Spahn war von 2018 bis 2021 Bundesgesundheitsminister – in seinen Zuständigkeitsbereich fiel damit das Embryonenschutzgesetz, in dem das Verbot von Leihmutterschaften geregelt ist. 2020 antwortete das Haus auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion, dass eine Änderung nicht geplant sei – und erklärte, die Ratio der Regelung liege »primär in der Wahrung des Kindeswohls«.
Im Jahr 2015 hatte das Magazin »GQ« Spahn, damals gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, mit den Worten zitiert: »Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden. Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht.«
Inzwischen ist Spahn als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion neben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) einer der mächtigsten Politiker in der Union. Nach Anlaufschwierigkeiten hat er seine Position zuletzt mit einem guten Ergebnis bei seiner Wiederwahl gefestigt. Ihm wird auch zugutegehalten, dass das Reformpaket so geräuschlos geschnürt wurde.
Doch nun könnte es für ihn eng werden. Das Kalkül, dass er Politik und Privates einfach so trennen könne, scheint nicht aufzugehen. Doch seine private Entscheidung lässt sich nicht rückgängig machen. Er hat also zwei Möglichkeiten: mit einer erheblich angekratzten Glaubwürdigkeit im Amt bleiben, und das in einer so entscheidenden Phase für die Koalition. Oder Rücktritt.
Spahn ist eigentlich bekannt dafür, dass er in solchen Situationen ein dickes Fell hat. »Es braucht ziemlich viel, um mich umzuhauen«, sagte der CDU-Politiker vor einiger Zeit in einem Podcast. Die Affäre um Maskenkäufe in seiner Zeit als Gesundheitsminister saß er aus. Den Druck damals beschrieb er einmal als eine der beiden heftigsten Situationen seiner Amtszeit. Die andere war die geplatzte Wahl einer Bundesverfassungsrichterin vor einem Jahr, als er den Widerstand in seiner Fraktion unterschätzte und die Koalition in eine Krise stürzte.
Jetzt hat sich Spahn möglicherweise wieder verschätzt. Auffällig ist, dass es zwar erste Rücktrittsforderungen gibt, ihm bisher aber noch niemand aus der ersten Reihe der Union so richtig zur Seite gesprungen ist. Die öffentlichen Äußerungen aus der Union folgen bisher weitgehend dem Muster: Glückwünsche zum Baby, aber keine Positionierung zum Glaubwürdigkeitsdilemma der Union in Sachen Leihmutterschaft.