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Phytos bei Krebs

Beliebt, aber nicht immer sicher

Viele Krebspatienten erhoffen sich von pflanzlichen Arzneimitteln positive Wirkungen auf ihre Erkrankung, Nebenwirkungen der Tumortherapie oder ihren Allgemeinzustand. Häufig gibt es nur wenig Evidenz für die postulierten Effekte. Wechselwirkungen mit den eingesetzten Krebsmedikamenten können zudem dazu führen, dass Phytos mehr schaden als nützen.
Annette Mende
20.05.2020
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»Phytopharmaka spielen für Krebspatienten eine große Rolle«, berichtete Professor Dr. Matthias Rostock, Leiter des Kompetenznetzes Komplementärmedizin in der Onkologie (KOKON) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Ende Februar beim Krebskongress in Berlin. Vielfach sei die Datenlage jedoch nicht sehr gut. Darauf müsse man die Patienten, die eine zusätzliche pflanzliche Therapie wünschen, hinweisen. »Wir besprechen mit den Patienten, was wir wissen und was nicht, und die Patienten entscheiden dann, ob sie die Therapie wollen oder nicht«, so Rostock.

Das mit Abstand größte Interesse bestehe an der Misteltherapie – wobei diese ja streng genommen keine Phytotherapie darstellt, sondern der anthroposophischen Medizin zuzurechnen ist. Zur Wirksamkeit der Mistel (Viscum album) bei Krebs seien in jüngster Zeit mehrere Reviews erschienen, deren Ergebnisse jedoch heterogen waren. Rostock verwies daher auf ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2008, an dem er selbst mitgearbeitet hatte (DOI: 10.1002/14651858.CD003297.pub2). Demnach war die Verträglichkeit der Misteltherapie zwar gut, ihre Wirkung auf die Überlebenszeit aber von Studie zu Studie verschieden, sodass unter dem Strich bezüglich der Wirksamkeit keine gute Bewertung stand. Begleitend zur Chemotherapie gegeben, schien die Misteltherapie aber die Lebensqualität zu verbessern, insbesondere bei Patientinnen mit Mammakarzinom.

Extrakten aus Weihrauch (Boswellia serrata) werden positive Effekte bei Patienten mit Hirntumoren nachgesagt. 2011 habe eine kleine Studie eine signifikante Reduktion von Hirnödemen gezeigt, so Rostock (»Cancer«, DOI: 10.1002/cncr.25945). Neuroonkologen von der Universität Zürich hätten 2016 in einer Arbeit synergistische Effekte von Boswellia-Säuren mit Temozolomid und der Strahlentherapie postuliert (»Oncology Letters«, DOI: 10.3892/ol.2016.4516). Klinische Daten aus größeren Studien gebe es aber noch keine.

Ähnlich dünn ist die Datenlage zu Extrakten aus Mariendistel (Silybum marianum) bei Krebs. Entsprechende Präparate werden unter anderem zur Unterstützung der Leberfunktion eingesetzt. 2019 stufte der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittelagenturden Evidenzstatus des Phytopharmakons von »well established« auf »traditional« zurück. »Viele Krebspatienten setzen Mariendistel-Präparate ein, um die Toxizität der Tumortherapie zu reduzieren«, sagte Rostock. Hierzu gebe es vor allem präklinische, aber kaum klinische Untersuchungen.

Viele Brustkrebs-Patientinnen unter antihormoneller Therapie leiden unter klimakterischen Beschwerden, die sie stark belasten. Zur Linderung können Extrakte aus der Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) eingesetzt werden. 2012 erschien ein Cochrane-Review, der sich jedoch nicht spezifisch mit Patientinnen unter antihormoneller Therapie, sondern allgemein mit der Wirksamkeit von Cimicifuga bei menopausalen Beschwerden befasste. Die Autoren sahen keine ausreichende Evidenz, um die Anwendung zu empfehlen. Das lag aber vor allem an der Studienqualität, weshalb sie weitere Studien befürworteten.

»Eine Publikation aus dem Jahr 2013 zeigte aber: Zugelassene Arzneimittel mit Cimicifuga-Extrakt haben im Gegensatz zu Nahrungsergänzungsmitteln sehr wohl eine Wirkung«, sagte Rostock mit Verweis auf eine Arbeit im Fachjournal »Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine« (DOI: 10.1155/2013/860602). Zudem komme eine Arbeit aus dem vergangenen Jahr zu einer Empfehlung von Cimicifuga, auch während der antihormonellen Therapie (»Climacteric«, DOI: 10.1080/13697137.2018.1551346). Für ihn sei die Information wichtig: Cimicifuga-Extrakt kann hilfreich sein, aber längst nicht bei jeder Patientin. Viele Frauen bräuchten höhere Dosierungen. Wichtig sei, auf die Leberwerte zu achten.

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