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HIV-Übertragung

Infektionsverstärker im Sperma

17.12.2007  14:40 Uhr

HIV-Übertragung

Infektionsverstärker im Sperma

Von Christina Hohmann

 

Ein Protein im menschlichen Sperma kann die Infektiosität von HI-Viren um den Faktor 1000 erhöhen. Ulmer Forscher entdeckten amyloide Fibrillen, die den Erreger binden und ihm den Eintritt in die Zelle erleichtern.

 

Etwa 80 Prozent der HIV-Infektionen gehen auf Geschlechtsverkehr zurück, vor allem auf das Sperma von infizierten Männern. Daher untersuchen Forscher schon seit einer Weile die Rolle des Ejakulats für die Übertragung der Erreger. Dabei konzentrierten sie sich vor allem auf die Zahl und Art der Viren im Sperma. Nun entdeckte eine Forschergruppe um Professor Dr. Frank Kirchhoff und Professor Dr. Jan Münch von der Universität Ulm ein körpereigenes Protein, das den Viren beim Eintritt in die Zielzelle hilft.

 

Schon im April dieses Jahres hatten die Forscher mit einer Entdeckung für Aufsehen gesorgt. Im menschlichen Blut hatten sie ein Eiweißmolekül gefunden, das HI-Viren daran hindert, Körperzellen zu befallen. Daraufhin suchten sie nach Proteinen im Sperma, die die Infektiosität der HI-Viren beeinflussen. Sie isolierten Peptide und Protein-Fragmente aus dem Ejakulat und untersuchten sie in Zellkulturversuchen. Ein Eiweiß zeigte dabei einen besonders starken, aber gegenteiligen Effekt: die saure Phosphatase (PAP). Das in Massen in der Spermienflüssigkeit vorhandene Protein lagert sich zu amyloiden Fibrillen zusammen, die die Forscher als »semen-derived enhancer of virus infection« (SEVI) bezeichnen. Diese Fibrillen binden an HI-Viren, verstärken deren Anheftung an die Wirtszelle und erleichtern das Verschmelzen der Virushülle mit der Zellmembran, berichten die Forscher im Fachjournal »Cell« (Band 113, Seiten 1095 bis 1071). Je nach Versuchsansatz steigerten sie die Infektiosität der Erreger um das 30- bis 400.000-Fache. »In Gegenwart von SEVI benötigten wir nur wenige Viruspartikel, um Zellen zu infizieren - mehr als 1000-fach weniger als sonst«, sagte Kirchhoff. Angesichts dieses Verstärkereffekts und der hohen Konzentration des Vorläufermoleküls PAP im Sperma halten die Forscher es für wahrscheinlich, dass die Fibrillen für die sexuelle Übertragung von HIV eine wichtige Rolle spielen. Die normalerweise im Sperma vorhandene Viruskonzentration würde nicht für eine erfolgreiche Infektion ausreichen, schreiben die Forscher. Auch andere Erreger scheinen sich diesen Mechanismus zunutze zu machen und sich der Fibrillen als Türöffner zu bedienen.

 

Die Ergebnisse verbessern nicht nur das Verständnis der sexuellen Transmission von HIV, sondern könnten auch helfen, eine neue Möglichkeit der Prävention zu entwickeln. Derzeit suchen die Forscher nach Substanzen, die die Ausbildung der Fibrillen verhindern oder zumindest deren verstärkende Wirkung blockieren.

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