Pharmazeutische Zeitung online
Was bislang zu kurz kam

Von pupenden Insekten, eitlen Senioren und erotisierenden Tänzen

15.12.2009  12:43 Uhr

Von Daniel Rücker / 2009 hatten Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen die Schweinegrippe. Überall hustete es mehr oder weniger kompetente Informationen aus den Lautsprechern. Fakten trieften aus den Zeilen und Spekulationen fieberten über die Bildschirme. Da blieb wenig Platz und Zeit für die wirklich wichtigen Ereignisse. Wir holen dies heute nach.

Und starten gleich mit dem alten und ewig jungen Thema: »Gehören Männer und Frauen tatsächlich derselben Art an oder irrt hier die Biologie?« Eine israelische Studie nährt zumindest Zweifel. Danach manifestieren sich die ersten Unterschiede schon während der Zeit im Bauch der Mutter. Im Gegensatz zum restlichen Leben machen in diesem Abschnitt männliche Föten mehr Probleme. Sie kommen deutlich häufiger zu früh zur Welt, dies oftmals per Kaiserschnitt, sind danach malad und müssen deshalb länger als kleine Mädchen im Krankenhaus bleiben.

 

Wirklich verwunderlich ist all dies natürlich nicht, zeigt es doch nur, dass viele Verhaltensweisen von Erwachsenen in sehr früher Kindheit angelegt werden. Männer warten nicht gerne auf Frauen, sie neigen dazu, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen und zelebrieren dann ihre selbstverschuldeten Verletzungen auf dem Wohnzimmersofa.

 

Die Erklärung ist Ihnen zu schlicht? Dann lesen Sie mal, was den Wissenschaftlern selbst dazu einfällt. Es gebe keine eindeutige Erklärung, sagte Professor Dr. Amrek Glezermann der Zeitung »Haaretz«. Eine der Hypothesen lege einen Zusammenhang mit dem Y-Cormosom nahe. Na, ist das besser? Unterschiede zwischen Männern und Frauen sollen auf das Y-Chromosom zurückzuführen sein? Wer hätte dies gedacht? Das ist mutig. Man muss sich auch als Wissenschaftler einfach trauen, das Naheliegende zu denken.

Anders sind Männer auch, wenn sie altern. Im Gegensatz zu Frauen finden sie sich mit zunehmendem Alter immer schöner. Für dieses bemerkenswerte Ergebnis scheuen wir nicht einmal davor zurück, die »Apotheken-Umschau« zu zitieren. Die hatte nämlich mehr als 1000 Männer befragt. Mehr als die Hälfte von ihnen befand sich selbst schönheitsmäßig auf einem niemals endenden Weg nach oben. Bei den Frauen waren es unter 40 Prozent. Die eigentliche Botschaft hat uns die Zeitschrift allerdings verschwiegen. Zeigt die Untersuchung doch in erster Linie, dass bei alternden Männern der Realitätsverlust eine häufige Begleiterscheinung ist. Andererseits ist aber vielleicht doch ein Funken Wahrheit daran, dass graue Schläfen, breite Scheitel und der Aufbau hüftnaher Energiedepots Männer keinesfalls entstellt. Natürlich eignet sich der männliche Teil der PZ-Redaktion wegen seiner überschaubaren Größe nicht für statistisch signifikante Feststellungen über Schönheit. Als Zufallsbefund taugt er aber allemal für eine positive Bestätigung der Älter-Schöner-Hypothese. Zumindest ein bisschen, wenn man nicht so genau hinschaut.

 

Wenn wir nun schon über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen philosophieren erscheint auch ein Exkurs darüber angebracht, was beide Geschlechter tun können, um ihre Differenzen zu überwinden. Sie können beispielsweise Tango tanzen. Der südamerikanische Tanz lässt nämlich den Sexualhormonspiegel bei Mann und Frau steigen, gleichzeitig sinkt das Cortisol und damit der Stress. Wie die kolumbianische Psychologin Cynthia Quiroga Murcia herausgefunden hat, sind Tanz und Berührung für den Testosteronspiegel und die Musik für den Abfall des Cortisols zuständig. Wer die Testosteron-ausschüttung wünscht, gleichzeitig den Blutdruck aber hochhalten will, der sollte ohne Musik tanzen. Dann kann er auch getrost auf den ebenfalls kolumbianischen Nachtisch verzichten, der auf einer Lebensmittelmesse in Bogota vorgestellt wurde. Mit Viagra versetzter Maracujaschaum sollte ein Dessert offensichtlich zur Vorspeise machen. Allein, die Arzneimittelaufsicht spielte nicht mit und verbot die Kombination. Um nicht vollständig ins Halbseidene abzudriften, freuen wir uns an dieser Stelle darüber, dass der südamerikanische Staat offensichtlich über in diesen Breitengraden eher seltene funktionierende Einrichtungen der Arzneimittelsicherheit verfügt.

Doch bleiben wir bei Lebensmitteln. Hier haben Radiologen von der Universitätsklinik München im vergangenen Jahr Bahnbrechendes geleistet. Haben Sie nicht auch schon einmal einen Kräppel, Krapfen oder Berliner beim Bäcker gekauft und beim Reinbeißen dann festgestellt, dass der mit Senf gefüllt war? Haben Sie nicht? Auch egal. Die Radiologen aus der bayerischen Landeshauptstadt fanden es dennoch wichtig, solche fatalen Überraschungen sicher auszuschließen. Die Lösung ist denkbar einfach und liefert innerhalb weniger Sekunden ein verlässliches Resultat, ohne den Krapfen zu zerstören. Es reicht, wenn man einen Computer- oder einen Magnetresonanztomografen bei sich hat und den auch bedienen kann. In CT und MRT lässt sich die Senffüllung zweifelsfrei von Marmelade, Eierlikör oder Pflaumenmus unterscheiden. Das ist ein gutes Ergebnis, dessen Bedeutung gerade in der bald anstehenden Karnevalszeit kaum zu überschätzen ist.

Gute Nachrichten gab es 2009 auch für Menschen, die nachts gerne noch mal ihrem Kühlschrank Grüßgott sagen. Die können dies jetzt ganz unbeschwert tun, denn »nächtliches Essen macht doch nicht dick«, stellten britische Wissenschaftler im »British Medical Journal« fest. Leider meinten sie es nicht ganz so, wie sie es schrieben. Natürlich lässt auch die mitternächtliche Gänsekeule die Hose enger werden. Aber eben nur im selben Maß wie tagsüber. Keinen Beweis gebe es für die Annahme, nachts sei der Stoffwechsel gebremst, weshalb die Nahrung vom Körper nicht verbrannt werde, sondern eingelagert.

 

Gelingt es kaum, dieses zu glauben, tun wir uns mit einer anderen wissenschaftlichen Erkenntnis noch schwerer. Angeblich soll Heißhunger auf Cheeseburger angeboren und Resultat des mit dem evolutionären Hirnwachstum verbundenen Mehrbedarfs an Kalorien sein. Oder schlicht: Weil unser Hirn immer größer wurde, haben wir den Cheeseburger erfunden. So oder zumindest so ähnlich behauptet es der Anthropologe William Leonard von der Universität in Evanston. Menschen benötigten rund ein Viertel ihres Energiebedarfes für das Gehirn, Gorillas nur ein Zehntel. Deshalb reichten unseren Verwandten Pflanzen als Nahrung.

Die PZ-Redaktion bestreitet diesen Unsinn auf das Heftigste. Nicht nur, weil sich aus Leonards Behauptung immanent kognitive Defizite bei Vegetariern ableiten lassen. Es geht uns auch um empirische Beobachtungen. Es mag sein, dass Konsum von Hamburgern mit der Hirngröße korreliert. Es widerspricht aber allen Beobachtungen in der Umgebung einschlägiger Klopsbratereien, dass es sich hier um einen positiven Zusammenhang handelt. Viel wahrscheinlicher ist ein inverser Zusammenhang. Außerdem möchten wir nicht unerwähnt lassen, dass Anthropologe Leonard aus Illinios kommt, jenem US-Bundesstaat, in dem der Marktführer unter den Hackfleischrestaurants seinen Stammsitz hat.

 

Lebensmittelforschung kann auch firmenunabhängig sein. Ein leuchtendes, weil preisgekröntes Beispiel dafür sind die Untersuchungen von Wissenschaftlern der Universität Bern. Sie erhielten den Ig(ignoble = lächerlich)-Friedens-Nobelpreis für Untersuchungen über den Einfluss des Füllungsgrades von Bierflaschen auf deren Tauglichkeit als Mittel zur Selbstverteidigung. In einer leider nicht näher beschriebenen Versuchsreihe testeten sie, ob volle oder leere Bierflaschen besser für Schläge auf den Kopf geeignet sind. Das Ergebnis hält der hohen Auszeichnung allerdings nicht stand. Die Forscher fanden keine großen Unterschiede. Nach Ansicht der PZ-Redaktion machen es sich die Forscher deutlich zu einfach, vergessen sie doch in ihre Theorie einzubeziehen, dass nur der Schlag mit leeren Flaschen eine bestimmungsgemäße Verwendung des Inhalts sicherstellen kann.

Vom Bier führt über Blähungen ein direkter Weg in die Tierwelt, genauer zur Unterwasserfauna. Sie staunen über diesen Gedankengang? Zu Unrecht. Denn auch Zuckmückenlarven, Muscheln oder Schnecken können pupsen und sie tun es auch weidlich, wenn wir dem Bremer Mikrobiologen Peter Stief vom Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie Glauben schenken wollen. So what? Werden Sie nun vielleicht sagen, wenn Sie einen Hang zu Anglizismen haben und den Dingen gerne ihren Lauf lassen. Laissez-faire ist an dieser Stelle allerdings unangebracht. Die Tiere leben oftmals in überdüngten Gewässern, sie nehmen deshalb viel Stickstoff auf und verstoffwechseln diesen zu Lachgas. Lustig ist das nicht, denn das Lachgas pupen die Weich- und Gliedertiere ins Wasser. Von dort gelangt es an die Oberfläche und dann in die Atmosphäre.

 

Der Stoffwechsel der Zuckmückenlarven interessiert Sie immer noch nicht? Sollte er aber. Lachgas ist nämlich ein manifester Klimaschädling. Die kleinen Biester sitzen schön im kühlen See und heizen uns die Luft auf. Das kann uns nicht egal sein. Die Kreaturen sind zwar klein, aber zahlreich vorhanden, und sie sind überall. Wir machen uns zumindest Sorgen und haben deshalb beschlossen, an keinem Tümpel mehr vorbeizugehen, ohne nicht ein kleines Fläschchen Sab simplex oder Lefax hineinzugießen. Vielleicht hilft es ja, wer weiß. Wir wollen uns in jedem Fall später von unseren Kindern und Kindeskindern nicht vorwerfen lassen, wir hätten nicht alles Denkbare gegen den Klimawandel unternommen.

Mit arzneilich wirksamen Substanzen ist auch in Tasmanien eine Gruppe von Tieren in Kontakt gekommen und hat dadurch die dort ansässige pharmazeutischen Industrie geschädigt. Eine Herde von Wallaby-Kängurus hatte die riesigen Mohnfelder von »Tasmanian Alkaliods« entdeckt. Das Unternehmen produziert immerhin die Hälfte des weltweit benötigten legalen Morphiums. Offensichtlich wirkt die Substanz bei Wallabys ähnlich wie bei Menschen. Zugedröhnt bis obenhin, randalierten die Beuteltiere auf den Feldern und schienen dabei eine nicht unerhebliche Freude am Kreishüpfen entdeckt zu haben. Bis hierhin ist die Geschichte verbürgt. Unwahr ist allerdings, dass »Tasmanian Alkaloids« für die Tiere ein Methadonprogramm aufgelegt hat. Nicht einmal Streetworker nahmen sich der Wallabys an.

Da geht es den fluoreszierenden Beagles in Südkorea doch deutlich besser. Sie wurden aus Eizellen geklont, denen Forscher das fluoreszierende Gen eines Virus eingesetzt hatten. Jetzt leuchten die Hunde rötlich, wenn sie zuvor mit UV-Licht bestrahlt wurden. Das ist vielleicht ein wenig aufwendig für Hundebesitzer, aber vor allem im Winter sinnvoll. Wer nach der Arbeit noch einmal mit den Hund rausgehen muss, der kann das jetzt auch noch zu später Stunde tun. Der Hund macht es rundherum taghell. Freilich gilt es darauf zu achten, dass die Hunde ihre Ohren hinunterklappen, weil sonst der Gegenverkehr geblendet wird.

 

Da sind wir mitten in den Abgründen der Wissenschaft angekommen und müssen deshalb noch einmal zum Bier zurückkehren. Diesmal geht es allerdings nicht um die bestimmungsfremde Nutzung der Flaschen, sondern um die Auswirkungen exzessiver bestimmungskonformer Nutzung, vulgo Komasaufen.

Das ist nicht gut für die Gesundheit, überraschen uns US-amerikanische Forscher. Man glaubt es kaum: Kampftrinken schwächt die Abwehrkräfte, macht anfälliger für Infektionen. Alkohol hemme die Bildung von Zytokinen. Selbst 24 Stunden nach dem Exzess sind die Zytokine noch am Boden. Wir freuen uns über diese Erkenntnis. Es ist bemerkenswert, wenn Wissenschaftler sich nicht zu schade sind, Dinge zu überprüfen, die ohnehin jeder weiß. Weiter so, vielleicht können wir dann nächstes Jahr berichten, dass Nikotin abhängig machen kann, bei übermäßigem Konsum von Gänseschmalz eine Gewichtszunahme nicht ausgeschlossen ist und gutaussehende Männer bei Frauen bessere Chancen haben als hässliche. Danke, danke, danke! Ganz zum Schluss, weil Weihnachten naht, wollen wir Sie noch mit drei guten Nachrichten auf die Feiertage einstimmen:

 

Erstens: Der Berufsverband der Chirurgen hält nicht viel davon, wenn im OP getwittert wird. Die PZ-Redaktion teilt diese Einstellung. Wir möchten aber unbedingt ergänzen, dass der Bannspruch auch auf die Benutzung von Chatforen und Videospielen ausgeweitet werden sollte – nur zur Sicherheit. Wunderbar ist auch, was der CF Barcelona im vergangenen Jahr für seine Stadt geleistet hat: Gewinnt die Mannschaft doch einfach die spanische Meisterschaft und den spanischen Pokal sowie die Champions League. Sie hat dadurch einige Zuschauer vor Herzinfarkten bewahrt. Kein einziger Fan musste während der letzten Saison im Stadion wegen Herzbeschwerden behandelt werden. Zwischen 2001 und 2003 waren es immerhin sieben, inklusive eines Todesfalls. Wir danken den Herren Messi, Xavi und Henry dafür, dass sie sich in der abgelaufenen Saison so selbstlos für die Gesundheit ihrer Unterstützer eingesetzt haben, sorgen uns aber gleichzeitig um die Fußballfreunde in Berlin, Stuttgart und Bochum.

 

Und ganz zum Schluss noch etwas, was uns Gutmenschen ein Trost in schweren Zeiten sein wird. »Rache lohnt sich nicht« haben Bonner Forscher festgestellt. Wer nach dem alttestamentarischem »Auge um Auge, Zahn um Zahn« lebt, der hat weniger Erfolg, zumindest im Berufsleben. Rachsüchtige verdienen weniger, sind häufiger arbeitslos und bei ihren Kollegen unbeliebt. Wir nehmen uns das zu Herzen und werden ab sofort bessere Menschen, würden aber zuvor gerne noch in Erfahrung bringen, ob Gemeinheiten ohne Auslöser eine bessere Prognose haben – nur so zur Sicherheit, falls es einmal nicht anders geht. Natürlich nicht in der nächsten Woche, da ist Weihnachten. Da bleiben wir natürlich unauffällig. In diesem Sinne ein schönes Fest! /

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