Pharmazeutische Zeitung Online
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Johannes Hartmann

Iatrochemiker im europäischen Kontext

14.12.2009
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Von Wolf-Dieter Müller-Jahncke und Christoph Friedrich / 1609 wurde an der Universität Marburg die weltweit erste Professur für Chemiatrie von dem 27-jährigen, vielseitig interessierten Landgrafen Moritz von Hessen eingerichtet und zugleich Johannes Hartmann (1568 bis 1631) als Professor für dieses Fach eingesetzt.

PZ-Originalia

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Johannes Hartmann, 1568 als Sohn eines armen Webers in Amberg geboren, hatte zunächst den Beruf eines Buchbinders erlernt. Wegen seiner herausragenden Begabung förderte ihn der Rektor der Amberger Stadtschule, und er konnte mit Unterstützung des Amberger Stadtrats an den Universitäten Altdorf, Jena und Wittenberg vornehmlich Mathematik studieren. Durch Vermittlung eines Wittenberger Studienfreundes, des hessischen Zeichners, Kupferstechers und Topographen Wilhelm Dilich (1571 bis 1655), erhielt er eine Stelle als »mathematicus« am Hofe des Landgrafen Moritz von Hessen (1572 bis 1632) in Kassel (1).

Moritz, der den Beinamen »der Gelehrte« trug, war ein überaus sprachbegabter und musisch interessierter Fürst. So komponierte er unter anderem mehrstimmige Instrumentalfugen, Tänze und Intraden sowie geistliche Vokalmusik, interessierte sich aber wie viele Potentaten seiner Zeit auch für naturkundliche Fragen, insbesondere für Astronomie, Mathematik und Alchemie. Großes Interesse brachte er auch den neuen paracelsischen Arzneimitteln entgegen, die er von seinen Hofärzten herstellen und teils in Selbstversuchen erproben ließ (2). Am Kasseler Hof empfing Hartmann nicht nur zahlreiche Anregungen für seine weiteren Studien, sondern verstand es offenbar auch, das Vertrauen des Landgrafen zu erwerben.

 

Dieser empfahl ihn bereits 1592 seinem Onkel, Landgraf Ludwig von Hessen-Marburg (1537 bis 1604), als Professor der Mathematik für die Marburger Alma mater. Sechs Jahre später kehrte Hartmann indes nach Kassel zurück, um am dortigen »Collegium Mauritianum«, einem Kolleg für junge Adlige und begabte Bürgersöhne, an dem zu dieser Zeit auch der Komponist Heinrich Schütz (1585 bis 1672) studierte, zu lehren. 1601 wieder an die Marburger Universität zurückversetzt, nahm Hartmann noch ein Medizinstudium auf; gleichzeitig wirkte er 1602 als Dekan der Philosophischen (Artisten-)Fakultät. 1607 wurde Hartmann zum »Doctor medicinae« promoviert und legte dem Landgrafen bereits ein Jahr später den Plan für ein »Collegium chymicum« vor, an dem alchemische und paracelsische, also chemiatrische, Lehrinhalte vermittelt werden sollten. 1609 erfolgte seine Einsetzung als »Professor pu-blicus chymiatriae« (3). Mit Hartmann hatte Moritz von Hessen einen fähigen Hochschullehrer gefunden, der dem jungen Fach Chemiatrie einen festen Platz an der Universität verschaffte.

Unter »Chemiatrie« (oder »Iatrochemie«) muss man eine ganz in den Dienst der Medizin gestellte Chemie verstehen, mit deren Hilfe Arzneimittel hergestellt wurden. Diese von ihm selbst als »Medicina nova« bezeichnete Medizin hatte Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1492/93 bis 1541), der sich selbst Paracelsus nannte, Zeit seines Lebens propagiert. Er postulierte eine »Drei-Prinzipien-Lehre« (Tria prima), nach der alle Stoffe »Mercurius« (Quecksilber), »Sulphur« (Schwefel) und »Sal« (Salz) enthalten sollten, bei denen es sich aber weniger um fassbare Agenzien, vielmehr um geistige Prinzipien handelte. Diese Lehre des Paracelsus charakterisiert zugleich eine enge Verbindung von Makro- und Mikrokosmos, also zwischen den »äußeren« und »inneren« Gestirnen, wie er auch als Erster einen »ontologischen Krankheitsbegriff« vertrat, der sich beispielsweise in der Bezeichnung der »tartarischen« Krankheiten zeigt. Zudem sollte nach Paracelsus in jedem Arzneimittel ein nichtstoffliches Wirkprinzip, das »Arcanum«, existieren. Dabei wies er insbesondere auf die Kraft anorganisch hergestellter Stoffe hin, die überwiegend aus Mineralien oder Metallen durch Feuerkraft gewonnen werden konnten. Im Mittelpunkt der Arzneimittelherstellung stand damit die Destillation, bei der ein flüchtiger »Spiritus«, also ein »Geist«, aus einem festen Körper gezogen wurde. Bei der Destillation eines Metalls erfolgte nach Paracelsus die Trennung in einen Rückstand, den er als »Sal« bezeichnete, und ein Destillat, das aus »Sulphur« und »Mercurius« bestehen sollte (4).

 

Die Paracelsisten

 

Die Veröffentlichung, Übersetzung und Propagierung der Lehren des Paracelsus, beispielsweise durch Adam von Bodenstein (1528 bis 1577) und Michael Toxites (1514 bis 1581), stieß vor allem beim Adel und Patriziat auf großes Interesse (5). Schon bald spaltete sich die Medizin in »Galenisten« und »Paracelsisten«, die sich als unversöhnliche Gegner zeigten, so wie beispielsweise der Heidelberger Medizinprofessor Thomas Erastus (1524 bis 1583) als erbitterter Feind des Paracelsus agierte (6). Alchemie und Paracelsismus wurden bald an vielen Höfen gepflegt, und insbesondere Kaiser Rudolph II. (1552 bis 1612) erwies sich als ihr Förderer (7).

 

Doch auch am Kasseler Hof unter Landgraf Moritz fanden Alchemie und Paracelsismus Beachtung. Moritz beauftragte Hartmann, als »mathematicus« Horoskope zu erstellen (8), und Hartmann selbst schloss 1607 mit dem Dillenburger Alchemiker Heinrich Daubner einen Vertrag über alchemische Prozesse, der aber im Streit endete. Moritz’ Begeisterung für die Alchemie belegen auch einige von ihm erhalten gebliebene Zeichnungen von Öfen und Laboratorien (2).

 

Seine Leibärzte Jacob Mosanus (1564 bis 1619) und Hermann Wolf (1562 bis 1619) pflegten Kontakte zu dem Coburger Alchemiker Andreas Libavius (nach 1555 bis 1616) sowie zu Josephus Quercetanus (Joseph Du Chesne, um 1544 bis 1609), Leibarzt des französischen Königs Henri IV. Landgraf Moritz selbst unterhielt, wie auch Hartmann, Beziehungen zu Johann Thoelde (vor 1565 bis 1624), dem Herausgeber des »Triumphwagen Antimonii« eines anonymen Mönches Basilius Valentinus (2, 9). Dieses Werk erschien zu einer Zeit, in der der »Antimonstreit« in Deutschland und Paris tobte. Die Antimon-Verbindungen, die von Paracelsus nur gelegentlich innerlich angewandt worden waren, erfreuten sich bei den Chemiatern des 16. und 17. Jahrhunderts einer steigenden Beliebtheit, wobei sich diejenigen Ärzte als Chemiater bezeichneten, die in der Nachfolge des Paracelsus vornehmlich Metallverbindungen als Arzneimittel einsetzten.

 

Medizinprofessoren in Marburg

 

1604 fiel nach dem Tod Landgraf Ludwigs von Hessen-Marburg die Universität Marburg an Hessen-Kassel und unterstand fortan dem neuen Landesherrn Moritz, der dem reformierten Glauben anhing. Er zwang die Lutheraner, ihre Professuren aufzugeben. Einige lehrten später an der 1607 neu gegründeten lutheranischen Universität Gießen, andere wanderten aus oder gingen in den Ruhestand. Nach F. Krafft setzte sich nach dem Wechsel des Landesvaters die Medizinische Fakultät wie folgt zusammen: Von 1608 bis 1624 lehrte Nicolaus Braun (1558 bis 1639) als erster Professor der Medizin; Johannes Hartmann war von 1609 bis 1621 als zweiter Professor und Heinrich Petraeus (1589 bis 1620) von 1609 bis 1620 als Anatom tätig, während Rudolf Goclenius d. J. (1572 bis 1621) von 1608 bis 1611 die »Physica«, die teilweise zur philosophischen (Artisten-) Fakultät gehörte, vertrat, 1611 aber gleichfalls zum Professor der Medizin ernannt wurde (3). Als Anhänger eines neuplatonischen Paracelsismus verteidigte er die sogenannte »Waffensalbe«, mit der man nicht die Wunde, die durch eine Waffe hervorgerufen worden war, sondern das Schwert oder den Speer mit der Salbe behandelte, die aus der Entfernung heilen sollte (10). Wie Hartmann wirkte auch Heinrich Petraeus als Chemiater in der Lehre und war darum bestrebt, den Galenismus mit dem Paracelsismus zu versöhnen (3). Seit 1606 lehrte in Marburg ebenfalls der aus Zürich stammende Professor der Theologie Raphael Egli (Eglinus) (1559 bis 1622), genannt Iconius, der als vom Landgrafen protegierter praktizierender Alchemiker verschiedene Schriften, unter anderem 1606 eine die Alchemie verteidigende »Disquitio de Helia Artista«, herausgab (11).

 

Einen heftigen Streit löste der Paracelsismus an der Pariser Alma mater aus, als Joseph Du Chesne, Calvinist, Chemiater und seit 1601 Leibarzt von Henri IV., um Aufnahme in die Medizinische Fakultät nachsuchte. Sein Werk »De priscorum Philosophorum verae medicinae materia« von 1603 führte zu einer Flut von Streitschriften, die er vor allem mit seinem Gegner Jean Riolan d. Ä. (1539 bis 1605) wechselte. 1606 verbrachte Du Chesne zwei Monate bei Andreas Libavius in Coburg und korrespondierte auch mit Hartmann. Unterstützung fand er im zweiten Leibarzt des Königs, dem Genfer Calvinisten Theodor Turquet de Mayerne (1573 bis 1655). In diesen Streit an der Pariser Medizinischen Fakultät mischte sich neben vielen anderen auch Andreas Libavius mit seiner »Alchymia Triumphans« (1607) ein, in der er für die Chemiatrie eintrat. Henri IV. befahl schließlich 1608 der Fakultät, seine chemiatrischen Leibärzte aufzunehmen (12).

 

Theoretische Ausbildung

 

Erheblichen Einfluss übte auf Hartmann das 1575 erschienene Werk »Ideae Medicinae« des dänischen Paracelsisten Petrus Severinus (1540/42 bis 1602) aus, der eine eigene Theorie der »semina« aufgestellt hatte, die Gesundheit und Krankheit des Körpers steuern sollten (13). Ebenso wurde Hartmann von der 1609 erschienenen »Basilica Chymica« des Oswald Croll (um 1560 bis 1608), Arzt, Diplomat und Paracelsist aus Wetter bei Marburg, geprägt, zu deren dritter Ausgabe (vor 1611) er ein Geleitwort und einen 1634 posthum erschienenen Kommentar verfasste (3, 14). Diese Texte brachten ihn ebenso wie die seit 1611 veröffentlichten zahlreichen Dissertationen zu chemiatrischen Themen bei den Galenisten in Verruf (3, 15).

1633 erschien posthum die »Praxis Chymiatrica«, eine Rezeptsammlung mit ausführlich beschriebenen Herstellungsmethoden. Für die Wirkmächtigkeit dieses Werkes spricht, dass nach der ersten Ausgabe, die Johann Hartmanns Sohn Georg Eberhard und der Leipziger Mediziner Johann Michaelis (1606 bis 1667) besorgt hatten, bis 1659 fünf weitere folgten (16).

 

Der sicherlich bekannteste (Al-)Chemiker der Zeit war Andreas Libavius, Arzt und Schulmeister. 1591 hatte er die Anstellung als Stadtphysicus in Rothenburg ob der Tauber inne, ehe er 1605 das Rektorat am »Gymnasium Academicum Casimirianum« in Coburg übernahm. Libavius lehnte jede Vermischung der (Al-)Chemie mit Astrologie oder Dämonenglauben ab und bekannte sich als entschiedener Antiparacelsist. Der ersten Ausgabe seines Lehrbuchs »Alchemia«, das 1597 erschien, folgte bereits 1606 eine zweite als »Alchymia«, doch war bereits 1602 eine deutsche Ausgabe unter dem Titel »Alchymistische Practic« zum Druck gelangt. Darüber hinaus schrieb Libavius zahlreiche weitere Bücher, die sich zum großen Teil dem Kampf gegen den Paracelsismus widmeten. So nannte er beispielsweise Hartmann, mit dem er noch 1598 freundschaftlich korrespondiert hatte, später einen »Hermes Hartmannicus« oder den »Hermes Marburgicus«.

In der »Alchymia« findet sich die Beschreibung eines von ihm geplanten Instituts mit Laboratorien (17), das Hartmann vielleicht als Vorbild für seinen Plan eines eigenen Labors gedient haben mag.

 

Unterricht unter Hartmann

 

Neben theoretischem Unterricht erteilte Hartmann ab 1609 auch für Medizinstudenten Laborunterricht. In seinem »Laboratorium chymicum publicum«, das sich in einigen Räumen des alten Barfüßerklosters am Plan befand, vermittelte er Kenntnisse in der Herstellung chemiatrischer Arzneimittel. In der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg wird die Abschrift eines Tagebuches aus dem Jahre 1615 aufbewahrt, das über dieses Laborpraktikum ausführlich berichtet. Im Anschluss an einen Index der im Tagebuch behandelten Heilmittel folgen die »Vorschriften des öffentlichen chemisch-medizinischen Laboratoriums der Akademie Marburg«. Im Humanistenlatein werden die »Jünger der ernsten Kunst Apolls, die dieses ärztliche Heiligtum besuchen, aufgefordert, sich der Frömmigkeit und Nüchternheit« zu befleißigen, »Mantel und Degen außerhalb der beiden Laboratorien zu lassen« und zum Schutz ihrer Kleidung einen leinenen Schurz zu tragen. Im Laboratorium hatten sie sich alles genau anzusehen und Fragen zu stellen, »aber mit Bescheidenheit und ohne den Leiter zu belästigen«. Sie wurden weiterhin zu Fleiß und Wohlverhalten ermahnt und aufgefordert, »Zusammenstöße mit den Dienern zu vermeiden und weder mit Gewalt noch mit List etwas von ihnen zu erpressen«. Intensiv sollen sie sich ferner mit den chemischen Gerätschaften, dem Aufbau der Öfen, den Formeln für die Stoffe und deren Zubereitung vertraut machen. »Lärm, Geschrei, Trinkereien, Schlaf und Streit« waren nicht erlaubt. Zugleich forderte Hartmann sie auf, alles »was sie gesehen, gehört, erfahren und sich erarbeitet« hatten, für sich zu behalten und insbesondere Unwürdigen nicht zu erzählen, vielmehr sollte jeder »das für sich behalten und zum Nutzen seines bedürftigen Nächsten verwenden« (18).

Das eigentliche Tagebuch beginnt mit der Beschreibung der Herstellung des Opiums und des Laudanum opiatum sowie des englischen Trinkgoldes. In einem vorangestellten förmlichen Vertrag verpflichtete sich Hartmann zunächst, den Teilnehmern die Herstellung nicht nur zu erläutern, sondern ihnen die Bearbeitung der einzelnen Ingredienzen zu zeigen, die chemischen Ausdrücke und etwaigen Unklarheiten genau zu erklären, währenddessen die Teilnehmer Stillschweigen über alles, was ihnen Hartmann anvertraute, zu wahren hatten.

 

Obwohl Hartmann bereit war, seinen Unterricht unentgeltlich zu erteilen, erklärte er, dass jeder Teilnehmer ein seinen Mitteln gemäßes Honorar zahlen solle, das mit Dank angenommen werde (16). Nicht jeder Teilnehmer von Hartmanns Kursen akzeptierte diese Bedingungen: So warnte der dänische Paracelsist Ole Worm (1588 bis 1654) einen seiner Schüler vor Hartmanns Vertrag und verwies auf eigene schlechte Erfahrungen: »Av egen bitter Erfaring kender jed Hartmann«. Worm wandte sich stattdessen Petraeus zu, ging als überzeugter Lutheraner aber bald nach Gießen (19). Worms Verhalten war aber wohl die Ausnahme. Viele Medizinstudenten aus aller Herren Ländern verfielen dem »Zauberwort Chymiatria« (3), so Studenten aus Schlesien, Böhmen, Österreich, der Schweiz, Frankreich, England, Dänemark, Schweden und Polen. Die Anzahl der Medizinstudenten und der Promotionen zum Dr. med. stiegen zu Hartmanns Zeit bis 1618 stark an: Hatte die Anzahl der Medizinstudenten in Marburg zwischen 1600 und 1606 noch zwischen einem und acht betragen, so stieg sie während Hartmanns Wirkungszeit bis auf 28 an, um dann 1623 wieder auf zwei abzusinken.

Parallel zum Laborpraktikum hielt Hartmann 1615 eine Vorlesung über das Opium, die 1635 unter dem Titel »Tractatus Physico-Medicus de Opio, a claro Viro Joh. Hartmanno« von Johann Georg Pelshofer in Wittenberg veröffentlicht wurde (3). Über die einzelnen Arbeiten berichtet das Labortagebuch jeweils für den Zeitraum vom 10. Juli bis zum 10. September 1615 sowie vom 6. November 1615 bis zum 10. Januar 1616. Am 10. Juli begannen die Studenten zunächst mit der Herstellung des Laudanum opiatum, bei dem ein Pfund bestes, in Stücke geschnittenes Opium in eine oder mehrere Schüsseln gelegt und auf einem Sandbad »der unzeitige und stinkende Schwefel« allmählich verdampft wurde, bis es einen angenehmen Geruch von sich gab und sich zwischen zwei Fingern verreiben ließ. Die auf einem Reibstein zerriebene Masse zog man anschließend mit destilliertem Essig bei gelindem Feuer aus, filtrierte und dickte die Masse wieder ein und fügte zu einer Unze (circa 30 Gramm) je eine halbe Korallen- und Perlenmagisterium sowie zwei Drachmen Crocusextrakt hinzu und mischte alles zu einer Masse, aus der Pillen geformt werden konnten. Bis zum 10. September werden Tag für Tag die einzelnen Arbeitsschritte erläutert, wobei auch Misserfolge und deren Ursachen Erwähnung finden. Die Herstellung von 27 Unzen Laudanum nahm insgesamt sechs Wochen in Anspruch.

 

Nebenher widmeten sich die Studierenden, um die Zeit besser auszunutzen, aber zugleich dem Anfertigen anderer Präparate wie englischen Trinkgoldes, eines Spiritus antiepilepticus, der aus Spiritus vitrioli und Harn von Knaben, die Wein getrunken hatten, bereitet wurde, sowie des Arcanum cardui benedicti und Lapis prunellae. Ab dem 11. August stellte man schließlich noch Antimonpräparate her. Unter den nach dem 23. August bereiteten Arzneimitteln finden sich aber auch Mercurius dulcis sowie ein Wasser gegen Herzklopfen, für das neben zahlreichen pflanzlichen Drogen auch das Herz eines gefangenen Hirsches benötigt wurde. Zwischen dem 16. November 1615 und dem 10. Januar 1616 widmete man sich dann überwiegend der Herstellung von chemiatrischen Arzneimitteln aus der »Basilica chymica« des Oswald Croll. Die angefertigten Arzneimittel wurden zur Finanzierung der Unterrichtsveranstaltungen verkauft (16).

 

Hartmann und die Rosenkreuzer

 

Hartmanns Stern geriet durch seine angebliche Nähe zu den Rosenkreuzern ins Wanken. 1614 erschienen in Kassel mit Billigung des Landgrafen Moritz die »Fama Fraternitatis« und 1615 die »Confessio« einer angeblichen »Bruderschaft des R[osen]C[reuzes]«, die eine Reform der Wissenschaften nach hermetisch-neuplatonischen Grundsätzen forderte und sich an den Paracelsismus anlehnte. Als dritte Rosenkreuzerschrift folgte 1616 gleichfalls in Kassel die »Chymische Hochzeit«. Als Urheber und Initiator aller Schriften bekannte sich ein Kreis um den Tübinger Theologen Johann Valentin Andreæ (1586 bis 1654) (20). Als entschiedener Gegner der Rosenkreuzer trat Andreas Libavius auf: Er beschuldigte Hartmann in einem »Bedencken über dem Gesicht bey Marburg/ bey S. Elisabethen Muhl auff der Lahn/ Anno 1615 im Octobri« (21), gemeinsam mit Oswald Croll die »Bruderschaft R. C.« ins Leben gerufen zu haben. Dabei nahm Libavius geschickt Bezug auf die Schrift »Liber de nymphis« des Paracelsus, um die verhassten Paracelsisten und Chemiater anzugreifen (22).

Diese Vorwürfe des Libavius mögen auch dazu beigetragen haben, Hartmanns Ruf zu beschädigen. Eine zunehmende Entfremdung vom Kasseler Hof und dem Landgrafen »in alchemicis« – Hartmann verneinte die Möglichkeit der Transmutation ebenso wie den »Stein der Weisen« (3) – war indes ebenso entscheidend wie ein 1618 seitens der Universität angestrengter Prozess wegen des Todes eines Adeligen, der durch übermäßigen Gebrauch von Purgativa verstorben war (2). 1621 beorderte Moritz Hartmann von der Marburger Universität zurück nach Kassel als seinen Leibarzt. Dort lehrte er ab 1629 bis zu seinem Tod 1631 an der »Academia Casselana« (2, 3, 23).

 

Resümee

 

Warum entstand gerade an der Marburger Universität vor 400 Jahren der erste Lehrstuhl für Chemiatrie? Zum einen gibt es dafür einige äußere Gründe: Moritz von Hessen war als vielseitig interessierter und gelehrter Fürst, ein Förderer sowohl der Alchemie als auch der Chemiatrie. Außerdem bot die kleine Universität Marburg die Möglichkeit für Innovationen wie die Einführung eines neuen Faches; da auch die medizinische Fakultät sehr klein war, blieb der Widerstand gering. Die Medizinische Fakultät hatte zudem nur wenige Studenten, so dass man mit einer solchen Innovation nur einen Aufschwung erzielen konnte – eine Hoffnung, die sich mit der Einsetzung Hartmanns als »Professor publicus chymiatriae« auch erfüllte.

 

Schließlich lagen die Gründe für den Erfolg auch in der Person Johannes Hartmanns, der als Mann der Praxis, als ehemaliger Buchdrucker, besonderes Interesse an praktischen Fertigkeiten, also auch am (al-)chemischen Arbeiten im Labor hatte. Als »Späteinsteiger« in die Medizin stand er der »Nova Medicina« des Paracelsus wohl offener gegenüber als andere Medizinprofessoren, die bereits seit Jahrzehnten die arabistische und galenische Tradition lehrten.

 

Nach Hartmann versanken die Chemiatrie und damit auch die Fächer Chemie und Pharmazie schnell in der Bedeutungslosigkeit. Erst im 19. Jahrhunderts erfolgte ein erneuter Aufschwung dieser Fächer. /

Quellen und Literatur

 

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Siehe vor allem Schmitz, R., Die Naturwissenschaften an der Philipps Universität Marburg 1527-1977, Marburg 1978, S. 193-202.

Zu Moritz von Hessen siehe Moran, B. T., The alchemical world of the German court. Occult philosophy and chemical medicine in the circle of Moritz of Hessen (1572-1632), Stuttgart 1991 (Sudhoffs Archiv, Beiheft 29).

Siehe dazu Krafft, F., Das Zauberwort Chymiatria – und die Attraktivität der Marburger Medizin-Ausbildung 1608-1620. Eine etwas andere Frequenzbetrachtung, in: Medizinhistorisches Journal 44 (2009), 130-178.

Siehe als Überblick zur Lehre des Paracelsus zusammenfassend Friedrich, Ch., Müller-Jahncke, W.-D., Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Eschborn (Geschichte der Pharmazie/R. Schmitz 2), 280-285.

Bisher unübertroffen die Darstellungen bei Kühlmann, W., Telle, J. (Hrsg), Der Frühparacelsismus. 2 Teile, Tübingen 2001-2004 (Corpus Paracelsisticum Bde. 1-2).

Zu Erastus siehe Telle, J., [Artikel] Erastus, Thomas, in: Literaturlexikon. Autoren und Werke in deutscher Sprache. Hrsg. v. Walther Killy. 1. Aufl., Bd. 3, Gütersloh u. München 1989, S. 281f.

Zu Rudolph II. siehe Evans, R. J. W., Rudolf II. Ohnmacht und Einsamkeit. Graz, Wien u. Köln 1980.

Laut freundlicher Auskunft von Herrn Prof. Dr. Rainer Polley wird im Hauptstaatsarchiv Marburg eine Akte aufbewahrt, die über den Büchernachlass von Landgraf Moritz berichtet, in dem sich auch ein Werk Hartmanns mit dem Titel »Astrologiae Judiciariae seu Doctrina Genethliacae pars prima et secunda« befunden haben soll.

Lenz, H. G. (Hrsg.), Triumphwagen des Antimons. Basilius Valentinus. Kerckring, Kirchweger Text, Kommentare, Studien, Elberfeld 2004 sowie durchaus konträr Telle, J., [Artikel] Basilius Valentinus (wie 6), 2. Aufl. Bd. 1, 2008, S. 348-350.

Vgl. Müller-Jahncke, W.-D., Magische Medizin bei Paracelsus und den Paracelsisten: Die Waffensalbe, in: Dilg, P. u. Rudolph, H., Resultate und Desiderate der Paracelsus-Forschung, Stuttgart 1993, S. 43-55 (Sudhoffs Archiv, Beiheft 31).

Zu Egli siehe Moran (wie 2), 40-46 sowie Telle, J., Der 'Sermo philosophicus'. Eine deutsche Lehrdichtung des 16. Jahrhunderts über den Mercurius philosophorum, in: Friedrich, Ch., Bernschneider-Reif, S. (Hrsg.), Rosarium Litterarum. Beiträge zur Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte. Festschrift für Peter Dilg zum 65. Geburtstag, Eschborn 2003, S. 285-309.

Siehe dazu ausführlich Kahn, D., Alchimie et Paracelsisme en France à la fin de la Renaissance (1567-1625), Genf 2007, S. 357-373 (Cahiers d’Humanisme et Renaissance, Bd. 80).

Zu Petrus Severinus siehe Shackelford, J., A philosophical path for paracelsian medicine. The ideas, intellectual context, and influence of Petrus Severinus (1540/2-1602), Kopenhagen 2004, S. 295f. sowie Moran, B. T., Chemical pharmacy enters the university. Johannes Hartmann and the didactic care of Chymiatria in the early seventeenth century, Madison 1991, S. 24-31.

Bibliographie der Schriften Crolls in Kühlmann, W., Telle, J. (Hrsg.), Oswaldus Crollius. De signaturis internis rerum. Die lateinische Editio princeps (1609) und die deutsche Erstübersetzung (1623), Stuttgart 1996, S. 255 u. 259-262 (Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit, Bd. 59).

Krafft, F., Die Medizinstudenten der Universität Marburg der Jahre 1600–1620. Prosopographische Studien zu einer bislang unbemerkten Blütezeit ihrer Medizinischen Fakultät, Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen 28 (2009), S. 147-185.

Friedrich, Ch., Die Geburt zweier Wissenschaften, in: Marburger UniJournal Nr. 33 (2009), 12-14; hier S. 13.

Zu Libavius s. Müller-Jahncke, W.-D., [Artikel] Andreas Libavius (wie 6), 262f. sowie Moran, B. T., Andreas Libavius and the transformation of Alchemy. Seperating chemical cultures with polemical fire, Sagamore Beach 2007.

Das Labortagebuch wurde zuerst ausgewertet von Ganzenmüller, W., Das chemische Laboratorium der Universität Marburg im Jahre 1615, in: Ganzenmüller, W., Beiträge zur Geschichte der Technologie und der Alchemie, Weinheim 1956, S. 314-322; s. weiterhin Schmitz (wie 1), Moran (wie Anm. 13), Krafft (wie 3) sowie Friedrich (wie 16), 14, dessen Studie die folgenden Zitate entstammen.

Shackelford (wie 13), 326.

Siehe zu Andreae und seinem Kreis Gilly, C., Cimelia Rhodostaurotica. Die Rosenkreuzer im Spiegel der zwischen 1610 und 1660 entstandenen Handschriften und Drucke, Amsterdam 1991, S.43-65 u. 68-85.

Moran (wie 2), 94.

Pörksen, G. (Hrsg.), Theophrastus von Hohenheim. Das Buch von den Nymphen, Sylphen, Pygmaeen, Salamandern und den übrigen Geistern. Faksimile der Ausgabe Basel 1590, Marburg/Lahn 1996.

Laut freundlicher Mitteilung der Leiterin des Universitätsarchivs Marburg, Frau Dr. Katharina Schaal, sind im Archiv Bestände gefunden worden, die neue Einzelheiten über Hartmanns Fortgang von Marburg eröffnen könnten.

 

Anschriften der Verfasser

 

Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke

Lindenstraße 11

57548 Kirchen/Sieg

mueja(at)t-online.de

 

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg

ch.friedrich(at)staff.uni-marburg.de

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