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Schweinegrippe

Eine Impfdosis für alle Altersklassen

08.12.2009
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Von Gudrun Heyn, Berlin / In ihren neuen Empfehlungen betont die Ständige Impfkommission, dass für alle Altersgruppen eine Impfdosis gegen den Schweinegrippe-Erreger ausreichend ist. Grundlage sind neue Erkenntnisse zu einer bestehenden Grundimmunisierung der Bevölkerung.

Seit dem Ausbruch der Pandemie sind in Deutschland mehr als 190 000 Menschen an der neuen Influenza A(H1N1) erkrankt. Eine erste Erkrankungswelle erfolgte im Sommer. Die zweite Welle hat soeben ihren Scheitelpunkt überschritten, und die Zahl der neu infizierten Menschen geht langsam wieder zurück. Dennoch fordern das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und das Robert-Koch-Institut (RKI) die Bevölkerung weiterhin zur Impfung auf.

Entgegen ihren bisherigen Empfehlungen haben beide Institute nun ihre ergänzenden Hinweise zu den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) geändert. Demnach ist eine einmalige Impfung bei allen Altersgruppen angemessen. »Wir haben es nicht mit einer immunologisch naiven Bevölkerung zu tun«, sagte der Präsident (a. D.) des Paul-Ehrlich-Instituts, Professor Dr. Johannes Löwer, auf einer Tagung zur Neuen Grippe im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in Berlin. Es sei daher sinnvoll, die Dosierung zu reduzieren.

 

Noch in der Empfehlung vom 5. Oktober waren für Kinder von sechs Monaten bis neun Jahren und für Erwachsene über 60 Jahren zwei Impfungen in einem Mindestabstand von drei Wochen vorgesehen. Nun soll eine Impfung reichen. Geblieben ist jedoch, dass pro Impfung Kinder von sechs Monaten bis neun Jahren eine halbe Erwachsenendosis (0,25 ml) des H1N1-Pandemieimpfstoffes Pandemrix® und Personen ab zehn Jahren eine ganze Erwachsenendosis erhalten sollen. Ob die dabei erreichten Antikörpertiter über eine längere Zeit ausreichend wirksam sind, wird sich erst in naher Zukunft zeigen. Doch auch bis zu sechs Monaten nach der ersten Impfung ist es möglich, eine zweite Dosis zu verabreichen und so einen guten Impfschutz zu gewährleisten.

 

Hintergrund der Empfehlung sind neu erhobene klinische Daten des Pandemrix-Herstellers GlaxoSmithKline (GSK). Bereits bei einer einmaligen Anwendung des Impfstoffes belegen sie eine hohe Immunogenität bei gesunden Erwachsenen, Älteren und Kindern im Alter von 6 bis 35 Monaten. Doch dieses Ergebnis ist nur zum Teil ein Erfolg der Wirkverstärkung durch das Adjuvans. »Offensichtlich ist die Häufigkeit von Antikörpern gegen das neue H1N1-Virus in der Bevölkerung größer als ursprünglich gedacht«, sagte Löwer. Dies belegten bislang unveröffentlichte Daten des PEI. Auch in den Vereinigten Staaten konnten die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) anhand von Blutproben aus der Bevölkerung feststellen, dass ein erheblicher Prozentsatz der getesteten Personen bereits eine Immunität gegen den neuen H1N1-Erreger aufweist. Insbesondere bei Personen, die in der Zeit zwischen 1910 und 1930 geboren sind, ist die Wahrscheinlichkeit für einen hohen Antikörpertiter groß. »Wir vermuten daher, dass eine Verwandtschaft zwischen der Spanischen Grippe und der Schweinegrippe bestehen könnte«, sagte Löwer. Doch auch sehr viel später geborene Personen können einen gewissen Immunschutz besitzen.

 

Einen weiteren Beleg für eine bestehende Grundimmunisierung vor allem in der älteren Bevölkerung liefern die bislang in Deutschland erhobenen epidemiologischen Daten. Sie zeigen, dass Kinder und Jugendliche sehr viel häufiger von der Erkrankung betroffen sind als Menschen in einem höheren Lebensalter. »In den Statistiken treten Menschen über 60 Jahre so gut wie gar nicht in Erscheinung«, sagte Dr. Gérard Krause vom RKI auf der Tagung. Ein Unterschied zur saisonalen Grippe besteht in der erheblichen Anzahl von Kindern und jungen Erwachsenen, die aufgrund schwerer Verläufe in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist das Risiko, hospitalisiert zu werden, in der Altersgruppe der Unter-24-Jährigen zwei- bis dreimal so hoch. Dennoch sind nicht die jungen, sondern die älteren Grippepatienten besonders gefährdet, Komplikationen zu entwickeln. Aufgrund der geringen Erkrankungszahlen fallen sie aber in den Statistiken kaum auf.

 

In der Regel verläuft eine Schweine­grippe jedoch sehr mild. Zahlen aus Aus­tralien belegen, dass durchschnittlich etwa fünf Personen auf eine Million Einwohner sterben, bei der saisonalen Grippe sind es dagegen 120 Menschen auf eine Million Einwohner. Noch ist nicht gewiss, ob sich diese Zahlen auf Deutschland übertragen lassen. So wird eine endgültige Berechnung erst dann möglich sein, wenn auch auf der Nordhalbkugel der Winter vorüber ist. Bislang sind in Deutschland 86 Menschen an der neuen H1N1-Influenza verstorben. Wenige Menschen waren davon über 60 Jahre. Bezogen auf die Zahl der Erkrankten in ihrer Altersgruppe ist ihr Sterberisiko jedoch überproportional hoch.

 

Trotz der zurückgehenden Erkrankungszahlen und des in der Regel milden Verlaufes der Schweinegrippe halten es PEI und RKI nach wie vor für sinnvoll, weiterhin zu impfen. »Wir müssen davon auszugehen, dass sich mindestens noch einmal so viele Menschen infizieren werden, wie vor dem Erreichen des Scheitelpunktes der jetzt herrschenden Erkrankungswelle«, sagte der Experte für Infektionsepidemiologie des RKI. Die zweite Welle begann um die 41. Kalenderwoche, seit der 48. Woche nimmt ihre Aktivität wieder ab. Dennoch kann niemand ausschließen, dass es in der ersten Jahreshälfte 2010 zu einem erneuten Aufflammen der Schweinegrippe kommen wird. Wie die Zahlen aus den Vorjahren nahelegen, wird dann auch der Höhepunkt der saisonalen Grippe zu erwarten sein. Spätestens im Herbst 2010 wird der derzeit grassierende Erreger der Schweinegrippe wieder auftauchen. Darin sind sich die Experten von PEI und RKI einig. »Alle, die sich jetzt impfen lassen, sind wahrscheinlich bis dahin geschützt«, sagte Krause. Da nach den Empfehlungen von PEI und RKI nur noch eine Impfdosis notwendig ist, können sich nun deutlich mehr Menschen vor der Neuen Grippe schützen. Dazu werden 50 Millionen Impfdosen des adjuvantierten H1N1-Impfstoffes Pandemrix von den Bundesländern bereitgestellt. Bis März 2010 sollen sie ausgeliefert sein.

 

Aber auch für Schwangere gibt es gute Nachrichten. »Ab Mitte der 50. Woche wird der nicht-adjuvantierte A/H1N1-Spaltimpfstoff der australischen Firma CSL für die Impfung von Schwangeren zur Verfügung stehen«, sagte der thüringische Staatssekretär für Soziales, Familie und Gesundheit, Dr. Hartmut Schubert, auf der Tagung. Insgesamt 150 000 Impfdosen werde die Bundesregierung bestellen. /

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