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Operationen

Chefärzte wollen keine Boni mehr

11.12.2012  19:09 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Wie viel ein Chefarzt verdient, hängt oft zumindest teilweise davon ab, wie viel er operiert. Das ist wahrscheinlich ein Grund dafür, dass die Zahl der Operationen im vergangenen Jahr stark gestiegen ist. Denn mit der demo­grafischen Entwicklung allein lässt sich der massive Zuwachs nicht erklären.

Das Gehalt von Chefärzten sollte nicht von der Menge ihrer Fallzahlen abhängen, sondern von der Qualität ihrer Arbeit. Das hat Professor Dr. Hans-Joachim Meyer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, vergangene Woche auf einer Pressekonferenz in Berlin gefordert. Nahezu jeder zweite neu abgeschlossene Chefarztvertrag enthalte mittlerweile sogenannte variable Vergütungsvereinbarungen bei deutlich reduziertem Festgehalt. »Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Wenn Sie mehr Fälle bringen, werden Sie besser honoriert«, erklärte Meyer.

 

Großer Druck auf die Ärzte

 

Allerdings stellten die sogenannten Chefärzte-Boni keine zusätzliche Verdienstmöglichkeit für die Mediziner dar, sondern seien Teil der Gesamtvergütung. »Wenn das variable Gehalt einen beträchtlichen Teil des Gesamtverdientes ausmacht, ist der Druck auf den Arzt sehr hoch, entgegen das ärztliche Ethos zu handeln«, sagte Meyer. Das bedeutet: Die Frage, ob alle diese Eingriffe tatsächlich medizinisch notwendig sind, kann zweitrangig werden.

Die Kopplung vieler Chefarztgehälter an die Fallzahlen ihrer Stationen ist aus Sicht Meyers ein Grund dafür, dass die Zahl der chirurgischen Eingriffe in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Er zitierte eine Analyse, mit der der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung in diesem Jahr das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung beauftragt hatte. »Diese Untersuchung hat gezeigt, dass die Gesamtzahl der Behandlungsfälle in den Jahren von 2006 bis 2010 um 13 Prozent gestiegen ist«, so Meyer. In einzelnen Fächern, beispielsweise Orthopädie und Kardiologie, sei der Zuwachs mit 14 beziehungsweise 17 Prozent sogar noch deutlicher ausgefallen.

 

Neue Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) bestätigen diesen Trend. Laut Krankenhaus-Report 2013, den das WIdO Ende vergangener Woche vorstellte, ist die Zahl der stationären Behandlungen seit 2005 um 11,8 Prozent je Einwohner gestiegen. Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO, wies in einer Pressemitteilung darauf hin, »dass sich Mengenentwicklungen vor allem in denjenigen Fallgruppen vollziehen, die wirtschaftlichen Gewinn versprechen«.

 

Das sind auch hier wieder vor allem Orthopädie und Kardiologie. Laut Krankenhaus-Report hat sich die Zahl der Wirbelsäulenoperationen bei AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Bei bestimmten herzchirurgischen Eingriffen, nämlich Implantationen beziehungsweise Wechsel von Defibrillatoren, sind die Fallzahlen zwischen 2008 und 2010 um 25 Prozent gestiegen. Doch nur etwa 10 Prozent dieses Anstiegs sind auf die demografische Entwicklung zurückzuführen.

 

Dass ökonomische Fehlanreize eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielen, glaubt auch Professor Dr. Fritz Uwe Niethardt, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. So bringe eine typische Wirbelsäulen-OP einer Klinik 12 000 Euro ein. Dafür könnten 100 Jahre Behandlung ohne OP bezahlt werden, sagte Niethardt laut Nachrichtenagentur dpa.

 

Bundesärztekammer, Marburger Bund und der Verband Leitender Krankenhausärzte haben Bonuszahlungen bereits 2002 in einer gemeinsamen Stellungnahme abgelehnt. Denn ärztliches Handeln dürfe nicht vorrangig von wirtschaftlichen Kriterien geleitet werden. Eine Verknüpfung medizinischer Entscheidungsprozesse mit ökonomischen Erwägungen widerspreche dem ärztlichen Berufsethos. Meyer forderte stattdessen Belohnungen für Ärzte, die sich an der Qualität der Behandlung orientieren. Geeignete Kriterien hierfür seien etwa postoperative Komplikationsraten und das Komplikationsmanagement, die Zufriedenheit der Patienten sowie die Qualität der ärztlichen Weiterbildung und Mitarbeiterführung. /

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