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Stress und Lippenherpes

Ein psycho-viraler Teufelskreis

10.12.2013
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Von Angelika Buske-Kirschbaum / Stress ist nicht nur einer der wichtigsten Triggerfaktoren für den Ausbruch von Lippenherpes. Umgekehrt ist die Herpes-simplex-Virus-(HSV)-Infektion für viele Betroffene auch ein Auslöser von psychischem Stress. Eine optimale Therapie sollte somit antiviral und stressreduzierend wirken.

Dass Stress einer der wichtigsten Auslösefaktoren des Lippenherpes ist, zeigen mehrere epidemiologische Studien. So belegt die INSTANT-Studie, eine in Frankreich durchgeführte Untersuchung an 1028 Patienten mit regelmäßig auftretendem Lippenherpes, dass Erschöpfung und Stress die wichtigsten Auslösefaktoren einer Herpes-Episode sind. Dabei ist psychischer Stress bei Patienten mit rekurrentem Lippenherpes (mehr als sechs HSV-1-Infektionen pro Jahr) Triggerfaktor Nummer eins. Diese Beobachtung wurde durch andere Untersuchungen bestätigt.

 

So zeigt eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse, dass Stress signifikant die Anzahl von HSV-1-Rekurrenzen erhöht. Dabei ist für den Ausbruch vor allem relevant, wie stark sich eine Person jeweils durch eine kritische Situa­tion gestresst und emotional beeinträchtigt fühlt. Eine Schlüsselfunktion im Zusammenhang von Stress und Lippenherpes haben somit die durch die Belastung ausgelösten negativen Stimmungen und Emotionen. Untermauert wird diese Annahme durch die Ergebnisse einer US-amerikanischen Untersuchung. Demnach leiden Personen, die häufig unglücklich und depressiv verstimmt sind, doppelt so häufig an Lippenherpes wie Personen ohne diese Merkmale. Hierbei gilt: je intensiver die negativen Gefühle, desto häufiger kommt es zum Herpes labialis.

 

Die gezielte Auslösung der Infektion durch negative Gefühle wies eine Arbeitsgruppe an der Technischen Universität Dresden nach. Personen mit bereits früher aufgetretenem Lippenherpes wurden mit stark verschmutztem Geschirr (Experimentalgruppe) oder mit neutralen Gegenständen (Kontrollgruppe) konfrontiert. Stress und negative Emotionen wie Angst oder Ekel wurden bei allen Personen erfasst. 40 Prozent der Personen in der Ekel-Gruppe zeigten einen Ausbruch von Herpes labialis, während in der Kontrollgruppe keine HSV-1-Rekurrenz zu beobachten war. Auch führte Ekel zu einem deutlichen Anstieg des Zytokins Tumornekrosefaktor-(TNF)-α, das als Indikator einer erhöhten viralen Aktivität des HSV-1 gilt.

 

Stress schwächt das Immunsystem

 

Bekannt ist, dass die unter psychischem Stress ausgeschütteten Stresshormone wichtige antivirale Immunfunktionen unterdrücken und so dem bis dahin latenten HS-Virus eine (Re-)Aktivierung und Replikation ermöglichen. Neuro­immunologische Studien konnten nachweisen, dass das unter Stress ausgeschüttete Hormon Cortisol die Aktivität von NK- und zytotoxischen T-Zellen hemmt sowie die Produktion antiviraler Botenstoffe (zum Beispiel Interferon-γ) verringert. NK- und zytotoxische T-Zellen gelten als erste Verteidigungsfront bei der Erkennung und Vernichtung virusinfizierter Zellen. Adrenalin stimuliert die virale Replikation des HSV-1, hemmt die Aktivierung von Makrophagen durch Zytokine und unterbindet die Einwanderung von NK-Zellen in Regionen des Trigeminus-Nervs. Akuter sowie chronischer Stress schwächt somit wichtige antivirale Effektorzellen und ihre Funktionen.

 

Stress ist jedoch nicht nur einer der wichtigsten Triggerfaktoren für den Ausbruch von Lippenherpes. Umgekehrt ist die Infektion für viele Betroffene auch ein Auslöser von beträchtlichem psychischem Stress. So führt die schmerzhafte Symptomatik im besonders sensiblen Mund- und Lippen­bereich, vor allem aber auch die für jedermann sichtbaren Lippenbläschen und Hauterosionen, zu Selbstekel und dem Gefühl, entstellt und wenig attraktiv zu sein. Folge sind oft Unsicherheit und sozialer Rückzug – ein psycho-viraler-Teufelskreis (Abbildung). So gaben in der kürzlich veröffentlichten HERPIMAX-Studie aus den USA und Frankreich Personen mit wiederholten HSV-Rekurrenzen an, dass sie während einer Episode ihren Alltag nicht mehr wie gewohnt bewältigen können (55 Prozent) und soziale Kontakte einschränken (34 Prozent) beziehungsweise ganz meiden (19 Prozent). Bei 21 Prozent (Frankreich) bis 45 Prozent (USA) der Betroffenen führte ein Ausbruch von Lippenherpes nach eigenen Angaben sogar dazu, für mehrere Tage (im Durchschnitt drei bis fünf Tage pro Episode) nicht mehr zur Arbeit gehen zu wollen beziehungsweise zu können. Psychische Probleme bei Patienten mit wiederholt auftretendem Lippenherpes sind oft nicht auf den Zeitraum der akuten Symptomatik begrenzt.

 

Virustatika plus kosmetische Komponente

 

In der Regel genügt bei einem komplikationslosen, episodischen Verlauf der Infektion eine lokale Behandlung, die vom Patienten selbst durchgeführt werden kann. Bewährt hat sich hier eine virustatische Therapie in Form einer Creme mit Nukleosid-Analoga wie Aci­clovir oder Penciclovir. Diese sogenannten Replikationshemmer werden anstelle des natürlichen Nukleosids in die DNA des Virus eingebaut und verhindern damit dessen Vermehrung. Groß angelegte klinische Studien zeigen, dass zum Beispiel Penciclovir zu einer signifikanten Verkürzung des Krankheitsverlaufs unter anderem durch eine beschleunigte Krustenbildung führt. Dies ist auch dann noch gewährleistet, wenn die Therapie erst im Bläschenstadium beginnt.

 

Neben der Therapie mit Replikationshemmern kommen Externa wie Docosanol, Melisse oder Zinksulfat zum Einsatz. Diese Substanzen blockieren den virusspezifischen Rezeptor oder verändern die Zellmembran der Wirtszelle, sodass das Eindringen des Virus in die Wirtszelle unterbunden wird. Bei diesen Wirkstoffen ist ein frühzeitiger Therapiebeginn für die Wirksamkeit essenziell.

 

Die beschriebenen antiviralen Therapien des Lippenherpes führen zwar zu einer schnelleren Heilung und zu einer deutlichen Linderung der Symptomatik, jedoch bleiben für den Patienten der psychische Leidensdruck und damit der psycho-virale Teufelskreis bestehen. Eine optimale Therapie des Lippenherpes sollte somit antiviral und stressreduzierend wirken. Richtungsweisend könnten hier klinische Studien sein, die bei Patienten mit entzündlichen Hautveränderungen im Gesicht (Akne, Rosacea, Vitiligo) eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität, der sozialen Kompetenz und der emotionalen Befindlichkeit berichten, wenn neben der antientzündlichen Therapie eine kosmetische Behandlung, zum Beispiel durch ein spezifisches Make-up, angeboten wurde. Ein ähnlich positiver Effekt könnte möglicherweise erzielt werden, wenn die Therapie des Lippenherpes neben den bewährten Nukleosid-Analoga eine kosmetische Komponente einschließt. Diesen Ansatz verfolgt eine Peniciclovir-haltige getönte Creme. /

 

Literatur bei der Verfasserin

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