuropathische Schmerzen seien unwirksam, es bestehe eine therapeutische Lücke: »Wir verfügen bisher über keine wirksame Therapie gegen die Augenschmerzen«, sagte Stevens.

Seine Arbeitsgruppe in Köln hat nun zusammen mit dem Heidelberger Pharmaunternehmen Novaliq Cannabis-haltige Augentropfen zur Behandlung von Patienten mit schmerzhaftem trockenem Auge entwickelt. Getestet wird insbesondere der Cannabis-Inhaltsstoff Tetrahydrocannabinol (THC). Dieser sei wie die meisten Cannabinoide nur sehr schlecht wasserlöslich, was die Verarbeitung in Augentropfen erschwert. In der im Rahmen der Partnerschaft entwickelten Darreichungsform sei dieses Problem durch Verwendung von wasserfreien semifluorierten Alkanen (SFA) gelöst worden. Dabei handelt es sich um lineare Moleküle mit jeweils einem Perfluorcarbon- und einem Hydrogencarbonanteil.

Mit den THC-SFA-Augentropfen, die unterdessen zum Patent angemeldet wurden, ließen sich hohe Wirkstoffmengen auf die Augenoberfläche aufbringen, erklärte Stevens. Der Einsatz von THC am Auge sei plausibel, da es nicht nur analgetisch, sondern auch entzündungshemmend und wundheilungsfördernd wirke. Eigene Untersuchungen hätten gezeigt, dass sowohl die Hornhaut als auch die Bindehaut des Auges Endocannabinoid-Rezeptoren aufwiesen. In Experimenten mit Mäusen habe die Anwendung der Augentropfen zu einer deutlichen Besserung des trockenen Auges und der Funktion der Nervenenden geführt.

Sich den zentral wirksamen Inhaltsstoff von Cannabis ins Auge zu träufeln, mag dennoch für manchen Patienten eine seltsame Vorstellung sein. Dass der Anwender high wird, sei jedoch aufgrund der niedrigen Wirkstoffkonzentration nicht zu erwarten, betonte Stevens. Er und seine Kollegen planen zurzeit die erste klinische Studie. »Die Vorzeichen für eine erfolgreiche Anwendung bei Patienten stehen sehr gut.«

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