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Arzneimittelfälschungen

Das falsche Geschenk

16.12.2008
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Arzneimittelfälschungen

Das falsche Geschenk

Von Astrid Kaunzinger

 

Im Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker sind in den vergangenen Wochen vermehrt Arzneimittelfälschungen zur Untersuchung vorgelegt worden. Meist wurden diese Mitbringsel von Kunden nach ihrem Urlaub, bevorzugt in Ägypten und der Türkei, hierzulande an die Apotheker mit der Bitte abgegeben, den Inhalt zu prüfen. Aus gegebenem Anlass warnt das ZL vor diesen Fälschungen.

 

Zum Fest der Liebe noch schnell ein passendes Geschenk - zauberhafte Idee. Und so günstig wie nie. Aus verschiedenen Quellen konnten wir erfahren, dass die abgebildete 30er-Packung Cialis zum Beispiel für schlappe 100 Euro in einer ausländischen Apotheke erstanden wurde. Was für ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass der reguläre Preis in Deutschland für vier Tabletten circa 60 Euro beträgt. Im Internet sieht es nicht viel anders aus: Cialis (Auslobung: »Original«) in der 30er-Box sind für 290 Euro zu haben, als Generikum schon für 183 Euro und vor Weihnachten noch reduziert auf 151 Euro. Da muss man doch zugreifen, oder? Besser nicht: Denn wie Zl-Analysen zeigen, ist selten das »drin, was draufsteht«.

 

Mit viel Glück wurde in den gefälschten Arzneimitteln »nur« der Wirkstoff vergessen. Im Falle von Viagra und Co tut das nicht wirklich weh und außer einem finanziellen und dem etwaigen sexuellen Verlust, ist die gesundheitliche Gefährdung, die mit der Einnahme solcher Placebo-Pillen verbunden ist, eher gering.

 

Anders sieht das aus, wenn deklarierte Dosierungen nicht zutreffend sind oder gar andere Wirkstoffe verarbeitet wurden. So fanden wir in den eingesendeten Cialis-20-mg-Packungen Tabletten vor, die in Farbe, Form, Prägung und Größe dem »Original« sehr ähnlich waren. Im Gewicht durfte es ein wenig mehr sein, dafür konnte der im Original vorhandene Wirkstoff Tadalafil chromatografisch gar nicht nachgewiesen werden. Stattdessen konnten wir den Viagra-Inhaltsstoff Sildenafil identifizieren.

 

Neben einzelnen Mustern von gefälschten Viagra-Einsendungen, in denen das ZL 200 Prozent des deklarierten Wirkstoffes bestimmte, war in manchen Propecia-Imitaten der Wirkstoff Finasterid sogar 5-fach überdosiert. In den meisten Viagra-Fälschungen konnten wir »nur« 20 bis 60 Prozent des deklarierten Gehaltes nachweisen. Aber auch das kann zu einer Gefährdung führen. Nämlich dann, wenn der Patient irgendwann doch das Original erwischt und es genauso dosiert wie die ebenso deklarierte, aber unterdosierte Fälschung.

 

Ob Tadalafil oder Sildenafil? 0b 20 mg oder 200 mg Dosierung? Ist das nicht alles das Gleiche? Kommt es denn wirklich darauf an? Auf die Gefahren, die von derart gefälschten Arzneimitteln ausgehen, muss an dieser Stelle wohl nicht noch einmal explizit hingewiesen werden.

 

Erschütternd ist, wie schnell sich dieser Markt entwickelt: 2005 wurden vom Zoll gefälschte Medikamente im Wert von 500.000 Euro sichergestellt, 2006 stieg die Zahl auf 2,5 Millionen Euro, 2007 auf stolze 8,3 Millionen Euro. Und 2008? Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Arzneimittelfälschungen lukrativer sind als Drogenhandel. Vielleicht ist das Umfeld weniger »blutig«, aber nicht minder risikoreich und gefährlich.

 

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