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Entzündungen am Auge

Von Blepharitis bis zum trockenen Auge

28.08.2018
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Von Barbara Staufenbiel / »Meine Augen sind gerötet und tränen ständig« oder »Es fühlt sich an wie Sand im Auge«: So beschreiben Kunden ihre Beschwerden beim trockenen Auge. Dies deutet auf Entzündungen hin, die schlimmstenfalls die Verringerung der ­Sehfähigkeit zur Folge haben. Die Apotheke ist oft die erste ­Anlaufstelle für Patienten mit vermeintlichen Bagatellerkrankungen wie trockenem Auge, Blepharitis, Konjunktivitis oder Gerstenkorn.

Fallbeispiel: Eine Kundin (55 Jahre) löst ein Rezept über Toviaz® ein. Beiläufig erwähnt sie, dass sie in der letzten Zeit zunehmend unter gereizten geröteten Augen leide. Sie müsse ständig blinzeln, und es fühle sich an, als sei das Auge mit Schmirgelpapier ausgelegt. Sie möchte gern Tropfen gegen die hässlichen Rötungen.

Ursachen des trockenen ­Auges

 

Etwa 16 Prozent der Bevölkerung sind von der Symptomatik des trockenen Auges (Keratokonjunktivitis sicca) ­betroffen, Tendenz steigend. Im Alter nimmt die Häufigkeit zu, Frauen sind öfter betroffen. Kennzeichnend ist die gestörte Benetzung der Augen­oberfläche. Diese beruht auf einem multifaktoriellen Geschehen mit ­inflammatorischen Prozessen, das zu Sehstörungen, Reizungen, Entzündungen der Binde- oder Hornhaut und Schädigung der Augenoberfläche führen kann (1, 2). Betroffen sind Augenoberfläche (Hornhaut, Bindehaut), Augenlider, Tränen- und Meibomdrüsen. Augenärzte sprechen von einem Paradigmenwechsel vom trockenen zum entzündeten Auge, sogar von einem »Krankheitsbild des chronischen Schmerzes« (5).

 

Für die Funktion des sensiblen ­Sinnesorgans Auge ist die farblose ­Tränenflüssigkeit zur Befeuchtung, Ausschwemmung von Fremdkörpern, Nährstoffversorgung und Abtöten von Keimen äußerst wichtig. Sie wird durch den Lidschlag (alle fünf bis zehn Sekunden) gleichmäßig verteilt und fließt über Tränenpünktchen und -kanal ab. Der Tränenfilm besteht aus drei Schichten:

 

  • Die innere Mucinschicht wird von der Bindehaut gebildet und sorgt für gute Haftung des Tränenfilms an der Augenoberfläche. Ist diese Schicht gestört, verbleibt die Flüssigkeit ungenügend auf dem Auge, und es ­fließen vermehrt Tränen.
  • Die mittlere wässrige und dickste Schicht wird in den Tränendrüsen ­gebildet, gesteuert vom vegetativen Nervensystem. Die wässrige Phase enthält Nährstoffe, Sauerstoff, ­Immunglobuline und Glucose zur Versorgung der Hornhaut.
  • Die äußere Lipidphase wird in den Meibomdrüsen gebildet. Sie stabilisiert den Tränenfilm und verhindert die Verdunstung der wässrigen Phase.

 

Der regelmäßige Lidschlag (12 bis 20 Mal/Minute) sorgt für die gleichmäßige Verteilung der Tränenflüssigkeit und die Abgabe von Meibomsekret. Bildschirmarbeit (»office eye syndrome«) und langes Lesen reduzieren die Lidschlagfrequenz deutlich. Die Verdunstung der Tränenflüssigkeit ist erhöht und die Versorgung der Augen­oberfläche unzureichend.

 

Hyposekretorisch oder ­hyperevaporativ?

 

Man teilt das Beschwerdebild des trockenen Auges in zwei Hauptformen ein:

 

  • die hyposekretorische Form mit verminderter Tränenproduktion und vorwiegend morgendlichem Fremdkörpergefühl, beeinflusst durch ­Jahreszeit und Klima, und
  • die hyperevaporative Form mit ­Störung der Lipidphase, erhöhter Verdunstung des Tränenfilms und überwiegend abendlichem Brennen der Augen.

Tabelle 1: Arzneimittel mit unerwünschter Wirkung »trockenes Auge«. Bei einigen der Beispiele ist das trockene Auge in der Packungsbeilage erwähnt, bei anderen ergibt es sich über die anticholinerge Wirkung bei längerer Anwendung.

Arzneistoffgruppen Beispiele
Systemische Applikation
Betablocker Metoprolol, Bisoprolol
Anticholinergika Solifenacin, Fesoterodin, Trospium
Aknetherapeutika Isotretinoin
Antiepileptika Pregabalin
Diuretika Hydrochorothiazid
Bisphosphonate Alendronsäure
Sexualhormone orale Kontrazeptiva, Estrogene, postmenopausale Estrogentherapie
Benzodiazepine Bromazepam
Antidepressiva Amitriptylin, Trimipramin
Antipsychotika Quetiapin, Clozapin
Antihistaminika Diphenhydramin
Lokale Medikation
Betablocker Timolol
Antihistaminika Levocabastin
Alpha-Sympathomimetika Tetryzolin
Anästhetika Dexamethason

In 60 bis 80 Prozent aller Fälle handelt es sich um die hyperevaporative Form. Mischformen sind häufig. Die unzureichende Funktion der Meibomdrüsen ist eine Sonderform und gilt als häufigster Risikofaktor für das Sicca-Syndrom (hyperevaporative Form mit Aufreißen des Tränenfilms) und für die chronische Lidrandentzündung (Blepharitis) (1). Die Funktion der Meibomdrüsen wird besonders durch lokal angewandte Betablocker, das Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid sowie Wollwachs in ­Augensalben oder Kosmetika beeinträchtigt.

 

Weitere Risikofaktoren für das trockene Auge sind Allgemeinerkrankungen wie Diabetes, rheumatologische und dermatologische Erkrankungen, das Sjögren-Syndrom oder Vitamin-A-Mangel, Umweltfaktoren wie Abgase, Ozon, Klimaanlage und lang anhaltende Computerarbeit. Auch andere Augen­erkrankungen wie Glaukom, Lidano­malien und Blepharitis sowie Augenoperationen und Kontaktlinsentragen können dazu beitragen. Apotheker sollten vor allem unerwünschte Wirkungen von Arzneimitteln als Ursache im Blick haben (Tabelle 1). Ziel der Behandlung ist vor allem die Linderung der ­Beschwerden und der Erhalt der gesunden Augenoberfläche.

Tabelle 2: Medikamentöse Behandlung des trockenen Auges

Arzneistoffe Eigenschaften, Wirkung
Polyvinylalkohole, Povidon niedrigviskös, gutes Wasserbindungsvermögen
Cellulosederivate wie Carmellose und Hypromellose höhere Viskosität, längere Verweildauer
Carbomer-Präparate sehr hohe Viskosität, längere Kontaktzeit durch Ähnlichkeit mit der natürlichen Mucinschicht, verbesserte Tränenfilmstabilität
Hyaluronsäure hohe Wasserbindungskapazität, gute Haftung und Verteilung über die Augenoberfläche, antioxidativ, wundheilungsfördernd, Mucin-ähnlich
Liposomen mit Triglyceriden, Phospholipiden, Sojalecithin Verstärkung der Lipidschicht, verringerte Verdunstung
Ciclosporin, Corticoide entzündungshemmende Wirkung

Zur Beurteilung der Symptomatik und Feststellung von allgemeinen Grunderkrankungen verwendet der Augenarzt standardisierte Fragebögen (5). Zu den Basisuntersuchungen gehören die Untersuchung von Gesichtshaut, Lidschlagfrequenz, Lidkante und Lidstellung. Mit der Spaltlampe kann der Arzt die Hornhaut, Bindehaut und Augenoberfläche auf Veränderungen untersuchen.

 

Mit dem Tränensekretionstest nach Schirmer wird das Tränenvolumen bestimmt. Die Tränenfilmstabilität wird durch die Messung der Tränenfilm-Aufreißzeit festgestellt. Normalerweise ist der Tränenfilm 20 bis 30 Sekunden stabil. Die Meibografie untersucht die Funktion der Meibomdrüsen. Da das trockene Auge meist einen hyperos­molaren Tränenfilm zeigt, ist die Feststellung der Tränenfilm-Osmolarität ein weiterer Untersuchungsparameter.

 

Behandlung mit Tränenersatzmitteln

Zur medikamentösen Therapie ist Tränenersatz in verschiedenen Darreichungsformen wie Tropfen, Gel oder Salbe Mittel der Wahl (1). Das Angebot ist groß (Tabelle 2) und richtet sich nach Schweregrad und Art der Benetzungsstörung. Das individuell geeignete Produkt findet der Patient oft erst durch Ausprobieren verschiedener Tränen­ersatzmittel.

 

Da Konservierungsmittel das Auge zusätzlich reizen und Lipid- und Mucinschicht stören, sind Konservierungsmittel-freie Produkte in Einzeldosen oder speziellen Mehrdosenbehältnissen zu bevorzugen. Letztere sind so konstruiert, dass der Inhalt nicht mit Keimen kontaminiert wird. Tränenersatzmittel sollen eine gute Gleitwirkung und eine hohe Wasserbindungskapazität haben, das Sehvermögen nicht beeinträchtigen und den Tränenfilm stabilisieren. Je höher die Viskosität des Produkts, desto besser die Haftung auf dem Auge. Salben und Gele haben zwar die höchste Viskosität, können aber das Sehvermögen durch Schlierenbildung beeinträchtigen und sind nachts zu bevorzugen. Zur Ver­meidung einer Kalzifizierung der Hornhaut sollten Citrat-haltige Puffer bei Patienten mit Augenschäden dem häufiger verwendeten Phosphat-Puffer vorgezogen werden.

 

Hyaluronsäure hat eine hohe Wasserbindungskapazität, wirkt antioxidativ und wundheilungsfördernd und ähnelt in der Struktur den Mucinen des Tränenfilms. Die Präparate sind schwer vergleichbar, da Viskosität und Fließverhalten mehr durch die Kettenlänge als durch die Konzentration der Hya­luronsäure bestimmt werden. Oft ­werden verschiedene Wirkstoffe mit Hyaluronsäure kombiniert.

 

Sollten diese Medikamente nicht helfen, können Augentropfen mit Ciclosporin A (Beispiel Ikervis®) als spezifischer Immunmodulator die inflam­matorischen Prozesse verringern (2). Zugelassen sind die Augentropfen zur Behandlung schwerer Keratitis bei Erwachsenen mit trockenen Augen, bei denen trotz Tränenersatzmitteln keine Besserung eingetreten ist.

 

Corticosteroid-haltige Produkte wirken entzündungshemmend, führen aber bei längerer Anwendung zu unerwünschten Wirkungen wie erhöhtem Augeninnendruck oder Katarakt. Die antientzündliche Komponente von ­Tetracyclinen (Doxycyclin, Minocyclin) verbessert oral in geringer Dosierung Tränenfilm und Symptomatik des ­trockenen Auges, vor allem bei Akne, Rosacea oder Meibomdrüsen-Fehlfunktion (2).

 

Zurück zum Fallbeispiel

 

Unsere Kundin ist eine reifere Frau mit erhöhtem Risiko für die Entwicklung des trockenen Auges. Weitere Risikofaktoren wie die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren und die Dauermedikation mit dem Muskarinrezeptor-Antagonist Fesoterodinfumarat (sehr häufige Nebenwirkung: trockenes Auge) kommen hinzu. Alpha-Sympathomimetika-haltige Augentropfen ver­engen die Gefäße und beseitigen die Rötungen, bei häufigerem Gebrauch verschärfen sie jedoch die Erkrankung. Sinnvoll sind Tränenersatzmittel mit ausreichend häufiger Anwendung. ­Regelmäßige Lidrandpflege und -mas­sage löst verstopfte Meibomdrüsen-Ausgänge. Sollte sich die Symptomatik nicht bessern, sollte das Apothekenteam zur Differenzialdiagnose beim Augenarzt raten.

Tabelle 3: Symptome von trockenem Auge, Blepharitis, Konjunktivitis, Gersten- und Hagelkorn

Augenerkrankung Symptome
trockenes Auge Augenrötung, Fremdkörpergefühl, Jucken, Brennen, Lichtempfindlichkeit, geschwollene Augenlider, ­verstärkter Tränenfluss
Blepharitis roter, brennender oder juckender, geschwollener ­Lidrand, Fremdkörpergefühl, Wimpern morgens ­verklebt, trockenes Auge
Konjunktivitis Rötung, Gefäßerweiterung, Sekretion von Flüssigkeit mit morgendlicher Verkrustung, Juckreiz, Fremd­körpergefühl
Gerstenkorn akute Entzündung der Talgdrüsen am Lidrand, der ­Lidinnenseite oder im Bereich der Wimpern, Augenlid schmerzhaft gerötet und angeschwollen
Hagelkorn chronische Entzündung von Zeis- oder Meibom-Drüsen ohne bakterielle Einwirkung, verstopfte Drüsengänge, Sekretstau, Knoten

Konjunktivitis: Ursachen und Symptome

 

Fallbeispiel: Eine Kundin mit einem Kleinkind (vier Jahre) an der Hand fragt in der Apotheke nach »guten Augentropfen«. Die Augen ihres Kindes seien seit zwei Tagen gelblich verklebt und morgens nur schwer zu öffnen. Sie wasche dem Kind das Gesicht mit lauwarmem Wasser, um die Verklebungen zu lösen. Das Kind ist erkältet und braucht zudem ein Nasenspray.

 

Eine Bindehautentzündung (Konjunktivitis) kann durch Irritation, allergisch, viral oder bakteriell bedingt sein und äußert sich durch Rötung (Hyperämie), Juckreiz, Fremdkörpergefühl sowie Sekretion von Flüssigkeit mit Verkrustung am Morgen (Tabelle 3). Sie ist meist akut; chronische Verläufe sind möglich. Wind, Staub oder Fremdkörper, aber auch die Behandlung mit Bisphosphonaten führen zu Augenreizungen mit Rötung und wässrigem Sekret. Allergene (Pollen, Tierhaare) verursachen eine Bindehautentzündung mit Juckreiz. Das Sekret einer viralen Konjunktivitis ist klar, das einer bakteriellen Konjunktivitis meist eitrig.

 

Zeigen sich weitere Symptome wie Schmerzen im Auge oder Kopf, Sehstörungen oder Fieber, ist zeitnah ein Arzt aufzusuchen. Dies gilt auch für Personen mit geschwächtem Immunsystem, chronischen Erkrankungen, Kleinkinder und Säuglinge, Schwangere und Stillende. Das Übergreifen des Erregers auf die Hornhaut kann gravierende Folgen haben. Daher ist in der Selbstmedika­tion nur die kurzzeitige Behandlung über zwei bis drei Tage sinnvoll (6).

 

Wann ist Selbstmedikation erlaubt?

 

Augentropfen mit α-Sympathomimeti­ka wie Tetryzolin eignen sich aufgrund der Nebenwirkungen nur kurz (24 Stunden) zur Beseitigung der Rötungen. Wegen des »Weißmacher«-Effekts sind sie bei den Patienten allerdings beliebt. Für allergisch bedingte Bindehautentzündungen stehen der Mastzellstabilisator Cromoglicinsäure sowie topische Antihistaminika wie Azelastin oder Levocabastin zur Verfügung (Tabelle 4). Die Behandlung der gereizten Augen mit Euphrasia oder Bibrocathol ist in der Selbstmedikation über 48 Stunden möglich. Künstliche Tränen und kalte Kompressen lindern Juckreiz, Tränenfluss und Rötungen.

Korrekte Anwendung von Augentropfen

Für die korrekte Anwendung von ­Augentropfen können Apotheker wichtige Hinweise geben (8).

 

  • Hände gründlich waschen
  • Kopf nach hinten neigen, Auge weit öffnen, Blick fixieren
  • Augentropfen mit den Händen leicht erwärmen
  • Tropfen im äußeren Augenwinkel platzieren, Augen 30 sec schließen, Augapfel rollen
  • Verschließen des Tränenkanals durch leichten Druck auf den ­Augeninnenwinkel
  • Berührung der Applikationsspitze mit dem Auge vermeiden.

 

Bei der Applikation weiterer Augentropfen ist ein Abstand von 10 Minuten zwischen den Anwendungen notwendig. Generell sind Konservierungsmittel-freie Präparate zu bevorzugen und die begrenzte Haltbarkeit nach Anbruch der Packung zu beachten

Bakterielle oder virale Konjunktivitiden sind hoch ansteckend und nur vom Arzt zu unterscheiden. Mangelnde Hygiene verschleppt den Erreger von einem in das andere Auge. Daher sollte das Apothekenteam unbedingt zu guter Händedesinfektion sowie getrennter Benutzung von Handtüchern und Bettwäsche raten. Kleinere Kinder sollten für die Dauer der Infektion keine Gemeinschaftseinrichtungen besuchen.

 

Eine virale Konjunktivitis ist in der Regel selbstlimitierend und oft Folge einer Erkältung. Die häufigsten Erreger sind Adenoviren (7). Der Arzt verordnet antivirale Augensalben oder -tropfen (Aciclovir), in schweren Fällen auch Corticoid-haltige Augentropfen (Tabelle 4).

 

Eine Vielzahl von Bakterien ist verantwortlich für die akute bakterielle Konjunktivitis, die häufig als Sekundärinfektion von Augenreizungen auftritt. Neben dem eitrigen Sekret ist das Auge meist stark gerötet und geschwollen. Die Diagnose muss ein Arzt stellen, der lokale Antibiotika (Fluorchinolone, Aminoglykoside) verordnet, in schweren Fällen auch systemisch. Die Augentropfen sind ausreichend häufig zu applizieren (je nach Packungsbeilage alle zwei Stunden); für die Nacht ist eine Augensalbe zu verwenden. Bis zur vollständigen Abheilung der Bindehautentzündung und zur Verhinderung ­einer Reinfektion sollten Kontakt­linsenträger eine Brille tragen.

 

Zurück zum Fallbeispiel

 

Die Apothekerin verweist die Mutter mit dem Kleinkind an den Kinderarzt. Möglicherweise handelt es sich um eine durch Verschleppung des Erkältungserregers verursachte Konjunktivitis, ob bakteriell oder viral ist in der Apotheke nicht festzustellen. Sinnvoller als mit Wasser ist die Entfernung der morgendlichen Verklebungen mit steriler 0,9-prozentiger Kochsalzlösung. Die Anwendung der verordneten Augentropfen ist der Mutter genau zu erklären. Idealerweise entspricht die Temperatur des Arzneimittels der des vorderen Auges (32 °C); damit wird ein reflexbedingtes Schließen verhindert und es gelangt ausreichend Wirkstoff in das Auge (7). Hilfreich ist der Hinweis, die Augentropfen hierfür kurze Zeit mit beiden Händen zu umfassen.

 

Keratokonjunktivitis photoelectrica

 

Von einem »verblitzen Auge« spricht man, wenn das Auge ohne Schutz starker UV-Strahlung beim Schweißen, Skifahren, am Meer oder in Solarien ausgesetzt war. Nach sechs bis acht Stunden sind Schmerzen und Ödeme spürbar, und die Augen tränen.

 

Bei starken Schmerzen oder Sehstörungen ist der Augenarzt aufzusuchen. Analgetika wie Ibuprofen und Diclofenac helfen gegen Schmerzen und Entzündung. Kühlung mittels Kompressen verringert Ödeme. Tränenersatzmittel und Dexpanthenol-haltige Augentropfen oder -salben lindern die Symptome.

Tabelle 4: Medikamentöse Behandlung von Blepharitis, Konjunktivitis und Gerstenkorn

Arzneistoff Wirkung
α-Sympathomimetika Vasokonstriktion
künstliche Tränenflüssigkeit Befeuchtung
Cromoglicinsäure Mastzellstabilisierung
Azelastin, Levocabastin antiallergisch
Bibrocathol antiseptisch
Fluorchinolone, Aminoglykoside antibakteriell
Aciclovir antiviral
Corticoide entzündungshemmend
Dexpanthenol Regeneration von gereizter Horn- oder Bindehaut

Blepharitis: Ursachen und Symptome

 

Fallbeispiel: Eine 25-jährige Kundin löst ein Rezept über Aknenormin® ein und möchte gut wirksame Augentropfen. Zu sehen ist ein leicht geschwollenes, gerötetes Oberlid am rechten Auge.

 

Unter Blepharitis (griechisch: blepharon, Lid) versteht man die Entzündung der Augenlider. Ist auch die Bindehaut betroffen, spricht man von Blepharokonjunktivitis. Sind begrenzte Teile des Augenlids betroffen, unterscheidet man

 

  • Meibomitis: Entzündung der Meibomschen Drüsen,
  • Blepharitis angularis: Entzündung des Lidwinkels und
  • Hordeolum: Gerstenkorn.

 

Wichtigste Symptome sind ein roter, brennender oder juckender, geschwollener Lidrand und ein Fremdkörpergefühl (Tabelle 3). Die Wimpern sind morgens verklebt oder können ausfallen. Wird die äußere Lipidschicht des Tränenfilms aufgrund einer Meibomitis nicht ausreichend gebildet, resultiert oft ein trockenes Auge.

 

Die wichtigste Vorbeugung und Therapie ist eine gute Lidrandhygiene und -pflege. Dazu wird ein feuchtwarmes Tuch einige Minuten auf die geschlossenen Augen gelegt, um das Fett der Talgdrüsen zu verflüssigen. Anschließend streicht man mit einem feuchten Tuch oder Wattestäbchen auf dem Oberlid von oben nach unten, auf dem Unterlid von unten nach oben. Abschließend noch den Wimpernkranz in Richtung Nasenwurzel entlangstreichen, um das verflüssigte Fett aufzunehmen.

Damit die Entzündung schnell abheilt, ist auf Augenkosmetik zu verzichten. Kontaktlinsen sollten besonders gereinigt und bis zum Abheilen durch eine Brille ersetzt werden. Leichte Verkrustungen lösen sich mit in warmem Wasser getränkten Wattepads; bei Verdacht auf virale oder bakterielle Infek­tionen ist 0,9-prozentige NaCl-Lösung vorzuziehen.

 

Bei einer Meibomitis werden die verstopften Drüsengänge ebenfalls durch Wärme freigelegt. Kompressen mit Schwarz- oder Kamillentee sind wegen der Gefahr von Allergie und unzureichender Hygiene nicht geeignet. Tränenersatzmittel oder Augenmedikamente mit Euphrasia oder Bibrocathol lindern leichte Entzündungen (Tabelle 4). Tritt nach drei Tagen keine ­Besserung auf, sollte der Patient den Augenarzt hinzuziehen.

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Der Wirkstoff Isotretinoin (Aknenormin®) wird zur Aknetherapie eingesetzt. Neben einer verstärkten Austrocknung der Schleimhäute wird gehäuft eine Meibomdrüsen-Dysfunktion beobachtet. Dies kann zu Symptomen von Blepharitis, Konjunktivitis oder trockenem Auge führen. Gute Lidrandpflege und Tränenersatzmittel beugen vor. Die Patientin kann das entzündungshemmende Bibrocathol über zwei bis drei Tage anwenden.

 

Gerstenkorn

 

Fallbeispiel: Eine Kundin (45) klagt über eine wiederholte schmerzhafte Entzündung am rechten oberen Augenlid. Die Arbeit am Computer strenge sie an und sie müsse häufig ihre ermüdeten Augen reiben. Deutlich sichtbar ist ein rötlich gefärbter Knoten. Sie benötige schnelle Linderung, da sie auf dem Weg ins Büro ist. Außerdem löst sie in der Apotheke ein Rezept über Metformin ein.

 

Die akute Entzündung der Talgdrüsen am Lidrand, der Lidinnenseite oder im Bereich der Wimpern wird als Gerstenkorn (Hordeolum) bezeichnet. Sind Zeis-Drüsen entzündet, spricht man von Hordeolum externum, bei Entzündungen der Meibomschen Drüsen von Hordeolum internum (10). Häufigste Ursache ist eine Infektion mit Staphylokokken, bedingt durch unzureichende Hygiene. Lokal ist das Augenlid schmerzhaft gerötet und angeschwollen.

 

Das Gerstenkorn heilt in der Regel spontan ab. Mitunter öffnet sich die entzündete Stelle und Eiter fließt ab. Trockene Wärme (Rotlicht) unterstützt den Heilungsprozess, feuchte Wärme ist bei bakteriell bedingter Entzündung nicht zu empfehlen. Der Patient sollte an einem Gerstenkorn nicht reiben oder mit den Fingern drücken. Heilt das Gerstenkorn nicht innerhalb von drei Tagen ab oder hat der Patient starke Schmerzen sowie weitere Begleitsymptome, ist ein Arzt hinzuzuziehen.

 

Wirksam ist das antiseptisch wirksame Bibrocathol. Der Arzt verordnet Antibiotika, lokal oder in schweren Fällen systemisch.

 

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Die Kundin hat vermutlich wiederholt ein Gerstenkorn am Augenlid. Diabetes-Patienten mit geschwächtem Immunsystem haben ein erhöhtes Risiko hierfür. Eine weitere Ursache ist häufiges Reiben der Augen; die Arbeit am Computer trocknet die Augen durch verringerte Lidschlagfrequenz zusätzlich aus. Die Kundin sollte wegen der Gefahr von diabetischen Spätschäden ohnehin regelmäßig einen Augenarzt konsultieren. Der Apotheker empfiehlt ihr, dies möglichst zeitnah zu tun, da sich die Entzündungen am Auge häufen. Tränenersatzmittel sollte sie in ­Zukunft regelmäßig anwenden, da ein trockenes Auge weiteren Entzündungen den Weg bahnt. Für die Dauer von zwei bis drei Tagen kann die Patientin Bibrocathol eintropfen.

Tipps gegen trockene Augen

Apotheker können ihren Kunden gute Tipps für die Vermeidung von trockenen Augen mitgeben:

 

  • Ausreichende Beleuchtung schützt die Augen.
  • Pausen und Blinzeln bei der Bildschirmarbeit verbessern die Verteilung der Tränenflüssigkeit.
  • Auf ausreichende Luftfeuchtigkeit in den Räumen achten.
  • Augen vor Zugluft, Tabakrauch und UV-Strahlung schützen.
  • Brille und Kontaktlinsen im Wechsel tragen.
  • Mögliche Verkrustungen mit steriler 0,9-prozentiger NaCl-Lösung entfernen.
  • Gute Lidrandpflege schützt vor Entzündungen wie Blepharitis, Konjunktivitis, Gersten- oder Hagelkorn.

Abakterielle Entzündung beim Hagelkorn

 

Entzünden sich Zeis- oder Meibom-Drüsen chronisch ohne bakterielle Infektion, spricht man von einem Hagelkorn (Chalazion). Die Drüsengänge sind verstopft, das Sekret staut sich und es entsteht ein Knoten. Mitunter schwillt das Augenlid an und rötet sich. Hauterkrankungen wie Rosacea und Seborrhö gelten als Risikofaktoren.

 

Lokale Wärmeanwendung mit Rotlicht oder einer selbsterwärmenden Augenmaske verflüssigt das Sekret und beschleunigt den Heilungsprozess. Wichtig sind alle Maßnahmen guter Lidrandhygiene. Bildet sich das Hagelkorn nicht zurück, muss der Patient zur Differenzialdiagnose zum Augenarzt, der es unter Betäubung öffnet (10).

 

In der Apotheke nachfragen

 

Das trockene Auge gehört zu den häufigsten Augenerkrankungen und ist keine Bagatellerkrankung. Die latent vorhandene Entzündung ebnet anderen Augenerkrankungen den Weg und kann das Sehvermögen langfristig ­beeinträchtigen. Das Apothekenteam sollte berücksichtigen, dass das trockene Auge auch eine Nebenwirkung von vielen Arzneimitteln der Dauermedi­kation sein kann. Bei der Medikationsanalyse lassen sich die Risikofaktoren ermitteln. Apotheker können die Pa­tienten mit der Frage sensibilisieren: »Welche Arzneimittel nehmen Sie sonst noch ein?«. Hilfreich sind einige Verhaltensregeln (Kasten) und die regelmäßige Verwendung von Tränen­ersatzpräparaten.

 

Die Symptomatik von trockenem Auge, Konjunktivitis und Blepharitis ist nicht immer eindeutig zu unterscheiden. Dies ist zu berücksichtigen, wenn Patienten ein Arzneimittel gegen Augenrötungen wünschen. Kurzzeitig ist die Selbstmedikation über drei Tage möglich. Bei Säuglingen und Kindern, bei Veränderungen des Sehvermögens und heftigeren Begleitsymptomen sowie bei länger anhaltender Problematik ist immer der ­Arztbesuch zu empfehlen. /

 

Literatur

 

  1. BVA/DOG-Leitlinie Nr. 11, Trockenes Auge (Sicca-Syndrom) und Blepharitis. Stand 11/2015. Abzurufen unter: www.dog.org
  2. Kaercher, T., CME-Fortbildung, Das Trockene Auge – Therapie. Stand 09/2016.
  3. Mergler, S., Pleye, E., Entzündungen an der Augenoberfläche. Bd. 3/2017. Klinik für Augenheilkunde Berlin Charite. https://augenklinik.charite.de
  4. www.aerztezeitung.de; Artikel 566415/30.09.2009 Patienteninfo zu trockenen Augen: Diagnose trockener Augen, Therapie trockener Auge.
  5. Jacobi, C., Messmer, E. M., Diagnostik des trockenen Auges. Ophthalmologe, Heft 5 (2018) 433.
  6. BVA/DOG-Leitlinie Nr. 12, Bakterielle Konjunktivitis. Stand 08/2011. www.dog.org
  7. Roat, M. I., MSD-Manual, Übersicht über die Konjunktivitis. Stand 2018.
  8. Kircher, W., Arzneiformen richtig anwenden. 4., überarb. Aufl. 2016.
  9. BVA/DOG-Leitlinie Nr. 10, Hordeolum/Chalazion. www.dog.org

Die Autorin

Barbara Staufenbiel studierte Pharmazie in Münster. Sie leitete 16 Jahre lang die Rabenfels-Apotheke in Rheinfelden. Seit ihrer Rückkehr nach Münster arbeitet sie in einer öffentlichen Apotheke und engagiert sich für die Fortbildung als Referentin und Autorin mit Schwerpunkt Apo­thekenpraxis.

 

Barbara Staufenbiel

Heerdestraße 19

48149 Münster

E-Mail: ilsesta@yahoo.de

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