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Pharmaindustrie

Engagement für Entwicklungsländer

04.12.2012
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Von Stephanie Schersch / Viele der weltweit führenden Pharma­unternehmen haben ihre Bemühungen verstärkt, Medikamente in Entwicklungsländern besser zugänglich zu machen. Das geht aus dem jüngsten Access to Medicine Index hervor, der vergangene Woche in Amsterdam veröffentlicht wurde.

Wie bereits vor zwei Jahren schneidet auch im aktuellen Bericht GlaxoSmithKline am besten ab, doch weitere Unternehmen schließen auf. Auf Platz 2 rangiert Johnson & Johnson (2010: Rang 9), einer der größten Aufsteiger, dicht gefolgt von Sanofi auf Rang 3 (2010: Platz 5). Zu den Absteigern zählen AstraZeneca auf Rang 16 (2010: Platz 7) und Boehringer-Ingelheim auf Platz 17 (zuvor Platz 12). Auch Novartis liegt in diesem Jahr nur noch auf Rang 7 (2010: Platz 3) und belegt damit ebenso wie Roche auf Rang 10 (zuvor Rang 6) einen schlechteren Platz als noch vor zwei Jahren. Das untere Ende des Rankings bilden die japanischen Unternehmen Takeda, Daiichi und Astellas.

Der Access to Medicine Index wird seit 2008 alle zwei Jahre von der Stiftung Access to Medicine veröffentlicht, einer Non-Profit-Organisation mit Sitz in den Niederlanden. Der Bericht zeigt auf, was die 20 führenden Pharmaunternehmen der Welt für den Zugang zu Arzneimitteln in Entwicklungsländern tun. In sieben Bereichen werden die Hersteller in Bezug auf ihr Engagement, ihre Leistung, ihren Innovationsgrad und die Trans­parenz ihrer Aktivitäten beurteilt.

 

Dabei geht es zum Beispiel um die Frage, inwiefern die Firmen Bemühungen unterstützen, Generika ihrer Medikamente zu entwickeln. Aber auch die Preisgestaltung in Entwicklungsländern und wohltätige Aktivitäten werden berücksichtigt. Finanziert wird der Index unter anderem durch die Bill & Melinda Gates Foundation, das niederländische Außenministerium und das British Department for International Development.

 

17 der 20 Unternehmen schneiden insgesamt besser ab als im letzten Bericht aus dem Jahr 2010. »Der diesjährige Index zeigt, dass die Unternehmen bei ihren Bemühungen zur Verbesserung des Zugangs zu medizinischer Versorgung intern besser organisiert sind«, kommentierte der Gründer des Index Wim Leereveld die Ergebnisse. »Die führenden Unternehmen legen die Latte immer höher.« Gleichzeitig ist dem Bericht zufolge aber auch die Lücke zwischen den letztgereihten und den führenden Unternehmen kleiner geworden.

 

Bessere Zusammenarbeit

 

Insgesamt entwickelten die Unternehmen mehr Produkte für Krankheiten, die vor allem die arme Bevölkerung betreffen und arbeiteten dabei stärker zusammen als noch vor zwei Jahren. Darüber hinaus setzen laut Studie immer mehr Firmen ein gestaffeltes Preissystem ein, um die Preise für bestimmte Länder und Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Landes zu senken.

 

In einigen Bereichen sieht der Bericht allerdings erhebliches Verbesserungspotenzial für alle Unternehmen. So sollten die Firmen etwa mehr Transparenz in Bezug auf Lobbying-Praktiken zeigen und zulassen, dass klinische Testdaten für die raschere Genehmigung von Generika in Entwicklungsländern verwendet werden dürfen. /

Kommentar

Zum Umdenken gezwungen

Ein Unternehmen ist nicht nur durch eine hohe Rendite erfolgreich. Es muss sich auch an ethischen Maßstäben messen lassen. Viele Pharmaunternehmen haben das bereits verstanden, wie der aktuelle Access to Medicine Index zeigt. Sicherlich müssen Investitionen in die Entwicklung und Forschung von Medikamenten vernünftig belohnt werden. Innovative Arzneimittel sind daher oftmals sehr teuer. Doch gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern müssen Pharmahersteller das Profitdenken hintanstellen, um den Menschen auch dort wichtige Medikamente zugänglich zu machen. Dazu gehört, die Entwicklung von Generika zu unterstützen, indem die Hersteller beispielsweise selbst eine günstige Zweitmarke unter anderem Namen und in neuer Verpackung auflegen. Auch die Preis­gestaltung muss sich an den jeweiligen Markt anpassen. Es ist erfreulich, dass sich laut Index bereits 17 Unternehmen deutlicher anstrengen, den Medikamentenzugang in Entwicklungsländern zu verbessern. Aber es müssen noch viel mehr Hersteller werden, die sich dadurch nicht zuletzt auch um ein positives Unternehmensimage bemühen. Wer sich sperrt und das Gewinnstreben über das Wohl und die Gesundheit der Armen stellt, wird früher oder später verlieren. Das Beispiel von Bayer in Indien zeigt aktuell, wohin Hochpreispolitik führen kann. Obwohl das Nierenkrebsmittels Nexavar® noch acht Jahre Patentschutz hat, erlaubte die indische Patentbehörde der Firma Natco das Medikament preiswert nachzuahmen und auf den Markt zu bringen. Begründung: Das Original sei für die indische Bevölkerung mit 5500 Dollar pro Monatsration viel zu teuer. Wer nicht freiwillig umdenkt, wird also gezwungen – und verliert dabei nicht nur seine Kunden, sondern auch seinen guten Ruf.

 

Ev Tebroke

Redakteurin Politik und Wirtschaft

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