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Evidenzbasierte Medizin

Plädoyer für Phytos

11.12.2012  16:08 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, München / In wissenschaftlichen Therapieleitlinien sind Phytopharmaka nur selten vertreten. Professor Dr. Theo Dingermann, Frankfurt, ist jedoch davon überzeugt, dass eng spezifizierte Spezialextrakte die Kriterien der Evidenz-basierten Medizin (EbM) erfüllen können, wenn sie ihre Wirksamkeit in klinischen Studien belegt haben.

»Bei richtiger Indikation und reproduzierbarer Qualität sind Phytopharmaka eindeutig wirksam«, sagte der Pharmazeutische Biologe bei einer Pressekonferenz des Komitee Forschung Naturmedizin e. V. (KFN) Anfang Dezember in München. Zudem seien sie gut verträglich und würden von den meisten Patienten akzeptiert.

Pflanzliche Arzneimittel dürften nicht auf die Arzneipflanze reduziert werden. Diese sei nur der Rohstoff für ein Arzneimittel. Erst der Extraktions- und Verarbeitungsprozess führt zum Wirkstoff. »Der Extrakt ist der Wirkstoff.« Über die Entwicklungsnummer beziehungsweise den Produktcode sind Spezialextrakte eindeutig identifizierbar, erklärte Dingermann und nannte beispielhaft EGb761, STW 3-VI und BNO-1055. »Das ist wie ein INN für chemisch definierte Arzneimittel.« Strenge Herstellvorschriften garantieren zudem eine reproduzierbare Qualität der Pflanzenextrakte. Die Chargenkonformität sei wichtig für klinische Studien, sagte Dingermann. Diese seien nur sinnvoll, wenn die gewonnen Daten zuverlässig auf künftige Produktchargen übertragen werden können. Die Produktcodes müssten auch bei den Leitlinien-Kommissionen besser bekannt gemacht werden.

 

Dass es in den letzten zehn Jahren einen großen Wissenszuwachs bei den Phytopräparaten gab, bestätigte Dr.  Bertold Musselmann von der Universität Freiburg. »Die Evidenz ist deutlich angestiegen«, zeigte der Arzt am Beispiel von Ginkgo-, Mistel- und Johanniskraut-Präparaten. Der Arzt warnte jedoch vor einer Fixierung auf randomisierte klinische Studien. Zur EbM gehörten immer auch die klinische Erfahrung des Arztes sowie die Wünsche und Bedürfnisse des Patienten (siehe auch Titelbeitrag in PZ 44/2012). Wichtig sei zudem, die Grenzen der Komplementärmedizin zu erkennen.

 

In der klinischen Praxis würden Phytopharmaka zu wenig und in Kliniken fast gar nicht eingesetzt, monierte Musselmann. Bislang sind in Leitlinien nur wenige Phytopharmaka aufgeführt, vor allem Kombinationspräparate. /

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