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Überschüssige Covid-19-Impfstoffe

Bund will keine Impfdosen aus Arztpraxen zurücknehmen

In deutschen Arztpraxen lagern bis zu 3,2 Millionen Dosen Covid-19-Impfstoff, die bislang nicht zum Einsatz gekommen sind. Ein Teil davon könnte schon in den nächsten Wochen verfallen. Doch für eine Rückgabe der Vakzine  fehlt bislang der rechtliche Rahmen. Das Bundesministerium für Gesundheit sieht dennoch keinen Handlungsbedarf.
Stephanie Schersch
18.08.2021  16:00 Uhr

Seit Wochen stockt die deutsche Covid-19-Impfkampagne und kommt einfach nicht wieder in Fahrt. Auch die Arztpraxen bekommen die sinkende Nachfrage zu spüren. Nicht selten sagen Patienten ihre Impfung ab oder erscheinen einfach nicht zum Termin. Inzwischen lagern in vielen Praxen zahlreiche Vials, für die es bislang keine Abnehmer gibt.

Betroffen sind vor allem die Vektorimpfstoffe, die Astra-Zeneca (Vaxzevria®) und Johnson & Johnson (Vaccine Janssen®) herstellen, wie aus einer Umfrage des Zentralinstituts für die kassenärztlichen Versorgung (ZI) hervorgeht. Rund 4500 Praxismitarbeiter haben daran teilgenommen und aus ihrem Alltag berichtet. Demnach könnten bis zu 15 bis 20 Prozent der bislang nicht verimpften Verktorimpfstoffe in den nächsten zwei Woche verfallen. Weniger dramatisch ist die Lage beim mRNA-Vakzin Comirnaty® (Biontech), von dem lediglich 2 bis 3 Prozent nach Ende August unter Umständen nicht mehr verimpft werden können.

Bis zu 10 Prozent der Dosen sind bislang unverimpft 

Insgesamt könnten in den Praxen bis zu 10 Prozent der bislang ausgelieferten Dosen noch nicht zum Einsatz gekommen sein. Das zeigt ein Abgleich der Liefermengen mit der Anzahl der dokumentierten Impfungen. Im Kern geht es dabei um rund 1,1 Millionen Dosen Vaxzevria, etwa 400.000 Einheiten Vaccine Janssen und fast 1,7 Millionen Dosen Comirnaty. Verwerfen mussten die Praxen laut Umfrage bislang kaum ein Vakzin. Allerdings seien insbesondere die Vektorimpfstoffe nur noch schwer zu vermitteln, sagte ZI-Vorstand Dominik von Sellfried. Er verwies er auch auf die Weltgesundheitsorganisation, die erst vor Kurzem geforderte hatte, mehr Impfstoffe an ärmere Länder abzugeben. »Ethisch scheint es daher dringend geboten, nicht benötigte Vials für internationale Impfstoffspenden einzusammeln, bevor sie unbrauchbar werden.«

Ganz so einfach dürfte das allerdings nicht sein. Bislang fehlt ein rechtlich sicherer Rahmen für die Rückführung von Impfstoffen, die einmal an die Praxen ausgeliefert wurden. Zwar können Ärzte liegengeblieben Dosen seit Mitte Juli relativ unbürokratisch an andere Praxen oder auch Impfzentren abgeben, die in direkter Nähe liegen. Eine Retoure ist auch aufgrund von Haftungsfragen allerdings kompliziert. So gilt es, die mitunter sensiblen Wirkstoffe sicher zu transportieren. Da sich die bislang verimpften Vakzine auf viele Tausende Praxen in Deutschland verteilen, wäre eine gesammelte Rückführung zudem recht komplex. Sellfried sieht hier das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in der Pflicht,  »zügig rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, die von Praxen einfach umgesetzt werden können«. 

Das Ministerium kann hingegen keinen Handlungsbedarf erkennen. Das System der Impfstoffverteilung sei bereits so angelegt, dass Verwürfe nicht vorkommen sollen, sagte eine BMG-Sprecherin auf Nachfrage der PZ. »Denn Vertragsärzte werden nicht nach der Größe der Praxis beliefert, sondern sie schätzen wöchentlich ihren Bedarf und bestellen Impfstoff.« Dass nun trotz allem voraussichtlich Millionen Impfdosen verfallen, weist auch das Ministerium nicht zurück. Aber: »Der Bund kann sie aus haftungsrechtlichen Gründen nicht mehr zurücknehmen.« Stattdessen sollten die Praxen überschüssige Dosen an Betriebsärzte und Impfzentren abgeben. Diesen Prozess müssten die Bundesländer mit den Kassenärztlichen Vereinigungen organisieren. 

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