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Virologe Drosten

Coronavirus-Tests gezielter einsetzen

Das Material für Tests auf das Coronavirus SARS-CoV-2 wird mittlerweile knapp. Die Labore sind an ihre Leistungsgrenzen gekommen. Wie wird jetzt entschieden, wer getestet wird?
Christiane Berg
20.03.2020
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Ob bei Halskratzen, Husten, Fieber und Atemnot ein Corona-Test gemacht wird, liegt im Ermessen des behandelnden Arztes. In diesem Zusammenhang entscheidend ist unter anderem die Schwere der Symptome und der Grad der Wahrscheinlichkeit des Kontaktes zu einer infizierten Person. Doch die Kapazitätsgrenze für entsprechende Tests scheint mittlerweile erreicht. »Selbst das Routinelabor der Charité in Berlin, das mit einem Durchsatz von 600 bis 700 Proben pro Tag eines der größten Labor auch bundesweit ist, kommt kaum noch hinterher«, konstatierte der Virologe Professor Dr. Christian Drosten im gestrigen NDR-Podcast und Interview mit der NDR-Wissenschaftsredakteurin Anja Martini. »Angesichts der Zunahme der Coronavirus-Epidemie werden wir wohl darüber nachdenken müssen, die Diagnostik zukünftig noch gezielter einzusetzen«, sagte er. 

»Mit Blick auf die Verdoppelung der Zahl der Infizierten pro Woche auch die Zahl der Labore zu verdoppeln, ist praktisch unmöglich«, zeigte sich Drosten überzeugt. »Mit maximalen Anstrengungen lassen sich flächendeckend vielleicht noch mal 30, 40 Prozent obendrauf setzen, aber das ist auch alles.« Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Zahl der Infizierten exponenziell ansteige, die Schaffung zusätzlicher Labore jedoch ein linearer Prozess sei, werde man hier mit dem Virus nicht Schritt halten können. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Professor Dr. Lothar Wieler, hatte hierzu vor Kurzem berichtet, dass in Deutschland etwa 160.000 Tests auf SARS-CoV-2 pro Woche durchgeführt werden. Die Testkapazität könne auch noch ausgebaut werden, indem man zum Beispiel die erheblichen Kapazitäten aus dem Bereich der Tiermedizin mitnutzt, erklärte Wieler. Die benötigten Geräte für die PCR-Tests seien die gleichen.

Drosten betonte, dass der Punkt erreicht sei darüber nachzudenken, die Diagnostik nur noch als »Werkzeug für Risikogruppen«, also ältere Menschen oder auch junge Patienten mit spezifischen Herz-, Lungen- oder Stoffwechselerkrankungen einzusetzen. Bei diesen Risikopatienten sei es unbedingt notwendig, Gewissheit zu haben, während im ambulanten Bereich nicht bei jedem jungen Erkrankten mit entsprechenden Symptomen und ohne Vorerkrankung ein PCR-Test durchgeführt werden müsse. Da, so Drosten, könne und müsse der Arzt in Kenntnis der Symptome und des familiären Umfelds gegebenenfalls auch ohne Test eine vierzehntägige häusliche Quarantäne für einen beziehungsweise alle anordnen.

Bei Luftnot früh genug ins Krankenhaus

Ob mit oder ohne Diagnose: Vorrangige Aufgabe der Hausärzte, so Drosten weiter, sei es nun, insbesondere bei Risikopatienten in häuslicher Quarantäne »telefonisch dran zu bleiben« und regelmäßig zu fragen: »Wie ist es mit der Luft?« Nehmen Symptome wie Halsschmerzen, Husten, Fieber und Atemnot zu, so dürften diese »zu Haus auf dem Sofa nicht zu lange ausgesessen werden«, warnte er. Das, so Drosten, könne dramatische Auswirkungen haben.

Verhindert werden müsse, dass ein Patient, der schlechter und schlechter atmet, zu spät ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die Prognose sowie die Gefahr der Notwendigkeit der Beatmung und Intensivstation werde sonst verschärft.

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