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Arzneimittel-Nebenwirkungen

Wenn Medikamente den Schlaf rauben

08.12.2015  15:38 Uhr

Von Christina Müller / Wer nicht schlafen kann, greift oft zu Medikamenten. Doch es geht auch umgekehrt: Manchmal genügt es, bestimmte Arzneimittel wegzulassen oder den Einnahme­zeitpunkt zu verschieben, um nachts wieder zur Ruhe zu kommen.

Nicht selten ist die Einnahme von Medikamenten der Grund dafür, wenn der Schlaf-Wach-Rhythmus aus dem Gleichgewicht gerät. Er wird maßgeblich durch die Botenstoffe Noradrenalin, Acetylcholin, Serotonin, Histamin und Dopamin gesteuert. Daher sind Arzneimittel, die in den Neurotransmitter-Haushalt eingreifen, besonders häufig die Ursache für Schlafstörungen.

Zu diesen Medikamenten zählen etwa Antidepressiva, Neuroleptika, Anti­parkinsonmittel, Antidementiva und Anticholinergika. Je nach Wirk­mechanismus haben die Arzneistoffe eher anregende oder sedierende Effekte. Während Neuroleptika vor allem Dopamin-Rezeptoren blockieren und daher müde machen, erhöhen Anti­parkinsonmittel die dopaminerge Aktivität und beeinträchtigen so den Schlaf oft erheblich.

 

Bestimmte Antidepressiva, ins­besondere die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, können sich ebenfalls negativ auf den Schlafrhythmus auswirken. Abends eingenommen sorgen sie durch den erhöhten Serotoninspiegel häufig für schlaflose Nächte. Das gilt auch für andere Serotonin-freisetzende Stoffe wie das Schmerzmittel Tramadol oder die Wirkstoffklasse der Triptane.

 

Einnahme am Morgen

 

Acetylcholinesterase-Hemmer, die zur Behandlung von Menschen mit Demenz eingesetzt werden, erhöhen durch einen verminderten Abbau die Konzentration von Acetylcholin im synaptischen Spalt. Aufgrund der gesteigerten parasympathischen Aktivität wirken sie sedierend, als häufige Nebenwirkung bei der Einnahme von Donepezil ist jedoch paradoxerweise auch Schlaflosigkeit beschrieben. Anticholinergika wie Tolterodin, Darifen­acin und Solifenacin gelten als Standardtherapeutika bei überaktiver Blase und sind morgens einzunehmen.

 

Sympathomimetika wie Pseudo­ephedrin und Methylphenidat wirken entweder direkt an adrenergen Rezeptoren oder fördern die Freisetzung von Catecholaminen und halten so wach. Daher sollten sie möglichst nicht vor dem Zubettgehen angewendet werden. Dasselbe gilt für Diuretika: Patienten sollten sie morgens einnehmen, um nächtlichen Harndrang zu vermeiden. Auch Schilddrüsenhormone und Glucocorticoide werden morgens oft besser vertragen. Bei Letzteren empfielt sich die Einnahme am Morgen auch wegen des zirkadianen Rhythmus der körper­eigenen Cortisolausschüttung.

 

Betablocker stehen ebenfalls im Verdacht, Ein- und Durchschlafstörungen zu verursachen. Das gilt besonders zu Beginn der Therapie. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Blockade zentraler Rezeptoren die Bildung von Melatonin verhindert. Unter physiologischen Bedingungen setzen adren­erge Nervenendigungen in der Zirbeldrüse in der Dunkelheit Noradrenalin frei, das über β1-Rezeptoren die Aktivität des Enzyms Arylalkylamin-N-Acetyltransferase (AANAT) steuert. AANAT wandelt Serotonin in N-Acetylserotonin um. In einem zweiten Schritt wird das Zwischenprodukt methyliert und es entsteht Melatonin. Eine Hemmung der β1-Rezeptoren führt so womöglich zu einem verminderten Melatonin-Spiegel und damit zu Schlafstörungen.

 

Paradoxe Coffein-Wirkung

 

Vorsicht ist auch bei Coffein-haltigen Analgetika geboten: Das Xanthin- Derivat besitzt eine starke zentral stimulierende Wirkung, Ermüdungserscheinungen werden durch Blockade von Adenosin-Rezeptoren aufgehoben. Bei älteren Personen kann Coffein dagegen durch die verbesserte Durchblutung des Gehirns das Einschlafen fördern. Die abendliche Einnahme von nicht steroidalen Antirheumatika löst zudem bei manchen Anwendern Magenschmerzen aus, die die Schlafqualität beeinträchtigen können. /

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