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Bakteriurie

Keine Symptome, keine Antibiotika

21.12.2016
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Der Nachweis von Bakterien im Urin rechtfertigt in der Regel keine antibiotische Therapie, wenn der Patient keine Beschwerden hat. Die Kolonisation kann sogar nützlich sein.

»Man muss genau unterscheiden zwischen einer Bakteriurie und einem Harnwegsinfekt«, sagte Professor Dr. Kurt Naber von der TU München bei einer Pressekonferenz des Komitees Forschung Naturmedizin (KFN) in München. Nicht jede bakterielle Besiedlung bereite dem Patienten Beschwerden. Allerdings könnten auch geringe Keimzahlen, zum Beispiel bis zu 100 uro-­pathogene Escherichia coli pro ml Urin, schon eine Zystitis auslösen.

Hat der Patient Keime im Urin, aber keine Beschwerden, seien Antibiotika nicht indiziert. Daher sei ein Screening auf Bakteriurie, zum Beispiel bei Vorsorgeuntersuchungen, nicht sinnvoll, sagte der Urologe. Ausnahmen: in der Schwangerschaft und vor traumatisierenden urologischen Eingriffen.

 

»Bei einer asymptomatischen Bakteri­urie können Antibiotika mehr schaden als nützen«, sagte Naber. Klinische Studien bei Frauen aller Altersstufen hätten keinen Vorteil einer Antibiose gezeigt. Es könne sogar sein, dass symptomatische Harnwegsinfekte (HWI) häufiger auftreten, wenn die Bakteriurie behandelt wird. Das wird mit der bakteriellen Interferenz erklärt: Wird eine Kolonisation mit wenig virulenten Bakterien abgetötet, entsteht Platz für pathogene Keime.

 

Auch bei Patienten, die einen Katheter tragen, sollte man eine symptom­lose Bakteriurie nicht behandeln, riet der Arzt. Bei Beschwerden, zum Beispiel Fieber oder Schmerzen, empfahl er eine Antibiose mit dem Ziel der Symptomlinderung. Natürlich müsse man den Blasenkatheter wegen des daran anhaftenden Biofilms ziehen und solle dessen Indikation überprüfen.

 

Sind bei einer akuten unkomplizierten Zystitis Antibiotika angezeigt, sollte der Arzt ältere Wirkstoffe auswählen. Dazu zählen Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin, Pivmecillinam und Nitroxolin. Fluorchinolone und Cephalosporine sollten wegen steigender Resistenz­raten nicht verordnet werden.

 

Ein anderer Ansatz ist es, nicht die Bakterien, sondern die inflammatorische Reaktion des Körpers zu behandeln. Gemäß einer 2015 im »British Medical Journal« publizierten Studie mit 494 Frauen mit unkomplizierter HWI konnte Ibuprofen (dreimal täglich 400 mg über drei Tage) die Beschwerden ebenfalls lindern, aber nicht so rasch und effektiv wie eine Einmalgabe von 3 g Fosfomycin-Trometamol (DOI: 10.1136/bmj.h6544).

 

Auch mit Phytotherapeutika, zum Beispiel einer Kombination von Tausendgüldenkraut, Liebstöckel und Rosmarinblättern, könne man leichte HWI-Beschwerden lindern, so der Arzt. Derzeit laufe eine Phase-III-Studie mit dem Präparat Canephron® N. /

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