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Fälschungen

Verheugen warnt eindringlich

08.12.2009
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Von Daniel Rücker / Die Gefahr von Arzneimittelfälschungen wurde in Deutschland vielerorts unterschätzt. Zum Ende seiner Amtszeit schlägt EU-Kommissar Günter Verheugen noch einmal Alarm. Die Zahl gefälschter Medikamente steige in Deutschland rasant an, warnte er am Montag in einem Gespräch mit der »Welt«.

Für Verheugen haben sich gefälschte Arzneimittel zu einer stetig wachsenden Gefahr für die Gesundheit der Bürger in der Europäischen Union entwickelt. »Die Zahl der gefälschten Arzneimittel, die beim Patienten landen, steigt immer mehr«, warnte Verheugen. Er will mit dieser Aussage auch Druck auf die EU und die Mitgliedstaaten machen, endlich wirkungsvolle Gesetze zum Schutz der Menschen zu beschließen.

Die aktuellen Verhandlungen über die von ihm initiierte und unter dem Begriff »Pharmapaket« bekannt gewordene Gesetzgebung für den europäischen Arzneimittelbereich laufen ihm zu langsam. Besondere Dringlichkeit sieht er auch, weil es sich bei den Fälschungen längst nicht mehr nur um Lifestyle-Medikamente, sondern auch um Antibiotika, Krebs- und Malariamedikamente, Cholesterinsenker und Schmerzmittel geht.

 

34 Millionen gefälschte Tabletten

 

Verheugen begründet seine Warnung mit den jüngsten Zahlen der europäischen Zollbehörden. Diese hätten allein innerhalb von zwei Monaten rund 34 Millionen gefälschte Tabletten sichergestellt. Von dem Trend ist auch Deutschland betroffen. Zwar sind die öffentlichen Apotheken weiterhin ein Bollwerk gegen Fälschungen, über illegale Vertriebskanäle kommen jedoch zunehmend Plagiate ins Land.

Wie weit sich Fälschungen auch in den Industrienationen ausgebreitet haben, dokumentierte erst vor wenigen Wochen die weltweite konzertierte Aktion »Pangea 2« bei der Arzneimittelbehörden aus 24 Ländern zusammen mit Zoll und Polizei unter der Leitung von Interpol 167 000 gefälschte Tabletten sicherstellten und 995 verdächtigte Päckchen beschlagnahmten (siehe dazu Arzneimittelsicherheit: Weltweiter Schlag gegen Fälscher, PZ 48/2009). Im Fokus der Ermittlungen standen damals illegale Internetapotheken, von denen nach der Razzia immerhin 75 abgeschaltet wurden.

 

Dass der illegale Internethandel mit Arzneimitteln das wesentliche Einfallstor für Fälschungen ist, wird mittlerweile von kaum jemanden noch bestritten. Deshalb empfahlen am Dienstag auch verschiedene Tageszeitungen ihren Lesern, Arzneimittel grundsätzlich »in der Apotheke ihres Vertrauens« (Berliner Zeitung) zu kaufen. »Der sicherste Weg ist immer noch der Weg in die Apotheke«, schrieb »Bild«. Und die »Süddeutsche Zeitung« zitiert den Pharmakologen Bernd Mühlbauer mit dem Satz: »In einer Apotheke in Deutschland käme ich nie auf den Gedanken, gefälschte Medikamente zu bekommen.«

 

Einigung im kommenden Jahr

 

Verheugen erwartet eine baldige Einigung der Europäischen Union im Kampf gegen Arzneimittelfälschungen: Die EU werde im kommenden Jahr vorschreiben, dass der Weg einer Arznei von der Herstellung bis zum Verkauf lückenlos dokumentiert werden muss. Sicherheitszeichen und Siegel auf den Packungen würden dann die Echtheit und Unversehrtheit der Packung garantieren.

Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände unterstützt die klare europäische Linie für einen stärkeren Schutz der Verbraucher und Patienten gegen gefälschte Medikamente. »Fälscher nehmen den Tod von Menschen billigend in Kauf, um ihren Profit zu optimieren. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Kampagne, um Verbraucher und Patienten stärker zu sensibilisieren und vor den Gefahren eindringlich zu warnen«, sagte ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf. Problematisch ist nach Ansicht der ABDA allerdings die mangelhafte Kontrolle der Internetversender. Das gelte vor allem für ausländische Anbieter, die mit Billigstangeboten lockten. Der Preiskampf zwischen den Versandanbietern führe zwangsweise zu einem kaum kontrollierbaren Einkaufsverhalten bei Zwischenhändlern, kritisierte der ABDA-Präsident, der den Patienten deshalb empfiehlt, Arzneimittel in öffentlichen Apotheken zu kaufen. Wolf: »Patienten können kaum zweifelsfrei feststellen, ob sie bei einer sicheren, legalen Versand-apotheke oder bei einem illegalen Anbieter landen. Angesichts der dramatischen Entwicklung bei den Fälschungen muss die Politik ein schärferes Controlling durchsetzen. Eine einfache Liste zum Nachschlagen und nicht fälschungssichere Signets wie das des DIMDI helfen nicht wirklich weiter.«

 

Die Apotheker begrüßen grundsätzlich die Ziele der EU-Kommission, Arzneimittel zu kennzeichnen, um illegalen Anbietern den Garaus zu machen. Wolf: »Hier gibt es konkreten Handlungsbedarf. Es wäre gut, wenn es eine flächendeckende, europä-ische Lösung gäbe, die den Schutz der Patientendaten berücksichtigt.« /

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