Pharmazeutische Zeitung online
Medikamenteninduzierter Kopfschmerz

Den Teufelskreis durchbrechen

Apotheker wissen: Bei übermäßigem Gebrauch kann sich die Wirkung von Schmerzmitteln ins Gegenteil umkehren und sie können Kopfschmerzen verursachen statt lindern. Wie Betroffenen am besten zu helfen ist, steht in einer Leitlinie, die jetzt aktualisiert wurde.
Annette Rößler
08.04.2022  12:00 Uhr

Der Hinweis zur maximalen Anwendungsdauer und -häufigkeit gehört in der Apotheke bei jeder Abgabe von Schmerz- und Migränemitteln mit dazu. Missachten Patienten die Anweisung und nehmen die Mittel über einen längeren Zeitraum deutlich häufiger ein, spricht man von einem Übergebrauch der Medikamente (Medication Overuse, MO). Der Teufelskreis schließt sich, wenn dieser MO seinerseits Kopfschmerz auslöst (Medication Overuse Headache, MOH), der dann wieder mit Medikamenten bekämpft wird. 0,7 bis 1 Prozent der Bevölkerung sind laut der aktualisierten S1-Leitlinie zum MOH davon betroffen.

Per definitionem liegt ein MOH vor, wenn ein Patient über drei Monate an mindestens 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerz leidet und dagegen an ebenso vielen Tagen im Monat nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) oder Paracetamol einnimmt. Besteht ein Übergebrauch von Migränemitteln wie Triptanen oder Mutterkornalkaloiden, von Opioiden oder von analgetischen Mischpräparaten, ist ein MOH bereits ab zehn Einnahmetagen im Monat gegeben.

Wer ist gefährdet, einen MOH zu entwickeln? Das sind natürlich in erster Linie Patienten, die häufig unter Kopfschmerzen leiden, etwa Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Weitere Risikofaktoren sind laut Leitlinie weibliches Geschlecht, ein niedriger sozialer Status, andere chronische Schmerzerkrankungen, Stress, körperliche Inaktivität, Übergewicht, Rauchen, abhängiges Verhalten und psychische Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen. Die Empfehlung lautet, solche Patienten mit Blick auf ihre Rx- und OTC-Schmerzmittel zu beobachten und rechtzeitig an einen Kopfschmerzspezialisten zu überweisen.

Über Zusammenhänge informieren

Da das Verhalten des Patienten für MOH ursächlich ist, dieser sich dessen aber oft gar nicht bewusst ist, steht die Aufklärung des Betroffenen über den Zusammenhang zwischen der häufigen Arzneimittelanwendung und den Kopfschmerzen an erster Stelle. Bei Migränepatienten sollte in einem zweiten Schritt eine medikamentöse Prophylaxe eingeleitet werden. Hierzu kommen etwa Topiramat, Onabotulinumtoxin A und Anti-CGRP-Antikörper wie Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) oder Galcanezumab (Emgality®). Bei Patienten mit Spannungskopfschmerzen und MOH kann eine Prophylaxe mit Amitriptylin erfolgen. Die medikamentöse Prophylaxe soll durch nicht medikamentöse Maßnahmen wie Beratung und Edukation, Entspannungsverfahren, Ausdauersport, kognitive Verhaltenstherapie und Biofeedback ergänzt werden.

Bleibt all das ohne ausreichenden Erfolg, empfiehlt die Leitlinie eine Medikamentenpause, die ambulant, teilstationär oder stationär ärztlich begleitet werden muss. Bei Patienten mit MOH infolge eines Übergebrauchs von Opioiden soll der Entzug stationär erfolgen.

Das abrupte Absetzen der zuvor exzessiv angewendeten Medikamente führt bei den meisten Patienten vorübergehend zu einer Verstärkung der Kopfschmerzen und anderen Entzugssymptomen wie Angst- und Schlafstörungen. Diese Beschwerden können zwei bis sieben Tage lang anhalten, je nachdem, welche Art von Medikamenten zuvor übergebraucht wurde. Am schnellsten geht die Entwöhnung von Triptanen, am längsten braucht sie bei vorherigem MO von Mutterkornalkaloiden oder Opioiden. Zur Behandlung von Entzugssymptomen oder Kopfschmerzen während der Medikamentenpause können trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika, Antiemetika oder Corticosteroide gegeben werden.

Gelingt es auf diese Weise, den Schmerzmittelgebrauch der Patienten zu senken, sollten sie auch weiter engmaschig betreut werden, denn es besteht ein hohes Rückfallrisiko, vor allem bei Patienten mit Opioid-Übergebrauch. Insgesamt beziffert die Leitlinie die Erfolgsrate der gestuften Therapie auf 50 bis 70 Prozent nach sechs bis zwölf Monaten.

Mehr von Avoxa