Pharmazeutische Zeitung online
Infektionen

Test weist Hunderte Viren simultan nach

10.06.2015
Datenschutz bei der PZ

Von Lisa Krassuski, dpa / Forscher haben einen Test entwickelt, um mit einem Tropfen Blut festzustellen, welchen Viren ein Mensch in der Vergangenheit ausgesetzt war. Bei klassischen Tests kann nur nach einem Erreger auf einmal gesucht werden, bei Vir-Scan hingegen ist dies simultan für Hunderte Viren möglich.

Das Team um Professor Dr. Stephen Elledge von der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, machte sich das Prinzip der Antikörper-Epitop-Bindung zunutze. Zunächst schleuste es DNA-Abschnitte von 1000 Subtypen von insgesamt 206 humanpathogenen Virursarten in Bakteriophagen ein. Diese Bakterien infizierenden Viren wandelten die Erbgut-Informationen in virale Proteine um, die sie an ihrer Oberfläche als Epitope zeigten. Nun wurden die Phagen mit einer Blutprobe eines Patienten in Kontakt gebracht. Hatte sich der Patient früher mit einem bestimmten Virus infiziert, etwa HIV, so befanden sich Antikörper gegen das Virus im Blut. Diese Antikörper dockten an die Phagen mit HIV-Proteinen an. Alle anderen Phagen ohne gebundenen Antikörper wurden im nächsten Verfahrensschritt entfernt.

 

Im Schnitt zehn Infektionen

Zuletzt analysierten die Forscher das Erbgut der verbliebenen Phagen. So konnten sie nicht nur herausfinden, mit welchen Viren sich der Patient infiziert hatte, sondern auch an welches Viren-Epitop die Antikörper gebunden hatten. Die Experten untersuchten so Blutproben von 569 Menschen aus den USA, Südafrika, Thailand und Peru.

 

Dabei konnten sie Trends ausmachen: »Im Schnitt entdeckten wir Antikörper gegen zehn Virusarten pro Person«, berichten die Forscher im Fachjournal »Science« (DOI: 10.1126/science.aaa 0698). Bei Kindern wurden in der Regel weniger Antikörper nachgewiesen, was sich den Autoren zufolge dadurch erklären lässt, dass sie einigen Erregern noch nicht ausgesetzt waren, etwa dem Herpesvirus vom Typ 2, das vor allem sexuell übertragen wird. Bei HIV-Positiven konnten die Wissenschaftler überdurchschnittlich viele Antikörper gegen verschiedene Viren nachweisen.

 

Wenig erfolgreich zeigte sich das Verfahren beim Nachweis von Antikörpern gegen besonders kleine Viren. Auch Antikörper gegen Grippeviren oder den Polio-Erreger wurden verhältnismäßig selten entdeckt, obwohl ein Großteil der Bevölkerung im Laufe des Lebens diesen Viren durch eine Infek­tion oder Impfung ausgesetzt ist.

 

Der Präsident der deutschen Gesellschaft für Virologie, Professor Dr. Thomas Mertens, findet die Methode »beeindruckend«, weist jedoch auch auf einige Mängel des Tests hin. Vor allem handele es sich hierbei um ein für epidemiologische Untersuchungen interessantes Verfahren. »Für den praktischen klinischen Alltag sehe ich derzeit noch keinen Nutzen.«

 

Aufwendige Technik

 

»Das ist eine aufwendige, beeindruckende Technik mit der Möglichkeit, wenn man sie weiterentwickelt, große epidemiologische Studien zu machen«, sagte Mertens, der am Universitätsklinikum Ulm arbeitet, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Der Virologe sieht jedoch auch Schwächen der Studie: Zum einen seien die Ergebnisse nicht sonderlich überraschend. Auch die Probandenzahl von 569 Patienten aus vier Kontinenten sei »sehr limitiert«.

 

Ein weiterer Kritikpunkt sei, dass durch Vir-Scan nur sogenannte lineare Epitope erfassbar seien und nicht die weitaus komplexeren diskontinuierlichen Epitope. »Es gibt schon eine gewisse Selektion, die mit diesem Verfahren verbunden ist«, sagt der Experte. Epitope sind Bereiche von Proteinen, die von Antikörpern erkannt werden. Mit linearen Epitopen sind Bereiche gemeint, die aus einer Sequenz direkt aufeinanderfolgender Aminosäuren bestehen. »Dieser Test ist nicht gedacht für die Diagnostik individueller Infektionen. Es geht um Seroepidemio­logie«, sagte Mertens. Den Autoren zufolge kann die Methode in Zukunft vielleicht dabei helfen, nach Zusammenhängen zwischen der Verbreitung von Viren und dem Auftreten bestimmter Krankheiten zu suchen. /

Mehr von Avoxa