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TV-Sendung

Engelen warnt vor Fälschungen

15.12.2009
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Von Stephanie Schersch / Über Arzneimittelfälschungen im Internet wird derzeit viel diskutiert. Der Vizepräsident der Bundesapothekerkammer, Lutz Engelen, sprach in der ZDF-Talkshow »Markus Lanz« zu diesem Thema – und warnte ausdrücklich vor einer Vielzahl an Gefahren.

»Medikamente falsch dosiert oder unsachgemäß eingesetzt, schädigen und können sogar tödlich sein«, sagte Engelen. Die Äußerungen des EU-Kommissars Günther Verheugen, der den Handel mit gefälschten Präparaten kürzlich einen »versuchten Massenmord« nannte und damit die aktuelle Diskussion in Gang setzte, betrachtet Engelen durchaus nicht als übertrieben. »Die Situation ist tatsächlich so dramatisch.« Falsche Wirkstoffdosen, Verunreinigungen jeder Art bis hin zu Giften seien in gefälschten Arzneimitteln enthalten. »Es stecken viele Impulse krimineller Energien in diesem Markt«, so Engelen.

Auch Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt Köln berichtete in der Sendung von einer großen Anzahl Fälschungen, die den Ermittlern ins Netz gingen. Bis zu 94 Prozent der Medikamente, die im Internet außerhalb offizieller Versandapotheken vertrieben würden, seien Imitate. »Das ist eine erschreckende Zahl«, so Schmitz. Dabei handelt es sich längst nicht mehr vornehmlich um Lifestyle-Präparate, sondern zunehmend um Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Insuline und Impfstoffe.

 

Engelen verwies auf die professionelle Gestaltung der entsprechenden Websites. »Über medizinische Fragebögen und den Verweis auf Kooperationspartner werden Sicherheit und Vertrauen suggeriert.« Für den Verbraucher sei nur schwer bis gar nicht zu erkennen, dass Kriminelle hinter diesen Seiten stehen. »Allerdings muss jeder, der ohne Rezept verschreibungspflichtige Arzneimittel im Internet bestellt, wissen, dass er sich damit im illegalen Bereich bewegt«, betonte Engelen. Schmitz bezeichnete die Aufmachung der Internetseiten ebenfalls als zunächst vertrauenerweckend. Mit gefälschten Arzneimitteln würden Gewinnspannen erzielt, die über denen des Rauschgifthandels liegen. »Da können sich die Täter ein professionelles Webdesign leisten«, sagte er. Das Impressum mache allerdings häufig stutzig und sei schwer verständlich formuliert. »Es gibt Stellen, bei denen man sich informieren kann, wenn eine Website einen verdächtigen Eindruck macht.« Von dieser Möglichkeit sollte man unbedingt Gebrauch machen, riet Schmitz.

 

Das Problem der gefälschten Arzneimittel wirft auch gesellschaftliche Fragen auf, findet Engelen. Die Einstellung »Geiz ist geil!« hätten die Ware Arzneimittel trivialisiert und auf eine gefährliche Ebene gezogen. In den deutschen Apotheken allerdings seien Patienten weitgehend sicher vor gefälschter Ware. »Hier finden täglich viele 100 000 Stichproben statt«, erklärte Engelen. »Sollte also tatsächlich ein gefälschtes Präparat in einer Apotheke auftauchen, dann würde es mit Sicherheit entdeckt werden.« Nur Arzt und Apotheker könnten zudem Therapiesicherheit gewährleisten. Wer also Antibiotika ohne Rezept über das Internet beziehe und unkontrolliert einnehme, könne Resistenzen entwickeln, warnte er. Auch Schmitz riet dazu, für Arzneimittelfragen den Apotheker des Vertrauens zu konsultieren. Er lobte außerdem die Tatsache, dass es in Deutschland den offiziellen Versandweg über die Apotheke gebe, abseits vom illegalen Arzneimittelhandel. »In vielen anderen Ländern ist dies nicht der Fall.« /

Kommentar: Kompetent

»Versuchter Massenmord« – mit seinen Äußerungen hat EU-Kommissar Günter Verheugen die Diskussion um gefälschte Arzneimittel im Internet erneut entbrennen lassen. Der illegale Handel mit Fälscherware hat unglaubliche Ausmaße angenommen, die Folgen sind mitunter dramatisch. Diese Meinung bestimmt auch die öffentliche Diskussion. Über die Gefahren des illegalen Internethandels mit Arzneimitteln besetht Einigkeit. Die Apotheker sind hier die wichtigste Informationsquelle der Patienten. Bei »Markus Lanz« hat Lutz Engelen kompetent und verständlich über lebensbedrohliche Substanzen aufgeklärt, die gefälschte Arzneimittel enthalten können. Er hat deutlich gemacht, dass die Politik handeln muss, und stößt damit auf breite Zustimmung. Heute werden die Ansichten der Apothekers in der Debatte ernst genommen und von Nicht-Pharmazeuten geteilt. Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass die Warnungen der Apotheker vor dem Internet-Versandhandel die Verbraucher schützen sollen und nicht der Besitzstandswahrung dienen. Den Apothekern geht es allein um die Sicherheit der Patienten, das hat Engelen kommuniziert.

 

Stephanie Schersch

PZ-Redaktion

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