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Rabattverträge

AOK beendet Angebotsfrist und attackiert die Apotheker

08.12.2009
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Von Daniela Biermann und Daniel Rücker / Die AOK hält auch in ihrer vierten Rabattrunde daran fest, pro Fachlos nur einen Zuschlag zu erteilen. Verhandlungsführer Dr. Christopher Hermann verteidigt die umstrittene Praxis gewohnt offensiv.

Seit dem 6. Mai 2009 hat sich bei der AOK einiges geändert. An diesem Tag hatte der AOK-Bundesverband seine dritte Rabattrunde angekündigt. Überschrieben war die Pressemeldung mit dem Titel »AOK setzt auf eine Partnerschaft mit dem Deutschen Apothekerverband«. In dem Text wird von »gemeinsamen Vorbereitungen«, praktischen Übergangslösungen« und »genügend Zeit zur Umsetzung« geschrieben.

Offensichtlich hat Hermann damit sein Kuschelbedürfnis für dieses Jahr gestillt. Ziemlich genau sieben Monate später, am 4. Dezember, setzt er wieder auf Attacke. So heißt es in der Pressemeldung zum Ende der Angebotsfrist, Rabattverträge erhöhten die Therapietreue der Patienten, weil sie für zwei Jahre dasselbe Medikament erhielten und ein »Präparatewechsel je nach Gewinnpräferenz von Arzt und Apotheker« damit ausgeschlossen sei. Indirekt wirft Hermann den Apothekern vor, sich bislang von Generika-Herstellern korrumpieren zu lassen. Die kleineren Unternehmen müssten bei den AOK-Rabattverträgen »nicht befürchten, vom Apotheker gegen einen großen Gewinner mit pekuniärer Überzeugungskraft ausgetauscht zu werden«. Bei mehreren Zuschlägen pro Los würden die Apotheker größere Konkurrenten regelmäßig bevorzugen. Damit will Hermann sich offensichtlich dafür rechtfertigen, dass die AOK im Gegensatz zu vielen anderen Krankenkassen bei einem Zuschlag pro Los bleibt und so Lieferengpässe riskiert.

 

Nach Angaben der AOK wollen 90 Pharmahersteller in der nächsten Rabattvertragsrunde mitmischen. Wie die Kasse mitteilte, ist unter den Bietern vom kleinen Unternehmen über den Mittelstand bis zu weltweit agierenden Konzernen alles dabei. Diesmal geht es um 87 Arzneistoffe mit einem Ausschreibungsvolumen im Wert von 1,4 Milliarden Euro, darunter der Protonenpumpeninhibitor Pantoprazol und das Antidepressivum Venlafaxin.

AOK-Verhandlungsführer Dr. Christopher Hermann sieht die Attraktivität des AOK-Modells für die Hersteller angesichts der Angebotsfülle bestätigt. Hermann: »Die Vielfalt an interessierten Pharmafirmen zeigt klar, dass das 2008 durchgesetzte und nun fortgeführte bewährte AOK-Modell der exklusiven Zuschläge in Gebietslosen für Unternehmen jeglicher Größe erfolgversprechend ist.« Der exklusive Zuschlag für einen bestimmten Wirkstoff in einem bestimmten Gebietslos gebe »ein Höchstmaß an Planungssicherheit«, heißt es in der Pressemitteilung. Geld, das vorher in »teures und überflüssiges Arzt- und Apothekermarketing« geflossen sei, komme nun den Versicherten zugute.

 

Mit seiner aggressiven Argumentation reagiert Hermann auf Ausschreibungen von Ersatzkassen unter der Führung der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) und von Spektrum K. Hier erhielten bis zu vier Unternehmen Zuschläge für dasselbe Fachlos. Nachdem laut Landessozialgericht (LSG) Essen im September mehrere Zuschläge pro Fachlos nicht gegen Vergaberecht verstießen, hatten die Kassen ihre Strategie bei Rabattverträgen geändert.

 

Der Deutsche Apothekerverband hätte sich gefreut, wenn auch die AOK diesen Kurswechsel vollzogen hätte. Die Apotheker seien über die Entscheidung des LSG froh, sagte damals der DAV-Vorsitzende Fritz Becker der PZ. Es sei eine alte Forderung des DAV, dass mindestens drei Hersteller pro Fachlos den Zuschlag erhalten sollten. Hermann hatte dies schon zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen.

 

Natürlich sind auch die Generikahersteller nicht wirklich glücklich mit der AOK-Ausschreibung. Angesichts von Preisnachlässen bis zu 50 Prozent bleibt manchem nicht mehr die Luft zu atmen. Der Gewinn eines oder mehrerer Fachlose ist für die Unternehmen keinesfalls eine Ertragsgarantie. Faktisch haben die Unternehmen angesichts der Marktbedeutung der Ortskrankenkassen kaum eine Wahl. Wer sich nicht an der Ausschreibung beteiligt, verzichtet damit auf die der Versorgung eines Drittels der GKV-Versicherten. Wenn Hermann die hohe Beteiligung der Industrie nun als Zeichen der Akzeptanz für die AOK-Rabattverträge bezeichnet, dann muss dies den Herstellern wie Hohn klingen.

 

Beim Branchenverband Progenerika will man auch gar nicht darüber diskutieren, ob Ausschreibungen mit einem oder mehreren Gewinnern pro Fachlos besser sind. »Es gibt bei Rabattverträgen keine Gewinner unter den Generikaunternehmen«, sagt Pressesprecher Thomas Porstner der PZ. Rabattverträge führten zum Kollaps des Generikamarktes. Ohnehin hält Porstner das von Hermann ins Spiel gebrachte Argument der Mittestandsfreundlichkeit für vorgeschoben. Porstner: »Es gibt den klassischen Mittelstand im Generikamarkt kaum noch.« Die von Progenerika vertretenen großen Unternehmen deckten 75 Prozent des Marktes ab. Vom Rest seien viele im Besitz ausländischer Generikafirmen oder von Finanzinvestoren.

 

Untersuchung widerlegt Hermann

 

Noch abstruser ist jedoch ohne Frage Hermanns Argument, die Rabattverträge garantierten Therapietreue und damit eine hohe Compliance. Erst vor drei Wochen hatte eine Untersuchung der Hochschule Fresenius genau das Gegenteil belegt. Danach klagt die Hälfte der Patienten nach der Umstellung über Nebenwirkungen, jeder elfte Befragte gab sogar an, wegen der Umstellung ambulante oder stationäre Behandlung benötigt zu haben (siehe dazu Untersuchung: Machen Rabattverträge krank? PZ 47/2009). Ein echter Nutzen der Rabattverträge für die Patienten lässt sich daraus nicht ableiten.

 

Klar ist auch, dass in den Apotheken erhebliche Mehrarbeit anfällt. Nach der Fresenius-Untersuchung werden mehr als die Hälfte der Patienten erst in der Apotheke aufgeklärt. Eine Untersuchung von »Medical Tribune«, Bürgerinitiative Gesundheit und Deutscher Gesellschaft für Innere Medizin kam ebenfalls zu dem Schluss, dass Rabattverträge die Patienten verunsichern und so die Compliance gefährden. Ob Hermann angesichts der Datenlage mit seinem Konfrontationskurs richtig fährt, ist zumindest umstritten. /

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