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Organspende

Bürger setzen auf Neuregelung

13.12.2011
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Von Ina Brzoska, Berlin / Im Zuge der geplanten Neuregelung der Organspende zeichnet sich ein deutlicher Rückhalt in der Bevölkerung für die sogenannte Entscheidungslösung ab. Rund 70 Prozent der Deutschen gehen laut einer aktuellen Befragung davon aus, dass der neue Kompromiss der Bundesregierung die Spendebereitschaft erhöht.

Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie durch die Entscheidungslösung selbst »bestimmt« oder »zumindest wahrscheinlich« in eine Organspende einwilligen würden. Derzeit sind allerdings nur 16 Prozent im Besitz eines Organspendeausweises. Das Institut GfK Healthcare hatte im Auftrag von Barmer-GEK und Bertelsmann Stiftung 1000 Frauen und Männer ab 14 Jahren befragt. Das Resultat der Umfrage und die Ergebnisse zum Thema Organspende aus dem neuen Gesundheitsmonitor 2011 wurden vergangene Woche in Berlin vorgestellt.

 

Mehr Spender ohne Druck

 

Bislang gilt in Deutschland die sogenannte Zustimmungslösung. Dabei wartet der Staat darauf, dass sich die Bürger zum Thema Organspende aus eigener Initiative heraus erklären. Der fraktionsübergreifende Kompromiss, auf den sich die Bundestagsfraktionen Ende November geeinigt haben, sieht vor, die Deutschen häufiger mit der Entscheidung zu konfrontieren, Leber, Niere oder Herz nach dem Tod zu spenden. Damit soll die Spendebereitschaft erhöht werden, ohne Druck auszuüben. Anfang 2012 soll der Kompromiss im Bundestag verabschiedet werden.

»Wir brauchen eine Versachlichung des Themas, die Menschen motiviert, mitzumachen«, sagte Barmer-GEK-Chef Christoph Straub. Gesund­heits­minister Daniel Bahr (FDP) will jeden Deut­schen zu dem Thema von den Krankenkassen befragen lassen. Auch bei der Ausgabe von Per­so­naldokumenten soll das Thema angesprochen werden.

 

Straub forderte Unterstützung von der Politik. »Wir brauchen eine massive Aufklärungs­kam­pagne der Bundesregierung«, sagte er. Tat­sächlich gaben mehr als ein Drittel der Befrag­ten an, nicht ausreichend informiert zu sein. Beson­ders betrifft das Männer und Altersgruppen unter 40 Jahren. Zudem zeigte sich, dass die Spende­bereitschaft mit dem Bildungsgrad korreliert. Laut Umfrage besitzen nur fünf Prozent der Haupt- und Volksschüler ohne Lehre einen Organspendeausweis, bei Akademikern sind es hingegen 22 Prozent. Die meisten bereitwilligen Spender sind zwischen 30 und 39 Jahre alt. Laut Umfrage tragen mehr Frauen als Männer einen Ausweis.

 

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) geht davon aus, dass derzeit 12 000 Patienten auf ein Spenderorgan warten. Allein 8000 Menschen in Deutschland brauchen eine neue Niere, sie warten zwischen fünf und zehn Jahre. Im vergangenen Jahr starben mehr als 1100 Menschen, weil für sie kein Spenderorgan gefunden werden konnte.

 

Professor Marlies Ahlert von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verwies auf Ängste und Vorurteile der Deutschen gegenüber der Organspende. So zeigten sich 45 Prozent aller Befragten misstrauisch: Bei Patienten, die einen Ausweis tragen, könne es dazu kommen, dass die Lebensrettung nicht mehr im Vordergrund stehe, so eine verbreitete Angst. Besonders skeptisch sind der Befragung zufolge Menschen in Ostdeutschland und Nichtwähler.

 

»Wir müssen die Bürger überzeugen, dass auch bei Vorliegen der Spendenerklärung alles getan wird, um ihr Leben zu retten«, sagte Ahlert. Barmer-GEK, Bertelsmann Stiftung und Experten der Uni Halle-Wittenberg halten bei der Entscheidungslösung ein Zentralregister für sehr wichtig. Darin sollten bundesweit positive wie negative Erklärungen zur Organspende erfasst werden. Das könnte das heute oft schwierige Gespräch mit Angehörigen eines möglichen Spenders in der Klinik erleichtern. Ahlert plädiert für die Lösung, dass Ärzte in ein solches Register erst Einsicht nehmen dürfen, wenn der Hirntod festgestellt worden ist.

 

Vorzug für Jüngere

 

Auch die Organverteilung beschäftigt potenzielle Spender. 85 Prozent der Befragten sind dafür, Personen mit langen Wartezeiten bei der Vergabe zu bevorzugen. Das eigene Mitverschulden, etwa durch Medikamenten- oder Drogenmissbrauch, sollte nach Meinung von 53 Prozent zu einer Benachteiligung gegenüber Patienten ohne eigenes Verschulden führen. 59 Prozent der Befragten sind dafür, jüngere Menschen bevorzugt zu behandeln. / 

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