Pharmazeutische Zeitung online
Jahresrückblick

Von Prinzessinnen und Mehrwegkondomen

22.12.2015  09:13 Uhr

Von Daniel Rücker / Ja, die PZ ist ein Fachmagazin für Apotheker. Wissenschaft und Gesundheitsökonomie sind unsere Kernkompetenz. Und dennoch: Zum Jahresende sprengen wir unsere Fesseln und berichten über all das, was 2015 zu kurz gekommen ist. Pharmazie ist toll, die Welt ist bunt – vielleicht zu bunt.

Wenn wir Deutsche etwas machen, dann planvoll und allumfassend, wem sag ich das. Recycling ist so eine Sache, die wir mit einem mönchischen Ernst betreiben, der unsere europäischen Nachbarn befremdet. Alles, was nicht bei drei in der Restmülltonne ist, wird bei uns wiederverwendet. Es wird in gelbe Säcke gepackt, mit grünen Punkten versehen und zu Wertstofftonnen transportiert. Natürlich freut sich die Umwelt, die gute Tat darf aber nicht wichtiger sein als der Mensch, der sie ausführt. Es gibt Produkte des täglichen Bedarfs, die nun mal einen Lebenszyklus haben, der kürzer ist als der einer Riesenschildkröte. Und das ist gut so.

Die Berliner Firma Einhorn sieht das offenbar nicht so. Sie hat in diesem Jahr ein Kondom auf den Markt gebracht, das nach Vollzug nicht direkt diskret im Müll landet, sondern wiederaufbereitet wird. Ja, Sie lesen richtig, es geht um ein Mehrwegkondom – immerhin ohne Pfand. Unsere Sozialisierung verbietet es uns, über praktische und technische Details der Mehrfachverwendung zu spekulieren. Wir sind zwar bereit zu akzeptieren, dass einvernehmliche Handlungen geschäftsfähiger Menschen in jedem Fall legitim sind. Es gibt aber auch Grenzen. Angesichts der Preisgestaltung ist die Mehrfachverwendung von Kondomen keine ökonomische Selbstverständlichkeit. Geiz ist weder sexy noch geil, sondern lästig. In der PZ-Redaktion gibt es eine deutliche Mehrheit für die Annahme, dass der Käufer von Mehrwegkondomen das Alleinstellungsmerkmal des Produkts gar nicht ausspielen kann, weil es kein zweites Mal gibt.

 

Wir bleiben noch kurz in der Themenwelt Reproduktion. Wechseln aber von deren Verhinderung zur konkreten Umsetzung und entdecken dabei neben viel Licht auch Schatten. Kurz vor Weihnachten beginnen wir selbstredend mit dem Licht. In diesem Jahr wurden in Deutschland so viele Kinder geboren, wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Dass an diesem Erfolg die PZ-Redaktion auch ihren Anteil hat, soll hier erwähnt, aber nicht überbewertet werden. Immerhin: Kinder sind wieder Trend in Deutschland. Dummerweise scheint jedoch die quantitative Entwicklung mehr Grund zur Freude zu geben als die postnatale qualitative Performance. Denn was da zu Hundertausenden aus dem Bauch der Mütter herauskrabbelt wird von den Eltern derart verhätschelt, gefördert und optimiert, dass Psychologen und Erziehungswissenschaftler vor einer Horde selbstverliebter Narzissten warnen, die Kritik nicht akzeptieren und Empathie nicht kennen. Dass die Erzeuger hier nicht nur Täter, sondern auch Opfer sind, kann an dieser Stelle nur ein schwacher Trost sein.

 

Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, haben wir ein Problem, wenn Prinz und Prinzessin ins Erwachsenenalter kommen. Wissenschaftler warnen vor einer Zunahme von Persönlichkeitsstörungen. Sicher: Psychopathen, Narzissten und Blender sind schon immer Teil unserer Gesellschaft gewesen. Bis heute ist es uns aber gelungen, selbstverliebte Egomanen in den Zentralen internationaler Konzerne, beim Privatfernsehn oder der Fifa lebenslang zu internieren. Das ist zwar teuer, hat aber gut funktioniert. Wenn in einigen Jahren die Zahl der oben beschriebenen Varietäten von Homo sapiens die Aufnahmekapazität übersteigt, dann wird es eng. Deutschland ist auf diese Situation nicht vorbereitet. Wir brauchen Beschäftigung und Aufbewahrungsmöglichkeiten für die adoleszenten Störenfriede. Nach einem kurzen Brainstorming in der PZ-Redaktion haben wir das Problem im Griff. Im Jahr 2025 soll die Marsmission startet. Weil Megaprojekte in der Regel mindestens doppelt so lang wie geplant dauern, dürfte der Start auf 2035 oder später fallen. Die Raumfahrt braucht selbstbewusste junge Menschen, die in schwierigen Situationen auch mal zuerst an sich selbst denken können, die nicht gleich in Mitleid verfallen, wenn einer der Marsreisenden beim Raumspaziergang versehentlich das Sicherungsseil kappt. Wir haben solche Menschen. Das Schicksal meint es gut mit uns.

Weniger gut meinte es das Schicksal vor einigen Monaten mit einer Hand voll Ärzten, Psychologen, Homöopathen und anderen Heilern. Diese hatten sich im niedersächsischen Handeloh zu einem Therapiewochenende getroffen. Bis hierhin lässt sich diese Veranstaltung unter berufstypischen Verhalten subsumieren. Für den Rest der Veranstaltung gilt dies nicht. Der Gesprächskreise überdrüssig entschied man sich, auf pharmakologischem Weg der Erkenntnis näher zu kommen – mit durchaus fatalem Ergebnis. Anstelle der Bewusstseinserweiterung machten die Teilnehmer Erfahrungen mit Luftnot, Wahnvorstellungen und Herzrasen. Polizei und Rotes Kreuz hatten alle Hände voll zu tun, Haus und Heiler wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Am Ende bleibt die für Pharmazeuten wenig überraschende Erkenntnis, dass manche Ärzte ihr pharmakologisches Wissen überschätzen. In der PZ-Redaktion überrascht das niemand. Der Naturwissen- schaftler ist und bleibt dem medizinischen Erfahrungswissenschaftler überlegen.

 

Deshalb darf in einem Jahresrückblick für Apotheker die Naturwissenschaft nicht zu kurz kommen. In diesem Fall handelt es sich allerdings um eine naturwissenschaftliche Disziplin, deren Erkenntnisse auch bei Apothekern nur bedingt im Fokus stehen: die Ethnobiologie. Im Oktober dieses Jahres überraschte das Wissenschaftsmagazin »Current Biology« die Scientific Community mit einer Untersuchung über die Schlafgewohnheiten von Naturvölkern. US-amerikanische Wissenschaftler hatten festgestellt, dass diese Menschen nicht mehr schlafen als der smarte, 24 Stunden am Tag ansprechbare, global vernetzte Nadelstreifen-CEO. In Frankfurt, New York oder Sidney wird ebenso lang geschlafen wie im Dschungel. Nämlich 6,5 Stunden am Tag. Dem gemeinen Apotheker mag dies als eine Erkenntnis geringer Bedeutung erscheinen. Die Jünger der Hochleistungsgesellschaft aber trifft sie bis ins Mark. Mit einem beiläufigen »mehr als sieben Stunden schlafe ich nie«, können sie kaum noch beeindrucken. Wenn das Gegenüber antwortet »das ist ja länger als die Aborigines schlafen«, zeigt sich wieder einmal, wie eng Bewunderung und Mitleid beieinander liegen.

 

Vermutlich haben Sie bereits beim Lesen dieses Artikels schon mehrfach Bob-Dylan-Zitate vermisst. Keine Frage, absolut zu Recht. Schließlich wird laut British Medical Journal kaum ein Sänger so häufig in wissenschaftlichen Zeitschriften zitiert wird wie er. Vor allem seit den 1990er-Jahren machen sich Wissenschaftler immer häufiger daran, Fragmente aus dem Werk des großen Meisters in ihre eigenen Elaborate einzubauen. Vor allem »Blowing in the Wind« und »The times, they are A-Changing« werden gern aufgegriffen.

 

Da wollen wir nicht zurückstecken und zitieren Dylan zur Aufmunterung unserer Retax-geschädigten Leserschaft als letzte Amtshandlung in diesem Jahr: »Der Schmerz bringt sicher das Beste im Menschen hervor« und warnen abschließend mit Lisa Simpson: »Es ist besser, den Mund zu halten und für ein Narren gehalten zu werden, als den Mund aufzumachen und alle Zweifel sind beseitigt.« Frohe Weihnachten. /

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