Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) kritisiert die neuen Möglichkeiten für öffentliche Apotheken durch das ApoVWG, unter anderem die venöse Blutentnahme zu diagnostischen Zwecken. / © Imago Images/Zoonar
Bereits beim gestrigen PZ-Talk »Alex’ Doppelte Dosis« waren die geplanten neuen Aufgaben für Apotheken, die durch das Apothekenversorgungs- und Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) festgeschrieben sind, Diskussionsthema zwischen KBV-Chef Andreas Gassen und PZ-Chefredakteur Alexander Müller.
Heute äußerte sich auch die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) zu diesem Thema und kritisierte, dass diese neuen Möglichkeiten »nach pragmatischer Entlastung« klingen würden, sie seien jedoch »das Gegenteil«.
Zu den neuen Aufgaben gehört unter anderem die venöse Blutentnahme zu diagnostischen Zwecken, das Anbieten von Schnelltests, das Messen von Risiken für Herzerkrankungen und Diabetes und die Abgabe von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in bestimmten Fällen ohne Rezept. Die venöse Blutentnahme zu diagnostischen Zwecken in öffentlichen Apotheken ist durch einen Änderungsantrag zum ApoVWG gesetzlich verankert worden. Das Gesetz ist heute im Bundesgesetzblatt veröffentlicht worden und tritt am morgigen 2. Juli in Kraft.
»Müdigkeit kann eine Depression sein. Rückenschmerzen können auf einen Tumor hinweisen. Husten kann eine Herzinsuffizienz anzeigen. Solche Zusammenhänge erschließen sich nicht durch Algorithmen oder Schnelltests, sondern durch ärztliche Erfahrung, körperliche Untersuchung und klinisches Urteilsvermögen«, erklärte die KVBB in einer Meldung.
Die Politik kürze den Arztpraxen Milliarden und finanziere gleichzeitig den Apotheken neue Leistungen, für die sie nicht ausgebildet seien. »Das ist keine Versorgungsreform. Das ist eine Versorgungsillusion«, sagte Catrin Steiniger, Vorstandsvorsitzende der KVBB. »Apothekerinnen und Apotheker sind exzellente Pharmazeutinnen und Pharmazeuten – und unverzichtbar in der Arzneimittelversorgung. Doch ihre Ausbildung ist eine andere als die ärztliche. Beides hat seinen Platz. Die Grenze zwischen beiden Berufsfeldern willkürlich aufzuweichen, schafft keine bessere Versorgung, sondern neue Risiken.«
Stefan Roßbach-Kurschat, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVBB, ergänzte: »Wer glaubt, Ersteinschätzungen und Erstellen von Testergebnissen in Apotheken könne die Primärarztversorgung ersetzen, hat deren Wesen nicht verstanden. Ärztliche Diagnostik und Therapie sind kein Baukastensystem«, so Roßbach-Kurschat. »Man kann nicht einzelne Teile herauslösen und anderen Berufsgruppen übertragen, ohne die diagnostische Verantwortungskette zu beschädigen.«
Die Ausweitung ärztlicher Kompetenzen auf fachfremde Strukturen schaffe zusätzliche Schnittstellen, Mehrarbeit und erhöhe das Risiko von Fehleinschätzungen. Das Ergebnis sei absehbar, so Roßbach-Kurschat: Patientinnen und Patienten würden »mehrfach durch das System geschleust«. Dadurch entstehe »keine Entlastung, sondern Doppelarbeit mit weniger Zeit für die eigentliche Patientenversorgung.«